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Ein kanadischer Professor wird zum Cyborg : Ich sehe was, was du nicht siehst

  • -Aktualisiert am

Das Leben als Cyborg: Der in Kanada lebende Professor sieht die Welt als TV-Show, die auf seine Netzhaut projiziert wird. Seine Datenbrille nimmt er nur nachts ab. Sein Look macht ihm allerdings nicht nur Freunde: In einem Pariser McDonald’s griff 2012 ein Gast den schrägen Professor an und versuchte, ihm die Brille vom Kopf zu reißen. Bild: Ryan Enn Huges

Google hält seine Datenbrille „Google Glass“ für die nächste digitale Revolution. Steve Mann, Informatikprofessor an der Universität von Toronto, kann da nur müde lächeln. Seit Jahren erfindet und trägt er Datenbrillen. Sein aktuelles Modell ist sogar direkt mit seinem Gehirn verbunden.

          Steve Mann weiß noch, wann der Wahnsinn anfing: „Ich war vier Jahre alt, als mein Opa mir das Schweißen beibrachte. Es faszinierte mich sofort, aber ich sah viel zu wenig davon. Durch die Schweißerbrille war nur ein kleiner Lichtpunkt zu erkennen. Das musste doch besser gehen, dachte ich, und schon begann es in mir zu arbeiten.“ Bis heute, 47 Jahre später, hat es nicht wieder aufgehört. Als Professor für Informatik an der Universität von Toronto hat Steve Mann die Verbesserung der menschlichen Wahrnehmung durch technische Hilfsmittel nicht nur zu seinem Forschungsschwerpunkt gemacht; sie ist zu seinem Lebensinhalt geworden. Er ist beseelt und besessen von dem Wunsch, „die Technik im Sinne eines besseren Miteinanders weiterzuentwickeln“, wie er es formuliert. Für seine Leidenschaft zahlt Steve Mann einen hohen Preis.

          „Die Leute finden mich eigenartig“, beschreibt er seine Außenseiterrolle. „Sie halten es für sonderbar, dass ich während des größten Teiles meiner wachen Stunden Computer, die in meine Kleidung eingenäht sind, mit mir herumschleppe, dass ich dauerhaft mit dem Internet verbunden bin und dass ich Tag und Nacht eine Datenbrille auf der Nase habe.“ Seit 35 Jahren trägt Steve Mann sogenannte Wearable Computers, kurz „WearComps“ – transportable Rechner, die er seit seiner Jugend in den 70ern zusammenschraubt. Damals, als Computer noch ganze Häuser füllten, waren seine Apparaturen schwerer als er selbst. Zu ihnen gehörte noch keine Brille, sondern ein riesiger Datenhelm mit langen Antennen. In diesem Aufzug traute sich Steve Mann nur nachts auf die Straße.
          Die Vorstellung, dass mit den soeben in den USA auf den Markt gekommenen Google Glasses mehr Menschen Computerbrillen nutzen werden, amüsiert ihn. „Vor wenigen Jahren haben die Menschen noch die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich kommen sahen. Ich wirkte auf sie wie ein Außerirdischer.“ Mehr als 25 Generationen von Datenbrillen hat Steve Mann entwickelt, manche besitzen Radar, andere zeigen Wärmebilder. Seine Ausrüstung wurde zunehmend kleiner, leichter und leistungsstärker. Heute trägt der Tüftler ein Modell, das über Elektroden direkt mit seinem Gehirn verbunden ist. „Ich sehe die Welt in Form von Bildern, die auf meine Netzhaut projiziert werden, kontrolliert durch mehrere Computer. Ich lebe in einer videografischen Welt, als wäre mein gesamtes Leben eine Fernseh-Show.“

          Seine Welt sei eine andere als die aller anderen, erklärt Steve Mann. Er sehe die Dinge genauer, und er erhalte zusätzlich Informationen aus den Bildern – aus dem Internet, mit dem er dauerhaft verbunden ist. Außerdem stehe er über seine Computerbrille in ständigem Kontakt mit anderen Menschen. „Während ich einkaufe, kann meine Frau zu Hause dasselbe sehen wie ich und mir helfen, das richtige Gemüse auszusuchen.“ Zudem sei die Brille im Straßenverkehr nützlich. Beim Fahrradfahren könne er mittels einer Kamera, die nach hinten gerichtet sei, auch sehen, was hinter seinem Rücken geschehe. Er könne weiter entfernte Straßenschilder heranzoomen oder sich im Ausland Schrifttafeln in fremder Sprache sofort übersetzen lassen. „Viele Leute glauben, dass ich mithilfe der Brille die Realität ausblende. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie hilft mir, mich auf das Wichtige zu konzentrieren.“

          Gegen seine multifunktionale Computerbrille sei die Google Glass nicht viel mehr als ein Smartphone mit tragbarem Display. Sie blende Texte und Grafiken ins Sichtfeld ein, nicht mehr. Zudem sei Googles Datenbrille schlicht nicht ausgereift. „Das ganze System ist unvollständig. Die ‚Glass‘ ist zwar hübsch und sehr leicht, doch ihr Bildschirm liegt nicht direkt vor dem rechten Auge, sondern etwas darüber. Ich muss also ständig hochschauen. Wie irritierend für das Auge.“ Er fühle sich an Erfindungen erinnert, die er bereits Mitte der 90er gemacht habe. Diese kritische Haltung mag allerdings auch daher rühren, dass Steve Mann im Winter ebenfalls mit einer Computerbrille auf den Markt kommen wird, die er gemeinsam mit Technikern des US-Unternehmens Meta entwickelt hat. Seine „SpaceGlasses“ sollen es dem Nutzer ermöglichen, virtuelle 3-D-Gegenstände zu bewegen, die die Brille in die Realität projiziert, Laptoptastaturen, das Telefon. Science-Fiction-Filme wie „Minority Report“ oder „Avatar“ werden von der Gegenwart eingeholt. Rund 2.700 Euro wird die Brille kosten, die man bereits jetzt bestellen kann. Sie erinnert an eine dicke Pilotenbrille und wiegt weniger als zwei Tafeln Schokolade.

          Werden wir in Zukunft alle Datenbrillen tragen, Mr. Mann? „Durch meine Computerbrille sehe ich eine Menge Dinge, die andere nicht sehen“, sagt der Professor. „Aber die Zukunft gehört noch nicht dazu.“

          Brille? Steve Mann!

          Seit seiner Kindheit baut der Informatikprofessor Datenbrillen und -helme. Ab 2015 kann man eines seiner Modelle kaufen.

          1978: Der Datenhelm sieht noch aus, als sei er Teil einer Pilotenausrüstung. Der dazugehörige Computer, den Steve Mann mitschleppen muss, ist noch schwerer als er selbst.

          1994: Langsam wird er zum Cyborg. Modelle wie dieses hier machen unter anderem Infrarotaufnahmen und filmen, was hinter ihm passiert.

          2015: Die sogenannten SpaceGlasses zeigen ihrem Besitzer 3-D-Gegenstände, die die Brille in die Realität projiziert und die man mit den Händen bewegen kann. Zum Beispiel eine Computertastatur.

           

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