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Wearable Technology : „Die Technik rückt uns auf den Leib“

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Gesche Joost ist Professorin für Designforschung und Leiterin des Design Research Labs der Universität der Künste Berlin. Bild: Stefan Maria Rother

Alles wird smarter – sogar unsere Kleidung. Über Wearable Technology und intelligente Kleidung spricht Gesche Joost, Professorin für Designforschung und Leiterin des Design Research Labs der Universität der Künste Berlin.

          Frau Joost, bei einem „Science Watch“-Auftritt 2015 erklärten Sie, wie man aus einem alten Pulli ein intelligentes Kleidungsstück machen kann. Wo wird Wearable Technology noch eingesetzt?

          Eigentlich sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. In den 1990er Jahren waren Wearables vor allem im Gadget-Bereich angesiedelt, auch heute trägt man Smart Watches vor allem als Accessoires. Jetzt geht es um die Integration der smarten Technologie direkt in die Kleidung. Es werden Socken, Schuhe oder auch Funktionskleidung, wie Outdoorjacken und Unterwäsche, mit einer speziellen Funktion angereichert. Der neue Trend ist spannend: So entsteht ein Hybrid aus Technik und Modedesign. In unserem Lab arbeiten Modedesigner und Textildesigner, die die Grundlagen von Elektronik kennen und programmieren können. Mit Blick auf die Materialien geht es darum, leitendes Garn, Sensoren und Microcontroller in die Stücke einzunähen. Parallel dazu werden dann die Apps programmiert und über Bluetooth angesteuert.

          Inwieweit sieht man den smarten Kleidungsstücken ihre „Intelligenz“ an?

          Das kommt darauf an. Es gibt einen Trend, die technischen Funktionalitäten offen zu tragen. Bei dem zweiten Trend der intelligenten Vernetzung wird das Material aber so integriert, dass man nichts sieht. Das funktioniert durch das Einsticken von leitendem Garn in das Gewebe. So wird das Gewebe selbst zum Sensor, der nicht mehr sichtbar ist und der die Nutzung barrierefrei möglich macht. Der Nutzer hat ein smartes Kleidungsstück vorliegen, das normal aussieht, aber intelligent funktioniert.

          Was bedeutet das?

          Beispielsweise kann über das Knoten von Bändern oder über das Zuknöpfen einer Jacke eine Interaktion wie Musikhören ausgelöst werden. Ein weiteres Beispiel ist die Notrufjacke, die wir für Schlaganfallpatienten entwickelt haben. Hier muss der Betroffene im Notfall nur am Ärmelbündchen seiner Strickjacke ziehen, durch das Stretchgarn wird dann der Notruf ausgelöst – wenn man stürzt und Hilfe braucht, ist das eine wichtige Funktion.

          Von der Forschung auf den Markt: Kann man solche Stücke heute schon kaufen?

          Der Markt ist erstaunlicherweise langsam, obwohl es die Technologie schon länger gibt. Bislang haben Start-ups Prototypen im Reha-Bereich und bei Funktionssportbekleidung produziert und entwickelt. Jetzt ziehen die Großen langsam nach. Vor vier Monaten ist Google mit einem Partner in das Geschäft mit der smarten Kleidung eingestiegen. Sie wollen eine Fahrradjacke auf den Markt bringen, mit der man Telefonanrufe annehmen kann.

          Bis intelligente Kleidung den Massenmarkt erreicht, kann man sie – sogar relativ leicht – selbst machen. Was benötigt man dazu?

          Man braucht wenig, das ist das Tolle daran: Man sollte nähen können und neugierig sein. Es gibt einfache Microcontroller für Wearables für 10 Euro. Anleitungen und Baupläne finden sich Open Source. Deshalb kommen viele Entwicklungen aus der Maker-Szene. Blinkende LEDs integrieren und die Anrufannahme-Funktion einbinden, allein das ist an einem Tag möglich. Das Feld für Innovationen ist also eröffnet. Die Innovationen laufen zudem community-basiert, Infos darüber werden weltweit ausgetauscht.

          Bild: Matthias Steffen

          Um welche Funktionen kann man ein herkömmliches Kleidungsstück erweitern?

          Manche Shirts können ihre Farbe wechseln – thermochrome Stoffe machen die Veränderung von Weiß zu Schwarz oder verschiedene Farben möglich. Aber auch LED-Displays bis hin zu spannenden Funktionen im Bereich Gesundheit und Reha sind zu nennen: Hier kommen etwa Kniebandagen zum Einsatz, die mit Sensoren ausgestattet sind. Sie geben Rückmeldung, ob der Nutzer richtig trainiert und belastet. Smarte Kleidung im Sport begleitet den Nutzer, um ein Gefühl für Atmung, Herzschlag oder Bewegungsabläufe zu bekommen.

          Welche Rolle spielt das Design bei der Entwicklung von smarter Kleidung?

          Das Design ist ganz zentral. Die spannende Frage ist: Wie integriere ich die Technologie so, dass die Produkte von den Konsumenten akzeptiert werden? Die Herausforderung ist es, die Stücke so zu designen, dass der Nutzer sie gern trägt. Wir setzen uns mit den Nutzergruppen zusammen, entwickeln und testen Prototypen gemeinsam. Das Design ist hier im „Lead“, wie man so schön sagt.

          Sie sprechen von einer neuen Form der Mensch-Technik-Interaktion. Was bedeutet das konkret? Und wie sieht das weitere Forschungs- und Entwicklungspotential aus?

          Die Mensch-Technik-Interaktion, wie wir sie heute kennen, ist ein relativ neues Gebiet, das erforscht, wie wir mit Technologien in Zukunft umgehen können. Früher verstand man darunter: große Bildschirme, große Computer und das Arbeiten an grafischen Benutzeroberflächen. Heute ist die Technik überall im Raum verteilt, auch am Körper, das führt zu einer komplexeren Form der Interaktion – ich interagiere im Raum durch Gesten oder am Körper mit Wearables. Die Entwicklungen an Kleidungsstücken fallen in den Bereich Tangible Interaction, auch fühlbare Interaktion genannt. Das ist ein Forschungsgebiet, das uns im wahrsten Sinne des Wortes sehr nahe kommt: Die Technik rückt uns auf den Leib. Das wirft Fragen auf zur Akzeptanz, zur Nutzerfreundlichkeit und zur Privatsphäre. Ein breites interdisziplinäres Feld, an dem bei uns viele unterschiedliche Kollegen wie Designer, Informatiker, aber auch Psychologen arbeiten.

          Das Interview führte Julia Hoscislawski.

          Quelle: F.A.Z

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