http://www.faz.net/-i7f-7juiu

Das Zahlenmonster: : Machen Selbstoptimierungs-Apps das Leben wirklich besser?

  • -Aktualisiert am

App-Etitzügler: Autorin Schmiedekampf fotografierte ihr Essen, was dazu führen soll, dass sie sich gesünder ernährt. Effektiv? Ja. Freudvoll? Hm. Bild: Samuel Zuder

Endlich früher aufstehen, öfter zum Sport gehen und gesünder leben – unzählige Male hat sich unsere Autorin das schon vorgenommen. Vergeblich. Dann entdeckte sie einen Trend namens Self-Tracking. Und geriet in einen Sog.

          Als die Mozzarella-Pizza vor mir steht, zücke ich mein Handy. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, sagt meine Freundin Leonie. Bevor sie sich weiter beklagen kann, mache ich ein Foto von meinem Essen. Dann gebe ich ein, was mich der Restaurant-Besuch kostet und wie viel Geld ich heute insgesamt ausgegeben habe. Leonie sieht jetzt wirklich wütend aus. Und sie ist nicht die Einzige. Seit ich angefangen habe, mich selbst zu vermessen, habe ich viele Freunde vergrätzt. „Kontrollzwang“ unterstellen sie mir, manche haben sogar angekündigt, sich nicht mehr mit mir treffen zu wollen, solange der Selbstversuch läuft. Aber der Reihe nach.

          Tag 0 oder: Wie alles begann
          Als Freiberuflerin habe ich mein Leben selbst in der Hand. Ich entscheide, wann ich aufstehe und wie viel ich arbeite. Die Kehrseite: Es gibt niemanden, der sich beklagt, wenn ich zu spät ins Büro fahre, zu lange Mittagspausen mache oder die Nächte durcharbeite. So ist es auch in meinem Privatleben: Keiner sagt mir, dass ich gesünder essen, häufiger Sport treiben oder früher schlafen gehen soll. Im Grunde meines Herzens weiß ich, dass ich mein Leben ändern muss. Deshalb habe ich angefangen, Daten über mich zu sammeln.
          „Quantified Self“ heißt die Bewegung, die gerade von den USA nach Deutschland herüberschwappt. Das Motto: Selbsterkenntnis durch Zahlen. Angefangen hat alles in San Francisco, wo die Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly im Jahr 2007 die Website der Bewegung gründeten. Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt Menschen, die Self-Tracking betreiben. Sie vermessen ihren Körper, erfassen zum Beispiel regelmäßig ihr Körpergewicht, ihre Blutzuckerwerte, ihren Puls, ihre Kalorienzufuhr. Manche führen sogar Buch über ihren Stuhlgang und den Grad ihrer Mundfeuchtigkeit. Ganz so weit will ich nicht gehen. Ich möchte herausfinden, ob die Vermessung meines Ichs der Schlüssel zu einem gesünderen, selbstbestimmteren Leben sein kann.

          Tag 1: Der Anstandswauwau auf meinem Computer
          Produktivität: 62 Prozent, verbrannte Kalorien: 1.894, zurückgelegte Kilometer: 3,5, Wasserzufuhr: 1,8 Liter
          Mein Computer hat angefangen, mich zu überwachen. Ein Programm namens „Rescue Time“ erfasst, wie viel Zeit ich mit Surfen verbringe und wie lange ich wirklich an Word-Dokumenten und Mails arbeite. Als ich mit einer Tasse Pfefferminztee aus der Büro-Küche zurückkomme, fragt mich das Programm, wo ich gewesen bin. Ich soll ankreuzen, ob ich in einer Konferenz war oder ein Telefonat geführt habe. Ich gebe „sonstige Aktivitäten“ an – und schäme mich dafür, dass ich auf dem Flur noch fast zehn Minuten mit einer Kollegin geschnackt habe. Ich arbeite eine Weile konzentriert vor mich hin, doch der Drang, mich abzulenken, lässt sich nicht einfach abstellen. Ich erlaube mir, einen Blick in die Ebay-Kleinanzeigen zu werfen. Vielleicht finde ich ja genau in diesem Moment ein Peugeot-Rennrad aus den 80ern, von dem ich schon seit Monaten träume. Blöd nur, dass der Anstandswauwau auf meinem Computer alles mitbekommt. „Disziplin beruht auf Willenskraft und lässt sich wie ein Muskel trainieren. Sie entscheidet über Glück und Zufriedenheit, über Karriere, Gesundheit und finanzielle Sicherheit“, heißt es im Buch „Die Macht der Disziplin“ des amerikanischen Psychologen Roy Baumeister. Klingt einleuchtend. Ich muss nur endlich mit dem Training beginnen.

          Topmeldungen

          Omarosa vs. Trump : Job gegen Schweigen?

          Das Trump-Team habe ihr einen hoch dotierten Job angeboten, um sie zum Schweigen zu bringen, behauptet Trumps frühere Mitarbeiterin Manigault Newman in einem Buch. Jetzt hat sie einen Mitschnitt veröffentlicht, der das zu belegen scheint.