© Valeria Mitelman
Links: Veronika Aumann trägt einen „Shuffle Sleeve“: Ein eingearbeiteter MP3-Player lässt sich durch das Knoten des Schals steuern. Rechts: Anne Wohlaufs Notfalljacke alarmiert einen Arzt, wenn man einen Herzinfarkt erleidet und sich an die Brust fasst. Räusper: Das Herz sitzt links, nicht wie bei uns im Bild rechts. Detailprobleme eines Prototyps, würden wir sagen.
Wenn Katharina Bredies die Musik zu laut oder zu leise ist, greift sie nach keiner Fernbedienung, sie drückt auch keinen Knopf. Sie zieht an den Schnüren ihrer Strickmütze. Den rechten Bommel nach vorn ziehen: lauter. Linker Bommel: leiser. „Wave Cap“ nennt sich die Mütze aus hellgrauer Wolle, in die die Designerin ein winziges UKW-Radio eingebaut hat. Die Lautsprecher? Unsichtbar in zwei Schals an den Seiten der Kopfbedeckung.
Mützen mit Radio-Empfänger sind aber nicht die einzigen elektronisch aufgerüsteten Kleidungsstücke, die auf dem großen Tisch in der Berliner Universität der Künste (UdK) ausgebreitet sind: Hier liegt auch eine Jacke, die im Notfall einen Helfer anruft; ein Hut, der seinen Besitzer in Zukunft mithilfe von Vibrationen durch unbekannte Städte lenken soll. Und vor allem gibt es hier die „Hacker Ladies“: eine Gruppe von fünf Studentinnen, die mit Strickmaschinen und elektronischen Schaltungen die Interaktion zwischen Mensch und Technik neu erfinden wollen.
Gesche Joost ist Professorin für Designforschung an der UdK und der Mittelpunkt des kreativen Gewimmels im „Design Research Lab“. Sie glaubt, dass Textilien die neuen Benutzerschnittstellen zu unseren technischen Geräten werden könnten. „Heute nutzt man dafür vor allem Schalter und Displays, aber wir versuchen, diese alten Technologien zu überwinden und alternative Interfaces im wahrsten Sinne des Wortes neu zu stricken“, sagt die Kielerin, die 2006 im Alter von 32 Jahren zu den „100 Köpfen von morgen“ gewählt wurde – neben Prominenten wie Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck oder Schauspielerin Julia Jentsch. „Unser Ziel ist es, die Interaktion anderswo zu platzieren: Die Nutzer sollen nicht mehr einen Knopf drücken, sondern beispielsweise etwas knoten oder knüllen.“ So kommt es, dass die Hacker Ladies angefangen haben, Technik tatsächlich mit dem zu verweben, was uns gewöhnlich am nächsten ist: unserer Kleidung. Vor allem Katharina Bredies steckt hinter dieser Idee, die sie für ihre Doktorarbeit an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entwickelt hat. „Ich war auf der Suche nach etwas, das als Interface noch nicht vorgeprägt ist und für das darum auch noch keine Erwartungen existieren“, sagt sie. „Außerdem ist Stoff sehr weich und warm und steht dadurch in Widerspruch zur klassischen Elektronik. Damit kann eine Designerin natürlich wunderbar spielen.“ Und das Publikum prima provozieren: Die Hacker Ladies produzieren zuerst ein „Gewurstel“ aus Wolle und Chips und behaupten dann, das sei ein elektronisches Gerät. Klar, dass das erst mal für Verwirrung sorgt. So wie bei einer Gruppe von Managern jenseits der fünfzig, denen Gesche Joost einmal die „Notfalljacke“ von Katharina Bredies und Ebba Fransén-Waldhör, einer weiteren Hacker Lady, gezeigt hat: „Die dachten zuerst, ich hätte gerade ein Kind bekommen und wollte ihnen eine Babystrickjacke zeigen“, erzählt sie mit unübersehbarem Vergnügen. „Hier kamen zunächst die klassischen Klischees zum Vorschein – etwa, dass Frauen gern stricken. Erst später haben die Männer begriffen, dass in der Jacke ganz viel Hightech und viele Zukunftsvisionen stecken.“
Dies zu erkennen, ist tatsächlich schwer – denn von außen macht die grau-beige Strickjacke tatsächlich nicht besonders viel her. Erst ein Blick in ihr Inneres enthüllt, dass auch sie geschickt versteckte Elektronik enthält: Am oberen Rücken sitzen ein kleiner Computer und ein Bluetoothsender, die im Notfall Hilfe rufen sollen. Anne Wohlauf, eine der Hacker Ladies, zieht die Jacke an und zeigt, wie das in der Praxis funktioniert: „Wenn der Träger der Jacke beispielsweise einen Herzanfall hat, wird er ganz intuitiv an seine linke Brust greifen“, erklärt sie. „Dort haben wir mit leitfähiger Wolle einen Kontakt platziert – wird er geschlossen, ruft die Jacke automatisch Hilfe.“ Dazu sendet der eingebaute Computer über Bluetooth ein Kommando an das Handy des Trägers, das daraufhin eine vorprogrammierte Nummer anruft.
