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Aufbruch Ost: Eine komplette Uni flieht in die Freiheit : Universität der Freiheit

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Küchenfensterblick – in Vilnius hat Veranika keine neue Heimat gefunden. Sie träumt ihr Leben von hier aus Richtung Zukunft. Bild: Fabian Weiss

Weißrussland ist Europas letzte Diktatur. Ein Land, in dem Menschen verschwinden, Demonstranten verprügelt werden. Als die Regierung eine kleine, regimekritische Uni schließen will, zieht diese kurzerhand um in Richtung Westen. Ein Besuch bei den Exil-Studenten.

          Als er sich an einem Augusttag vor drei Jahren aufmachte ins Exil, kannte Andrei Lahunou die Gerüchte. Dass diese Uni Spione heranziehe, Verräter, Terroristen, bereit, ihr Land zu hassen. Die European Humanities University (EHU), lässt der weißrussische Staat seine Bürger wissen, sei eine feindliche Universität. Wohl auch deshalb hat er sie selbst aus dem Land getrieben.

          Die wohl einzige Exil-Universität der Welt residiert in einem blassgelben Klinkerbau am Stadtrand von Vilnius, gerahmt von Fichtenwald und einer Großbaustelle, an der Eingangstür kreisrunde rote Verbotsaufkleber: keine Zigaretten, keine Hunde, keine Schusswaffen. Wer hier studiert, gilt in Weißrussland automatisch als politischer Mensch, sagt Andrei. Als regierungsfeindlich. Andrei, 21, Kapuzenshirt, Kopfhörerbügel um den Hals, eine Haarsträhne im Nacken geflochten, wartet er im spärlich beleuchteten Flur im ersten Stock auf den Beginn seines nächsten Seminars. Es ist sein letztes Semester hier. Der Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaften, mit dem er die Uni diesen Sommer verlässt, wird in Weißrussland nicht anerkannt.

          Zehn Jahre ist es her, dass das Regime in Weißrussland die European Humanities University schließen ließ, neun, seit sie wieder eröffnete im Exil in Litauen, in einem waldgrünen Vorort im Norden von Vilnius, nur vierzig Kilometer diesseits der Grenze, die die EU trennt von Europas letzter Diktatur. Weißrussland, knapp zehn Millionen Einwohner, ein Land, in dem die Zeit so nachdrücklich stehen geblieben ist, dass es sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, seinen Geheimdienst KGB umzubenennen. Ein Staat, der zensiert, überwacht, unterdrückt, der Dissidentenkinder in Waisenhäuser steckt, der während der Wirtschaftskrise vor drei Jahren, als überall im Land Menschen demonstrierten, nur mit Schweigen oder Klatschen, Hunderte verprügeln, verhaften, verurteilen ließ. Ein Staat, in dem Menschen verschwinden, einfach so.

          Die Privathochschule EHU, auf Geisteswissenschaften spezialisiert, entstand in den ersten Jahren der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik, als noch alles möglich schien, vor dem Machtantritt von Präsident Alexander Lukaschenko. Der Lehrbetrieb begann 1992 in Minsk mit hundert Studenten und zwei Räumen. Zwölf Jahre später lud der Bildungsminister den Gründer und Rektor zum Gespräch. Anatoli Michailov, Philosoph und Heidegger-Spezialist, bekam Tee, Komplimente und die unmissverständliche Empfehlung, zurückzutreten zugunsten eines Regierungskandidaten. Als er sich weigerte, ließ der Staat seine Uni schließen.

          Litauen bot der verbotenen Hochschule eine neue Heimat an. Ihren Drei-Stockwerke-Campus teilt sich die EHU mit einer litauischen Universität, zur Finanzierung tragen EU, Nordischer Rat und private Spender wie der US-Milliardär George Soros bei. Ansonsten legt man Wert auf Unabhängigkeit. Die EHU will keine Kaderschmiede der Oppositionsbewegung sein, sondern freies Denken fördern, die nächste Generation ausbilden, die bereitsteht, wenn der Wandel kommt, irgendwann.

          Das Regime bekämpft die Exilanten weiter. Besonders vor Wahlen sind Schikanen an den Grenzübergängen üblich, werden Pässe und Laptops beschlagnahmt. Dozenten, die aus Weißrussland pendeln, können von Anrufen des Geheimdienstes erzählen, von Drohungen, offen oder versteckt.

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