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Cheerleading Coach Dann heult doch!

 ·  Die gemeinste Dozentin aller Zeiten kehrt mit der aktuellen Staffel von „Glee“ jetzt zurück ins Fernsehen: Cheerleading-Coach Sue Sylvester geht immer dahin, wo es richtig wehtut. Wie wird man so böse?

Die Mädchen sitzen gespannt auf ihren Stühlen. Ihre rot-weißen Kleidchen leuchten, aber ihr Blick ist düster, der Lipgloss abgenagt, die Pferdeschwänze zittern vor Nervosität. Vor ihnen steht eine Frau im Trainingsanzug. Sie sagt: „Riecht an euren Achselhöhlen. Das ist der Gestank des Scheiterns. Und er verpestet mein Büro!“

Auftritt Sue Sylvester, die vielleicht gemeinste Dozentin aller Zeiten. Die Lehrerin, vor der wir uns immer gefürchtet haben und von der wir uns doch nichts sehnlicher wünschten, als dass sie uns mag. Von einem Golden Retriever geliebt werden kann jeder, aber das Wohlwollen eines Diktators? Das ist wertvoll. Sylvester ist eine – vielleicht DIE – Figur der Fernsehserie „Glee“. Sie leitet das Cheerleading-Team an der fiktiven McKinley Highschool. Und Jane Lynch, 52, spielt sie als General, der eine Truppe kommandiert: gnadenlos, ohne Widerrede. Der Trainingsanzug ist ihre Uniform, und ihr Befehlston hat Zuschauer weltweit süchtig gemacht. „Ich mag es nicht, wenn Kids gefühlig werden“, erklärt sie einem Kollegen. „Es sei denn, es geschieht aus totaler physischer Erschöpfung.“

Wie schafft man es, einen derart üblen Charakter darzustellen, eine Frau, deren einziges Ziel es ist, die Hoffnungen von Schülern zu zerstören und der dafür jedes Mittel recht ist: Intrigen, Einschüchterungen, Gewalt? Und wie erreicht man es, dass diese Figur dann auch noch komisch ist, auf so abgründige Weise, dass viele die Reihe „Glee“ über einen Schulchor und seine schräge Belegschaft nur ihretwegen anschauen? Das sind pro Folge allein in Amerika durchschnittlich elf Millionen Zuschauer. Die Serie gehört damit zu den erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten. Seit dem Start 2009 wurde sie mit Preisen überhäuft, sechsmal hat sie bislang den Emmy, den Fernseh-Oscar, erhalten. Die in der Serie aufgeführten Lieder – Coversongs aus allen Sparten, von Musical über Rock bis Soul und Hip-Hop – verkauften sich als Single-Auskoppelung bereits 13 Millionen Mal, die fünf Soundtrack-Alben bringen es auf noch mal fünf Millionen. Höhepunkt des bisherigen Siegeszuges: ein Auftritt beim Osterfest des Weißen Hauses. Wie also wird man eine Kultfigur, deren Marotten mittlerweile den gesellschaftlichen Mainstream prägen? Will man jemanden mit knapper Geste kränken, spreizt man einfach wie Sue Sylvester Daumen und Zeigefinger zu einem L und hält es vor die Stirn. L steht für Loser.

„Du bist dabei, den Sue-Sylvester-Express zu besteigen. Zielort: Vernichtung!“

Auf so geniale Weise fies zu sein, dazu gehört Mut. „Ich zapfe einen bestimmten Teil von mir selbst an, ohne Zensur“, erklärt Lynch in ihrer Autobiografie. Vor allem die Mitglieder des Glee-Clubs, des Musical-Ensembles der Schule, hat Sylvester im Visier: den hornbrillentragenden Rollstuhlfahrer Arty, das egozentrische Stimmwunderkind Rachel, den hübschen, aber unsicheren Footballspieler Finn. Und, als liebsten Feind, den Chorleiter: „Mach dich bereit für die Achterbahnfahrt deines Lebens, Will Schuester! Du bist dabei, den Sue-Sylvester-Express zu besteigen. Zielort: Vernichtung!“ Die anderen in Angst und Schrecken zu versetzen, das können am besten diejenigen, die selbst viel mit sich zu kämpfen hatten. „Ich kam mit einer Extraportion Furcht auf die Welt“, sagt Lynch. Dass sie diese Bürde in ein Potenzial verwandeln konnte und nicht daran zugrunde ging, ist nicht selbstverständlich. Der Lebensweg der Darstellerin ist holperig, geprägt von Eskapaden, Scheitern und Sucht.

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Quelle: F.A.Z.

23.10.2012, 11:49 Uhr

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