http://www.faz.net/-i7b-7lz8n

Italiens Slow-Food-Uni : Hogwarts aus Parmesan

  • -Aktualisiert am

Mauerpark italiano: In einer Wand des Uni-Gebäudes zieht Sebastian Melnitzky, 26, aus Argentinien Küchenkräuter. Später werden sie auf den Tellern der Slow-Food-Studenten landen. Bild: Stephanie Fuessenich

Giulia Lombardo Pijola studiert an der exklusiven Slow-Food-Uni im Piemont. Auf dem Stundenplan stehen Exkursionen nach Japan und Schokolade-Essen. Doch das Beste? Sind die Kommilitonen

          Sie nennen es die Blase. Die Bra-Bubble. Ein bisschen losgelöst vom Rest der Welt, ein Mikrokosmos mit einem großen Thema: Wenn sie hier nicht gerade essen, dann reden sie darüber. Sie sitzen am Küchentisch der WG über ihren Risotto-Tellern: Anika aus München, Silvio aus Brasilien, Sebastian aus Venezuela, This aus der Schweiz. Studium der Gastronomischen Wissenschaften, drittes Jahr. Alle aus Liebe ins nordwestitalienische Hinterland gezogen – aus Liebe zum Essen. „Wir haben hier alle etwas gefunden, das man mit Außenstehenden nicht teilen kann“, sagt Anika.

          Bra, Provinzstadt im Piemont, Ackerland vor Alpenkulisse, barocke Altstadtgassen, ist das Hauptquartier einer Bewegung. Slow Food, über 100.000 Mitglieder in 150 Ländern, wurde gegründet auf dem Glaubenssatz: buono, pulito e giusto – gutes, sauberes und gerechtes Essen. Ein Netzwerk gegen den globalisierten Einheitsgeschmack und die Übermacht multinationaler Lebensmittelkonzerne und industrieller Landwirtschaft. Und die wohl einzige Non-Profit-Organisation mit eigener Hochschule, der Università degli Studi di Scienze Gastronomiche (UNISG) im Ortsteil Pollenzo. Die Universität der Gastronomischen Wissenschaften, einzige ihrer Art weltweit, ist eine staatlich anerkannte Privat-Uni mit nur 400 Studenten und drei Studienprogrammen. Ein Jahr dauert der Master in Food Culture and Communications, zwei der Aufbaustudiengang „Förderung und Management des Gastronomischen und Touristischen Erbes“, drei der Bachelor in Gastronomischen Wissenschaften.

          Bra, Provinzstadt im Piemont, Ackerland vor Alpenkulisse, barocke Altstadtgassen

          „Wir definieren uns hier so sehr über Essen“, sagt Anika. Sie hat ein komplettes Leben aufgegeben, um hierherzukommen. Einen Kredit aufgenommen, ihren Freund verlassen. Und wusste nach drei Tagen: Das ist ihr Ort. „Weil ich wahnsinnig gern esse“, sagt Anika. „Und weil ich ein politischer Mensch bin.“ Bevor Anika Mester, 25, aus Bayern nach Bra zog, hatte sie zwei Semester lang Wirtschaftswissenschaften studiert, hatte das Studium abgebrochen für eine Ausbildung zur Köchin im Restaurant des kleinen Hotels, das ihr damaliger Freund übernommen hatte. Danach eine Weiterbildung, ganzheitliche Ernährungsberatung. Dann entdeckte sie die Uni. Gerade ist sie von einer Studienreise nach Japan zurückgekommen. Sie haben einen Sushi-Master getroffen, Kobe-Rind gegessen und Kugelfisch, letzte Mahlzeiten mit Sterbenden in einem Hospiz und Kantinenlunch mit Schulkindern. „Mein Herzblut steckt in dem, was ich hier lerne“, sagt Anika.

          Am Küchenschrank der WG hängt – wie ein Kunstdruck – ein Blatt Backpapier mit einer Reihe verbrannter Kringelabdrücke, kreatives Zufallsprodukt. This, Sebastian und Silvio, die sich die Wohnung samt Küche teilen, experimentieren hier mit Fermentation, vergorenem Fleisch und Käse. Gleich hinter der Eingangstür steht ein kleiner Plastiktank mit selbst gebrautem Bier. Hinter dem Flachbildfernseher im Wohnzimmer hat This seine Mehlsäcke gestapelt, weil die Lagerungstemperatur in der Küche nicht ideal ist. Niemand hier findet es seltsam, wenn jemand abends um halb elf in einer Bar in der Altstadt sein Whiskyglas auf die Theke stellt und sich verabschiedet, weil er noch Brot backen muss. Man müsse sich hier nicht immer erklären, sagt Anika. Weil alle genauso fühlen würden. Die Bra-Bubble, multikulturelle Komfortzone für Food-Verrückte, die Neustudenten als Erstes den besten Metzger der Stadt zeigen, in ihren Blogs schreiben, dass ihnen der Griff zum Korkenzieher für die Rotweinflasche zum spontanen Reflex geworden ist, und über die Welt da draußen klagen, in der sich niemand an ranzigem Olivenöl stört und jeder fetten Speck eklig findet.

          Topmeldungen

          Brexit-Szenarien : Londoner Finanzmarkt zittert

          Die Ungewissheit über den EU-Austritt Großbritanniens treibt die Anleger um. Finanzexperten warnen vor Spekulationen auf die unterschiedlichen Szenarien – vom weiteren Wertverlust des Pfunds ist die Rede.

          Zwan­zig Jah­re ISS : Lego im Weltall

          Vor zwan­zig Jah­ren be­gann der Bau der ISS, der In­ter­na­tio­nal Space Sta­ti­on. Das größ­te be­mann­te Raum­fahrt­pro­jekt ist zu­gleich das, bei dem bis­her am we­nigs­ten schief­ging.