Die Notfalljacke soll Menschen Sicherheit geben, ohne sie sofort als krank oder gebrechlich zu stigmatisieren. „Wir wollten ein Kleidungsstück entwerfen, das auch ästhetischen Bedürfnissen genügt und nicht nach Krankenhaus aussieht“, sagt Bredies. Auch bei ihrer Decke „Undercover“ ist die Funktion gut versteckt: Sie kann maximal acht Tracks mit Geräuschen aufnehmen und wieder abspielen – wenn man weiß, wie man sie dazu bringt. Hier besteht das Geheimnis im richtigen Zusammenfalten des Stoffes, in den Bredies acht Magnete eingebaut hat. „Durch das Falten kann man die Nummer des Tracks auswählen. Außerdem sind in die Decke Pfeile eingewebt – wenn ihre Spitzen aufeinander zeigen, nimmt sie auf. Zeigen sie voneinander weg, gibt sie einen Track wieder.“ Das Muster hat also eine nur Eingeweihten verständliche Bedeutung, genauso wie beim historischen Vorbild der Decke: Gegner der Sklaverei in Amerika haben im 19. Jahrhundert Quilts auf ihre Wäscheleinen gehängt, die mit den in sie hineingewebten Figuren flüchtigen Sklaven den Weg weisen sollten.
Wofür ihre neuen Interfaces später einmal verwendet werden könnten, wollen die Berliner Designerinnen am liebsten den Nutzern überlassen. „Wir stehen bei den Anwendungen noch ganz am Anfang“, sagt Gesche Joost. „Darum wollen wir die Hardware und Anleitungen für ihre Programmierung allen Interessierten zur Verfügung stellen. Ihre Ideen werden dann zeigen, welches Potenzial die neuen Interfaces haben und was man alles damit anstellen kann.“ So träumen sie und Katharina Bredies auch nicht von einer eigenen Firma, die Produkte vermarktet, sondern von einer Vielzahl von Ausgründungen, die rund um ihre Idee entstehen sollen.
Vielleicht spielt dann auch die Kreativität von Männern wieder eine Rolle – bei den Hacker Ladies konnten sie bis jetzt jedenfalls nicht so richtig Fuß fassen. „Wir hatten mal einen“, berichtet Katharina Bredies und sorgt sofort für Gelächter am Tisch. „Den sind wir aber auch sehr schnell wieder losgeworden.“ Allerdings nicht, weil er Probleme mit dem Stricken gehabt hat – ihm machte mehr die Elektronik zu schaffen. „Männern fehlt wahrscheinlich das Durchhaltevermögen, um sich gleichzeitig ins Stricken und die Elektronik einzuarbeiten“, vermutet Bredies. „Außerdem fürchten sie vielleicht auch einen Gesichtsverlust, weil sie sich mit einem vermeintlich weiblichen Thema beschäftigen. Aber das täuscht: Was wir hier machen, ist in Wirklichkeit extrem technisch.“



