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Veröffentlicht: 10.06.2014, 07:00 Uhr

Warum es sich lohnt, als Mentor zu arbeiten Die Ersatz-Schwestern

Ob wir Erfolg haben und uns große Träume zutrauen, hängt stark von unserer Familie ab – im Guten wie im Schlechten. Was wäre, wenn man da große Geschwister auf Zeit hätte, die einem helfen, wenn man nicht weiter weiß? Ein Experiment.

von Franziska Bulban
© Chrisitan Kerber Die Mentorin und ihr Schützling. Eigentlich sollen Karina und Annika über Alltagssorgen reden. Manchmal haben sie aber einfach nur Spaß – wie im Fotoautomaten in der Nähe der Reeperbahn.

Als sie sich das erste Mal sahen, hatten die Organisatoren Zettelchen verteilt, auf denen die Namen berühmter Paare standen. So sollte man den Partner finden: Dick sucht Doof, und Romeo sucht Julia.

Zwei Gruppen standen sich gegenüber, schauten sich verlegen an und schätzten einander ab: Wer sieht nett aus? Wer unsympathisch? „Ich glaube, schon damals, als wir uns in der Gruppe gesehen haben, dachte ich, das passt, das wäre ein gutes Team“, erzählt Karina heute, „Annika war die Erste, die ich angesprochen habe. Sie war Bart, von den Simpsons. Und ich war Homer.“

Einfach so wären sich die beiden vermutlich nie begegnet: Karina Khrustaleva ist 22, studiert in Lüneburg Kulturwissenschaften und Wirtschaftspsychologie, lebt in einem Hamburger Außenbezirk, kellnert viel und tanzt gern zu Electro. Annika, 15, besucht eine Stadtteilschule in Eimsbüttel, läuft Schlittschuh, geht mit ihrem Vater schwimmen und spaziert mit ihrem Hund durch den Park.

ROCK YOUR LIFE nennt sich die Organisation, die Studenten und Jugendliche vor dem Hauptschulabschluss zusammenbringt und bei der sich Karina und Annika kennengelernt haben. Zwei Jahre sollen sich Mentor und Mentee treffen, etwa einmal pro Woche – für „mehr Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so steht es auf der Website.

„Ich wollte mich schon immer engagieren“, sagt Karina, „aber es ist nicht leicht, das Richtige zu finden. Ich war nie besonders politisch, und für viele Sachen fehlt mir die Geduld.“ Von ROCK YOUR LIFE hat sie von Freunden erfahren. „Das hat mir sofort gefallen. Gerade im deutschen Schulsystem braucht man einen Begleiter“, sagt Karina, „da geht es sonst immer nur darum, in welche Schablone du passen sollst.“

Seit einem Jahr treffen sich die zwei: die Schülerin und die Studentin. Meist sitzen sie, so wie jetzt, in einem Hamburger Café. Annika trinkt Kakao und Karina Tee, und dann plappert Annika drauf los, über die Schule, die Lehrer, ihre Schwester, den Hund – alles, was in ihrem Leben passiert. Heute hat Mentorin Karina einen alten Praktikumsbericht dabei. Sie tippt mit ihren sauber lackierten Fingernägeln auf eine Zeichnung in der Mappe: „Hier, dafür hat mich meine Lehrerin damals voll gelobt“, sagt sie. Später werden sie den Aufbau noch einmal genauer durchgehen, weil Annika für die Schule auch einen Bericht schreiben muss – sie war gerade zwei Wochen in einer Kita im Betreuungsteam.

Wenn sich Karina und Annika sehen, strahlen sie. „Da ist ja meine Kleine“, sagt Karina dann und drückt das schlaksige Mädchen, das sie um einen Kopf überragt, an sich. Ihre Treffen sind Alltag geworden, ihre Gespräche vertraut. So gesehen passen Annika und Karina perfekt ins Konzept von ROCK YOUR LIFE; die Studenten sollen Mentoren sein, Ansprechpartner und interessierte Zuhörer in dieser Lebensphase, in der man noch so jung ist und das Leben so überfüllt ist mit wichtigen Entscheidungen. Wie man sich entscheidet – und welche Möglichkeiten man überhaupt in Betracht zieht, das hängt nach wie vor zu großen Teilen vom Umfeld ab. Davon, was die Eltern und deren Freunde machen, davon, welche Berufe man kennt und was vorstellbar ist.

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