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Deutsches Literaturinstitut Leipzig In der Roman-Maschine

Juli Zeh hat hier ihre Ausbildung zur Schriftstellerin gemacht. Moment – Ausbildung zur Schriftstellerin? Tatsächlich kann man am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lernen, wie man Romane schreibt. Katharina Hartwell hat zwei Jahre lang mit Kommilitonen und Worten gerungen. Wir haben sie an ihrem letzten Uni-Tag begleitet.

© Foto: Sven Schwalm Vergrößern Der Bachelor-Studiengang “Literarisches Schreiben“ dauert sechs Semester.

Sie sitzen um den Tisch herum und blättern angestrengt in den Manuskripten auf ihren Knien; sezieren ein Romanfragment, wie sie es seit zwei Jahren jeden Mittwoch getan haben. Sieben Studierende, die in ihrem Studium nichts anderes tun als einen Roman zu schreiben und die eigene Arbeit und die der anderen zu prüfen, zu hinterfragen, zu kritisieren. Heute die von Katja. Ihr Professor beginnt. Josef Haslinger ist erfolgreicher Schriftsteller, sein Roman „Opernball“ wurde mit Heiner Lauterbach verfilmt. Mit tiefem, samtigem Wiener Akzent lobt er die unterhaltsamen Dialoge und die poetische Sprache, die ungeordnete Struktur des Textes aber nennt er einen „Sauhaufen“.

Nacheinander nehmen sich die Literaturstudenten in der weißen Villa des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig Katjas Text vor. Vorsichtig an Kritik herantastend die meisten, ruhig im Ton, von Denkpausen unterbrochen. Sie hinterfragen die Erzählperspektive, ob es Sinn macht, zwischen Ich-Erzähler und personalem Erzähler zu wechseln. Welche Bedeutung Passagen haben könnten, die kursiv gesetzt sind. Fragen nach dem Wechsel von Präteritum und Präsens. Loben einhellig die schöne Sprache. In ihrem Master-Studium am Institut haben sie gelernt, dass es beim Romanschreiben kein Richtig und Falsch gibt, wohl aber begründete und unbegründete Entscheidungen. Alles, was der Autor begründen kann, ist berechtigt. Impulsiv getroffene Willkürakte müssen meist noch mal überarbeitet werden. Oder aber durch eine Legitimation unterfüttert werden.

Über eine Stunde lang hat Katharina Hartwell geschwiegen, nur ihre unablässig arbeitenden Finger haben Konzentration und Anspannung verraten. Sie spricht als Letzte, hebt das Kinn, sucht Augenkontakt mit Katja. „Die Kür ist da, die Pflicht fehlt noch“, sagt sie. Dann formuliert sie ihre Kritik: direkt, strukturiert, ohne Zögern. Ungeduld schwingt mit, wenn sie Katja auffordert, „die zermürbende Kleinarbeit zu erledigen.“ Sie fordert Katja auf, Listen abzuarbeiten, den Text auszudrucken und danach neu zu ordnen. „Das musst du jetzt machen“, schließt sie ihren Appell, „das kann ich dir nicht abnehmen.“ Man ahnt, dass ihre Worte Wiederholungen sind und das Büro von Josef Haslinger mit den vollen Regalen und auf Tischen wachsenden Bücherstapeln eine intime Kampfzone.

Später im Café sagt Katharina Hartwell, dass es im wöchentlichen Kolloquium immer ganz schnell um mehr gegangen sei als um richtige Worte und gutes Schreiben. Ums Ganze, um eine Haltung, um das Leben an sich. „Man landet sehr schnell bei Glaubensfragen“, sagt sie, „wie siehst du überhaupt die Liebe. Und das Leben.“ Hinter dem Werk scheine immer die Persönlichkeit durch. Wen sie als Person weniger mochte, dessen Prosa konnte sie nicht lieben und dessen Kritik nicht annehmen. Von außen betrachtet wirkt der zweijährige Master-Studiengang Literarisches Schreiben am „DLL“, so der unprosaische Rufname des Institutes, wie eine Anleitung zum Müßiggang. Einmal pro Woche Textbesprechung, ansonsten freie Schreibzeit. „Aber das ist ganz harte Kopfarbeit“, sagt Katharina Hartwell. Durch das systematische Text-Sezieren habe sie gelernt, Texte analytischer zu lesen. Mit antrainiertem Röntgenblick. Das versaute ihr den Spaß am Lesen. Häufig bricht sie vier, fünf Bücher hintereinander ab, weil sie Konstruktionsfehler entdeckt oder laxe Formulierungen. Lesen und  Schreiben ist alles geworden für sie. „Die Leichtigkeit beim  Schreiben ist weggefallen, das nervt“, sagt sie. Sie hat gelernt, ihren Stil gegen massive Kritik zu verteidigen. „Über mir schwebte immer der Kitschvorwurf“, erzählt sie. Anfangs wollte sie es allen recht machen. Heute ändert nicht mehr jeder Einwurf ihren Ausdruck. Kaum ein Studium, das die ganze Persönlichkeit so fordert wie ihres.

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Veröffentlicht: 21.11.2012, 13:10 Uhr

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