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Im Schatten der NSU: Die unglaubliche Geschichte einer Opferhelferin Die Stimme der Namenlosen

Vor gut einem Jahr flog die NSU-Terrorzelle auf. Die Berichterstattung warf ein grelles Licht auf die Fehler von Behörden. Und auf das Ausmaß der Neonazi-Netzwerke, die unser Land überziehen. Der Skandal brachte Aufmerksamkeit und überstrahlt doch auch das tägliche Elend, die kaum vorstellbare rechte Gewalt, der auch immer wieder Studierende zum Opfer fallen: wenn sie in Parks von Nazis zusammengeschlagen werden oder man sie vor einem Supermarkt mit einer Pistole bedroht. Am helllichten Tag. Dies ist die Geschichte einer Frau, die sich wehrt, und die unseren Reporter bat, sie lieber nicht zu fotografieren. Dies ist die Geschichte von Anastasia Krotova.

© Illustration: Mathis Rekowski Vergrößern

Anastasia Krotova hat in diesem Gerichtssaal zuletzt als Beobachterin viele seltsame Geschichten gehört: von einer brennenden Scheune, vom Gerücht über den Opa eines Angeklagten und von ominösen Schulden. Zur Aufklärung der unfassbaren Tat haben die kruden Aussagen nichts beigetragen. Auch nach etlichen Verhandlungstagen schwebt der Prozess um den grausamen Tod des Obdachlosen André K. am Leipziger Landgericht in einem Zustand der Ahnungslosigkeit. Fünf junge Männer sind wegen Totschlages angeklagt. Einige von ihnen sehen aus wie große Jungs. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, André K. an einem Wartehäuschen aus dem Schlaf gerissen und dem wehrlosen Mann mit Tritten das Gesicht und die Rippen zertrümmert zu haben. Einer schlug mit einem Samurai-Schwert zu, bis die Klinge abbrach. Einige Angeklagte haben bereits gestanden, dabei gewesen zu sein. Als Motiv gaben sie an, der Obdachlose habe Schulden bei einem von ihnen gehabt, man habe ihm eine Abreibung verpassen wollen. Nicht nur Anastasia Krotova fragte sich, wer wohl einem Obdachlosen Geld leiht.

Als in Saal 14 der Anwalt des mutmaßlichen Haupttäters aufsteht und eine Erklärung seines Mandanten verliest, senken die anderen Angeklagten die Köpfe. Auf ihrem Besucherstuhl hört Anastasia Krotova aufmerksam zu und hält so viel, wie sie kann, in ihrem Block fest. Die 30-jährige Opferberaterin protokolliert die Aussage von Ronny S., das Opfer habe gar keine Schulden bei ihm gehabt. Sie dokumentiert, wie die Version vom Racheakt aufgrund dubioser Schulden in sich zusammenbricht und als Schutzbehauptung entlarvt wird. Später wird sie die Angehörigen von André K. über die neueste Entwicklung informieren. Und eine Mitteilung an Journalisten schicken, von denen nur wenige den Prozess im Gerichtssaal verfolgen.

An jedem Verhandlungstag sitzt Anastasia Krotova bis zum Ende im Gerichtssaal und sammelt Hinweise dafür, dass André K. nicht zufällig starb, sondern Opfer rechter Gewalt wurde. Dass er sterben musste, weil die Täter in ihm einen Asozialen sahen, der es nicht wert gewesen wäre, zu leben. Über Monate suchte sie nach den Angehörigen von André K. Als sie endlich Erfolg hatte, half sie ihnen, zwei Anwältinnen zu finden, die nun als Nebenkläger auftreten.

Die Anwältinnen haben dem Gericht Fotos vorgelegt, die Ronny S. mit NPD-Aktivisten bei einer Demo unter einer Reichskriegsflagge zeigen. Hinweise darauf, dass Ronny S. sein Opfer aus sozialdarwinistischem Menschenhass heraus ausgewählt haben könnte. Wer aber tötet, um vermeintlich minderwertiges Leben zu vernichten, handelt aus niedrigen Beweggründen. Dann ist ein Täter nicht nur Totschläger, sondern Mörder. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht hielten die Fotos jedoch für nicht relevant und lehnten sie als Beweismittel ab. Bei keiner Opfergruppe wird ein rechtes Tatmotiv so oft ausgeblendet wie bei Obdachlosen. Das belegen Recherchen der ZEIT und der Amadeu Antonio Stiftung. „Wohnungslose haben keine Lobby“, sagt Anastasia Krotova. Mit ihrem Einsatz als Prozessbeobachterin will sie diese unsichtbare Opfergruppe sichtbar machen. André K. soll offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt werden, wenigstens das.

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