© Frank Egel
Euphorie bei Wetter wie aus der Erkältungs-Reklame. Und jede Band darf nur einen Song spielen. Der Effekt: Die Musik, die später im Netz zu sehen ist, wirkt so live wie bei einem Konzert bei Freunden. Folk aus den Niederlanden: Mr Richard.
Musiker sind daran gewöhnt, dass der Weg nach oben sie erst einmal nach unten führt. Auftritte in Kellerkneipen, Gigs in Souterrainbars, solche Sachen. Diesmal ist alles anders. Es geht gleich rauf in luftige Höhen. Telma und Louise sind aus Paris nach Hamburg gekommen und dort in den fünften Stock eines riesenhaften Hochbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg geklettert, um ihr Glück zu machen.
Ihre Bühne ist ein zugiger Balkon hoch über der Stadt, sie ist einzigartig in Deutschland – und sie wird betrieben von zwei Menschen, die mithilfe einer Mini-Digitalkamera und eines Internetanschlusses dafür sorgen, dass die Musik von Telma und Louise bald in der ganzen Welt gehört werden kann. Seit gut fünf Jahren machen Johanna Leuschen und Lars Kaufmann Balcony TV, Fernsehen fürs Internet. Musik mit Aussicht, so lautet das Motto von Balcony TV, Music with a view.
Die Aussicht verschwimmt an diesem ungemütlichen Samstagnachmittag im Hamburger Nebel. Also stellen sich die beiden Französinnen vor die Wattewand, die Augen geschlossen, den Blick ins Unendliche gerichtet. Rot gefrorene Finger mit korallenrot lackierten Fingernägeln zupfen die Saiten einer Gitarre. Zart schweben ihre Stimmen nach oben in den Winterhimmel. Für die Länge eines Chansons hält die Welt unter ihnen den Atem an, alles ist Musik.
Dann ist es vorbei. Telma und Louise dürfen noch schnell auf Englisch sagen, dass es von ihnen niemals CDs geben wird, weil sie es besser finden, wenn man ihre Songs einfach so im Gedächtnis behält. Das ist ihr Credo: Livemusik ist die einzig wahre Musik. Dann heißt es „Thank you“ – und die nächste Band packt die Instrumente für den Soundcheck aus: Mr Richard aus Groningen, Niederlande.
Das ist auch schon das ganze Konzept von Balcony TV. Junge, meist noch unbekannte Bands stellen sich mit einem eigenen Song vor – Coverversionen sind verboten. Sie dürfen Tourdaten aufsagen und, falls vorhanden, ihr Album in die Kamera halten. Beim Filmen und Moderieren wechselt sich das Macherduo ab. Es wird jeweils nur ein einziger Take gedreht. Etwa dreimal pro Woche wird ein neuer ungeschnittener Videoclip auf die Balcony-TV-Seite und auf Youtube gestellt.
In Zeiten auf Hochglanz getrimmter „Event-Movies“, die eine Bugwelle vor sich herschieben, als würden sie mindestens das Fernsehen neu erfinden, wirkt Balcony TV wie ein verwegener Internet-Zwerg, der sich den Medienriesen todesmutig in den Weg stellt. Aber das täuscht. Denn tatsächlich sind solche Nischenformate nicht nur sehr erfolgreich – der Minisender verzeichnet seit seiner Gründung rund 32 Millionen Klicks –, sie sind auch Vorboten davon, wie das Fernsehen in Zukunft aussehen könnte.
Inzwischen hat es sich bis in die Büros der Programmverantwortlichen herumgesprochen, dass das Internet dem Fernsehen Konkurrenz macht. Es ist zwar nicht so, dass weniger ferngesehen wird als früher – zurzeit verbringen die Deutschen durchschnittlich mehr als dreieinhalb Stunden vor der Mattscheibe –, aber vor allem junge Leute sehen immer seltener ein, warum sie sich von einem starren Programmschema vorschreiben lassen sollen, wann sie welche Sendung zu gucken haben.
Als Reaktion darauf haben die öffentlich-rechtlichen Sender Mediatheken auf ihren Internetseiten eingerichtet, mit denen man die Sendungen jederzeit streamen kann. Und sie haben einige Sendungen mit Laufbändern, Splitscreens und virtuellen Studiokulissen aufgemöbelt, damit es aussieht wie im Internet. Aber das ist Kosmetik. An den Grundstrukturen hat sich kaum etwas geändert. Warum auch? Ein schwerfälliger Apparat bewegt sich nicht so leicht. Er macht lieber Tag für Tag weiter sein Mainstream-Programm für ein immer älter werdendes Publikum. Hier liegt die Chance von kleinen, schnellen und individuellen Formaten wie Balcony TV.
