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Ein Dorf testet das bedingungslose Grundeinkommen Geld für alle

Was passiert, wenn tausend Menschen jeden Monat Geld bekommen, ohne dafür zu arbeiten? Macht solch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen faul und abhängig? Oder frei und fleißig? Diese Frage sollte ein Feldversuch in einem Dorf in Namibia beantworten. Die Tübinger Ethnologin Dr. Sabine Klocke-Daffa war während des Experimentes vor Ort.

© Illustration: Sylvia Neuner Vergrößern

Die Idee, dass jeder Mensch ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommt, wird in vielen Ländern diskutiert, auch in Deutschland. Warum fand das Experiment ausgerechnet in Namibia statt?

Die Idee kam nicht, wie viele glauben, von der UNO oder einer ausländischen Organisation. Das Land hat gigantische Bodenschätze, trotzdem lebt die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Um etwas gegen die ungleiche Verteilung zu unternehmen, setzte die Regierung Anfang der 2000er-Jahre eine Steuerkommission ein. Einer ihrer Vorschläge lautete: ein gleiches Basiseinkommen für alle.

Für alle? Auch für die Reichen?

Namibia hat gerade mal zwei Millionen Einwohner. Ein bürokratischer Apparat, der die Bedürftigkeit jedes Einzelnen prüft, wäre teurer als einfach jedem Geld zu geben. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Namibias griff die Idee auf. Sie sammelte Spenden und startete 2008 den Feldversuch im Dorf Otjivero, etwa eine Autostunde von der Hauptstadt Windhoek entfernt. Zwei Jahre lang bekam jeder Einwohner monatlich 100 Namibia-Dollar (etwa 10 Euro) ausgezahlt. Eine Familie mit fünf Kindern kam so auf 700 Dollar: mehr, als ein einfacher Farmarbeiter im Monat verdient.

Sie haben untersucht, wie das Geld das Leben der Dorfbevölkerung verändert hat. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Man muss wissen, dass in Otjivero zu rund 80 Prozent Damara leben, eine Volksgruppe, die zu den Khoisan-Völkern gehört. Bei den Khoisan herrscht eine ausgeprägte Kultur des Schenkens und des Einforderns. Wer etwas übrig hat, egal ob Essen, Wasser, Geld oder Zeit, gibt anderen etwas ab. Und wer etwas braucht, eine Tasse Maismehl, ein Stück Seife oder jemanden, der auf die Kinder aufpasst, fragt bei Angehörigen und Nachbarn. Wir Deutschen definieren uns ja eher über das, was wir haben: Wenn Sie mit 40 immer noch in einer Studentenbude wohnen, fragt die Familie, wie es weitergehen soll. Das würden die Khoisan nie tun. Sie definieren sich darüber, was sie anderen geben. Wer nie etwas abgibt, dessen Status sinkt, und irgendwann wird er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Ich war zusammen mit einer Doktorandin zwei Monate lang vor Ort. Wir befragten 30 Haushalte täglich nach ihren Einnahmen und Ausgaben. Die Hälfte in Otjivero, die andere Hälfte in einem nahe gelegenen Vergleichsort, in dem kein Basiseinkommen gezahlt wurde.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Dass das Projekt ein großer Erfolg war. 100 Dollar sind auch für namibische Verhältnisse keine riesige Summe. Dafür bekommt man etwas Maismehl, Tee, Zucker und ab und zu etwas Fleisch. Doch selbst dieser kleine Beitrag machte eine Menge aus. Es gab so gut wie keine Unterernährung mehr, die Kinder weinten nachts nicht mehr vor Hunger und konnten sich in der Schule besser konzentrieren. Auch die Kriminalitätsrate sank: Auf den umliegenden Farmen wurde kaum noch gewildert. Frauen, die vorher gelegentlich genäht hatten, kurbelten ihr Geschäft an. Sie reisten nach Windhoek, um auch dort ihre Kleider zu verkaufen. Zudem konnten die Menschen ihr Ansehen in der Gemeinschaft steigern. Otjivero ist ein extrem armer Ort – es gibt kaum Vieh und so gut wie keine Arbeit. Viele sind auf die Unterstützung von Familienmitgliedern aus anderen Dörfern angewiesen. Nun konnten sie etwas zurückgeben: etwa Geld schicken oder Kinder aus der Verwandtschaft aufnehmen. So haben sie sich ein soziales Kapital aufgebaut, von dem sie monate-, wenn nicht jahrelang zehren können.

Dennoch wird kritisiert, es seien zu wenige wirtschaftliche Initiativen gestartet worden. Die meisten haben im Prinzip so weitergelebt wie vorher, Neugründungen lassen sich an einer Hand abzählen. Das Geld hatte also kaum einen nachhaltigen ökonomischen Effekt.

Ich wehre mich dagegen, dass man sagt: „ Die Leute sind zu ungebildet und müssen erst noch lernen, mit Geld umzugehen.“ Sie können sehr wohl mit Geld umgehen, aber sie tun das nach ihren eigenen Präferenzen. Mich interessierte vor allem: Welchen Einfluss hat die Kultur der Menschen darauf, was sie mit dem zusätzlichen Geld anfangen? Wie ich erwartet hatte, benutzen sie es so, wie es ihrer eigenen Kultur entspricht – und nicht unserer.

Das scheint der namibischen Regierung nicht zu reichen. Weder unterstützte sie das Projekt, noch wird es aufs ganze Land ausgeweitet. Warum nicht?

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Veröffentlicht: 22.01.2013, 09:53 Uhr

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