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Hochschule 4.0 : Digitalisierung: Wir brauchen die Hochschule 4.0

  • -Aktualisiert am

Analog oder digital – wie sieht die Universität der Zukunft aus? Bild: anyaberkut/Thinkstock/Getty Images

Die nächste industrielle Revolution ist in vollem Gange: die Digitalisierung. Doch Deutschland droht den Anschluss zu verlieren, wenn das Hochschulsystem nicht schnell reformiert wird. Wo es hakt und was helfen würde – eine kritische Bestandsaufnahme in unserem Gastbeitrag des Monats.

          Schon mal was von Second Life gehört? Ab 2003 zog es nicht nur Zehntausende Spieler, sondern auch Konzerne wie Daimler, Deutsche Post oder Adidas in die Online-Parallelwelt. Das Programm sollte „unser Leben verändern“, hieß es. Zwei Jahre später herrschte gähnende Leere in Pixelland.

          Second Life war ein Hype unter Tausenden und zeigt, wie euphorisch unsere Gesellschaft auf neue Trends und Produkte reagieren kann. Und wie rasend schnell sie ad acta gelegt werden. Die ungeheure Beschleunigung, mit der Neues kommt, sich etabliert und auch wieder verschwindet, stellt auch Unternehmen vor riesige Herausforderungen. Investitionen müssen kurzfristig angepasst, Projekte im Eiltempo abgeschlossen werden. 

          Digitalisierung: Update der Bildungswelt

          Im Zeitalter der Digitalisierung kommt dem menschlichen Geist eine ganz neue Rolle zu. Einfache Arbeiten werden zunehmend von untereinander vernetzten Maschinen übernommen. Industrie 4.0 lautet das Schlagwort. Der Mensch wird dadurch nicht überflüssig, im Gegenteil: Die menschliche Fantasie ist vielmehr wichtigste Voraussetzung für eine neue Arbeitswelt. Jemand muss schließlich Software, Maschinen und vor allem neue Ideen entwickeln. Das kann (bis auf weiteres) nur der Mensch. Gerade eine hochindustrialisierte Wirtschaft wie die deutsche benötigt also Heerscharen von Wissensarbeitern.

          Jaqueline Otten ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg).
          Jaqueline Otten ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg). : Bild: HAW Hamburg:Paula Markert

          Um sie auszubilden, brauchen wir ein grundlegendes Update des Bildungssystems. Wir brauchen die Hochschule 4.0. Nur so wird der Arbeitsmarkt mit den hochqualifizierten Fachkräften versorgt, die so dringend benötigt werden. Und nur so kann die Wissenschaft weiter als innovativer Impulsgeber für Wirtschaft und Gesellschaft fungieren, um auch Arbeitsperspektiven für die nächsten Generationen zu schaffen.

          Doch davon sind wir noch weit entfernt, wie diese vier Beispiele verdeutlichen:

          1) Exzellenzinitiative

          Die einzige Antwort des Bildungssystems auf die neuen Herausforderungen lautete: Exzellenzinitiative. Große Probleme können nur durch große, öffentlichkeitswirksame Projekte gelöst werden – so die Denke. Der Haken an der Sache ist jedoch, dass die Exzellenzinitiative allein auf Universitäten und Großprojekte abzielt. Die Masse der „kleineren“ Hochschulen steht nicht im Fokus. Fachhochschulen (FHs) können gar nicht erst mitmachen. Dass ein Drittel aller deutschen Studierenden inzwischen an FHs eingeschrieben ist, scheint man in Berlin nicht wahrhaben zu wollen. Bei all der Fokussierung auf Exzellenz und Großforschung wird verkannt, welch rasante Entwicklung insbesondere die FHs genommen haben. Die Exzellenzinitiative sorgt dafür, dass sich das Zwei-Klassen-System verfestigt. Die, die bereits viel erhalten, bekommen noch mehr. An der altbekannten Dichotomie festzuhalten ist aber nicht zielführend. Statt eine kleine geschlossene Elite mit viel Geld aus dem Boden zu stampfen, sollte die bestehende Vielfalt im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem gefördert werden.

          2) Forschung

          Klar, Grundlagenforschung ist die ureigene Aufgabe der Wissenschaft und muss weiter gefördert werden. Aber können die Großprojekte schnell genug auf drängende Probleme in der Praxis reagieren? Wohl kaum. Von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung benötigt es Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte. Angesichts des rasanten Wandels unserer Gesellschaft müssen Hochschulen und Wissenschaft aber schneller und flexibler aktuelle Entwicklungen aufnehmen und wissenschaftlich begleiten können. Transferzentren, Gründerinitiativen oder einfach die schnelle Umsetzung von neuen Projekten stecken jedoch vielerorts noch in den Kinderschuhen. Der Nachholbedarf für die angewandte Forschung ist riesig. Die Hochschulen stehen bereit, Unternehmen bei der Suche und Umsetzung geeigneter Strategien zur Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und zur Sicherung der Arbeitsplätze in der Region zu unterstützen.

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