Statt um Zielgruppen geht es hier um Leidenschaft. Johanna Leuschen und Lars Kaufmann machen Balcony TV in ihrer Freizeit, hauptberuflich arbeiten beide als Fernsehjournalisten beim NDR. Sie lieben Musik, sie entdecken gern Talente – und sie wissen genau, was sie tun: „Im Internet zählt eine coole Idee mehr als Geld, und genau das bringt uns Aufmerksamkeit“, sagt Johanna Leuschen, die zu Hause ihre noch unfertige Doktorarbeit über Online-Fernsehen liegen hat.
Die Idee zu Balcony TV hat die 29-Jährige aus Dublin mitgebracht, wo sie 2006 ein Auslandsstudienjahr am Trinity College verbrachte. Sie lernte dort den Filmemacher Stephen O’Regan kennen, der Balcony TV mit zwei Musikerfreunden erfunden hatte und – mit Medienpreisen überschüttet – von seinem Balkon im angesagten Viertel Temple Bar aus betrieb. O’Regan und Leuschen blieben in Kontakt, und als sie sich ein Jahr später in Hamburg wiedersahen, entstand der Plan: Warum nicht dasselbe hier machen?
Am 1. September 2007 ging Balcony TV auf Sendung, gefilmt wurde auf einem winzigen Vier-Quadratmeter-Balkon am Spielbudenplatz direkt auf der Reeperbahn. Moderationserfahrung hatten weder Johanna Leuschen noch Lars Kaufmann, aber das schreckte sie nicht ab. Es wurde an allen Ecken und Enden improvisiert. Wenn es regnete, wurde ein Schirm reingehalten, wenn die Polizei der benachbarten Davidwache mit Blaulicht und Sirenengeheul ausrückte, redeten und spielten sie einfach weiter. Das Unperfekte machte den Charme des Unternehmens aus. Dass hier etwas Besonderes entstanden war, sprach sich schnell herum.
Revolverheld spielten auf dem Balkon, die Indie-Rocker von Ash waren begeistert von der Location. Gisbert zu Knyphausen stimmte die Gitarre hoch über dem Kiez, und die Sängerin Oceana war zu Gast, als noch niemand sie kannte. Das Potenzial von Balcony TV als Plattform für Newcomer erkannten schnell auch die Plattenlabels und Promoter. Bis heute schicken sie gern ihre neuen Acts vorbei. Auch weltweit expandiert Balcony TV. An die 40 Balkone gibt es inzwischen. Sie stehen unter anderem in den USA, in Russland, Indien, Japan und Israel.
Doch dann, vor eineinhalb Jahren, sollte in Hamburg auf einmal alles vorbei sein: Den Fernsehmachern wurde gekündigt. Die Stadt wollte das Gebäude abreißen, um den Kiez noch glatter und touristentauglicher zu machen. Was tun? Gar nicht so einfach, ohne Geld – Balcony TV ist komplett eigenfinanziert und erhält keine Kulturförderung – eine neue Location zu finden, die zu ihnen passte. Nach längerer Suche landeten sie im Bunker, einem stadtbekannten Ort, der unter anderem einen Musikerbedarfsladen und den Club Terrace Hill beherbergt, auf dessen Balkon sie seitdem zu Gast sind. Der neue, größere Balkon hat seine Vorteile: Es ist kein Problem, eine achtköpfige Band wie Mardi Gras.bb aus Mannheim, die gerade ihre Blasinstrumente auspackt, einzuladen. Die Herren in Dreiteilern mit Einstecktuch wirken wie eine Kreuzung aus Max Raabe und einer Brass-Band aus dem letzten Jahrhundert. Ihr Song „Bumblebee“ bringt den ganzen Balkon zum Swingen.
An die 1.500 Bands haben Johanna Leuschen und Lars Kaufmann seit Bestehen von Balcony TV präsentiert. Macht 1.500 „Take it away“-Rufe vor dem Auftritt und 1.500 „Woohoo“-Rufe danach. Es sei immer wieder großartig, zu sehen, wie viele richtig gute Bands es gibt, sagt Johanna. Bands, die oft nicht von dem leben können, was sie machen, die aber trotzdem mit ganzem Herzen dabei sind. Und es sei ein gutes Gefühl, fügt sie nicht ohne Stolz hinzu, die richtige Idee zur richtigen Zeit gehabt zu haben.
Auf dem Balkon hat die Kälte das Regiment übernommen. Und auch die Nebelwand rückt immer näher. Wie gut, dass das Leipziger Duo The Fuck Hornisschen Orchestra in seiner Nummer zu einer Art Tanz-Workout auffordert. Die beiden Jungs tragen Trachtenjacken und wollen ihren Song als Hommage an DJ BoBo verstanden wissen. Dann legen sie los. Wo oben und unten ist, ist jetzt egal. Fest steht nur: Wer auf Balcony TV zu sehen ist, ist ganz vorn mit dabei.



