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Selfmade TV Musikfernsehen mit Aussicht

 ·  Statt eines Studios gibt es nur das Dach eines Bunkers in der Nähe der Reeperbahn. Statt einer Kulisse – den wintergrauen Hamburger Himmel. Bei „Balcony TV“ dürfen kleine und kleinste Bands aus der ganzen Welt auftreten. Sie bekommen ein paar Minuten Zeit, um sich erst hier und dann im Internetclip unvergänglich zu machen.

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Musiker sind daran gewöhnt, dass der Weg nach oben sie erst einmal nach unten führt. Auftritte in Kellerkneipen, Gigs in Souterrainbars, solche Sachen. Diesmal ist alles anders. Es geht gleich rauf in luftige Höhen. Telma und Louise sind aus Paris nach Hamburg gekommen und dort in den fünften Stock eines riesenhaften Hochbunkers aus dem Zweiten Weltkrieg geklettert, um ihr Glück zu machen.

Ihre Bühne ist ein zugiger Balkon hoch über der Stadt, sie ist einzigartig in Deutschland – und sie wird betrieben von zwei Menschen, die mithilfe einer Mini-Digitalkamera und eines Internetanschlusses dafür sorgen, dass die Musik von Telma und Louise bald in der ganzen Welt gehört werden kann. Seit gut fünf Jahren machen Johanna Leuschen und Lars Kaufmann Balcony TV, Fernsehen fürs Internet. Musik mit Aussicht, so lautet das Motto von Balcony TV, Music with a view.

Die Aussicht verschwimmt an diesem ungemütlichen Samstagnachmittag im Hamburger Nebel. Also stellen sich die beiden Französinnen vor die Wattewand, die Augen geschlossen, den Blick ins Unendliche gerichtet. Rot gefrorene Finger mit korallenrot lackierten Fingernägeln zupfen die Saiten einer Gitarre. Zart schweben ihre Stimmen nach oben in den Winterhimmel. Für die Länge eines Chansons hält die Welt unter ihnen den Atem an, alles ist Musik.

Dann ist es vorbei. Telma und Louise dürfen noch schnell auf Englisch sagen, dass es von ihnen niemals CDs geben wird, weil sie es besser finden, wenn man ihre Songs einfach so im Gedächtnis behält. Das ist ihr Credo: Livemusik ist die einzig wahre Musik. Dann heißt es „Thank you“ – und die nächste Band packt die Instrumente für den Soundcheck aus: Mr Richard aus Groningen, Niederlande.

Das ist auch schon das ganze Konzept von Balcony TV. Junge, meist noch unbekannte Bands stellen sich mit einem eigenen Song vor – Coverversionen sind verboten. Sie dürfen Tourdaten aufsagen und, falls vorhanden, ihr Album in die Kamera halten. Beim Filmen und Moderieren wechselt sich das Macherduo ab. Es wird jeweils nur ein einziger Take gedreht. Etwa dreimal pro Woche wird ein neuer ungeschnittener Videoclip auf die Balcony-TV-Seite und auf Youtube gestellt.

In Zeiten auf Hochglanz getrimmter „Event-Movies“, die eine Bugwelle vor sich herschieben, als würden sie mindestens das Fernsehen neu erfinden, wirkt Balcony TV wie ein verwegener Internet-Zwerg, der sich den Medienriesen todesmutig in den Weg stellt. Aber das täuscht. Denn tatsächlich sind solche Nischenformate nicht nur sehr erfolgreich – der Minisender verzeichnet seit seiner Gründung rund 32 Millionen Klicks –, sie sind auch Vorboten davon, wie das Fernsehen in Zukunft aussehen könnte.

Inzwischen hat es sich bis in die Büros der Programmverantwortlichen herumgesprochen, dass das Internet dem Fernsehen Konkurrenz macht. Es ist zwar nicht so, dass weniger ferngesehen wird als früher – zurzeit verbringen die Deutschen durchschnittlich mehr als dreieinhalb Stunden vor der Mattscheibe –, aber vor allem junge Leute sehen immer seltener ein, warum sie sich von einem starren Programmschema vorschreiben lassen sollen, wann sie welche Sendung zu gucken haben.

Als Reaktion darauf haben die öffentlich-rechtlichen Sender Mediatheken auf ihren Internetseiten eingerichtet, mit denen man die Sendungen jederzeit streamen kann. Und sie haben einige Sendungen mit Laufbändern, Splitscreens und virtuellen Studiokulissen aufgemöbelt, damit es aussieht wie im Internet. Aber das ist Kosmetik. An den Grundstrukturen hat sich kaum etwas geändert. Warum auch? Ein schwerfälliger Apparat bewegt sich nicht so leicht. Er macht lieber Tag für Tag weiter sein Mainstream-Programm für ein immer älter werdendes Publikum. Hier liegt die Chance von kleinen, schnellen und individuellen Formaten wie Balcony TV.

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22.01.2013, 10:00 Uhr

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