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Studienfinanzierung : Studienkredite: Abschluss auf Pump

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Studienkredite sorgen dafür, dass nicht nur der Kopf, sondern auch das Portemonnaie während des Studiums gefüllt bleibt. Bild: zimmytws/iStock/Getty Images

Wenn Eltern, Bafög und Nebenjobs nicht genug Geld einbringen, können Studenten ihr Studium mit Studienkrediten finanzieren. Das Angebot reicht vom staatlich geförderten Standarddarlehen bis zum streng erfolgsorientierten Bildungsfonds. Für wen sich welcher Studienkredit eignet.

          Sascha Firtina ist es gewohnt, zu denken wie ein Unternehmer. Der 23-jährige BWL-Student hat schon während der Schulzeit seine erste eigene Firma gegründet. „Als Gründer geht man davon aus, dass man erst einmal viel Zeit und Geld investiert, eine Weile kein besonders hohes Einkommen hat und die Kosten möglichst gering halten muss“, sagt Firtina. „Man investiert in die Zukunft. Natürlich immer mit dem Gedanken, dass sich diese Investition irgendwann auszahlen wird.“ Genauso geht er auch sein Studium an: „Auch das Studium ist eine Phase, in der man viel Zeit, Geld und Energie investiert – in dem Fall eben in die eigene Bildung.“ Und wenn es an den Mitteln fehlt, um diese arbeitsreiche Aufbauphase zu finanzieren? Dann muss man sich Kapitalgeber ins Boot holen, die an den zukünftigen Erfolg glauben – und das Projekt Studium daher finanziell unterstützen. Die Eltern zum Beispiel, die Geld zuschießen. Den Staat, der Fördermittel bereitstellt. Oder aber: eine Bank, die einen Kredit gewährt.

          Studienkredite: Auch das Portemonnaie muss gefüllt sein

          Während sich der Kopf im Studium mit wertvollem Wissen füllt, muss schließlich auch das Portemonnaie gefüllt bleiben. Miete, Nebenkosten, Essen, die Kosten für Semesterticket, Bücher, Heizung, Versicherungen: Da kommt einiges zusammen. Mehr als 800 Euro monatlich müssen Studenten in einem Vollzeitstudium im Schnitt aufbringen, um die laufenden Kosten zu decken, zeigen Daten des Deutschen Studentenwerks. Eltern, Bafög, Nebenjob: Mit diesen drei Finanzierungsquellen sollte das schon irgendwie zu schaffen sein, hoffen die meisten Studenten. Doch der klassische studentische Finanzierungsmix stößt im realen Studentenleben schnell an seine Grenzen. Etwa wenn Extrakosten hinzukommen: für Studiengebühren an privaten Hochschulen, für einen neuen Laptop, eine teure Laborausstattung oder einen Auslandsaufenthalt. Wenn besonders hohe Mieten in teuren Großstädten wie Hamburg, München oder Köln das Studentenbudget überstrapazieren. Wenn der Nebenjob in der Prüfungsphase zu viel wertvolle Lernzeit kostet. Wenn der Bafög-Bescheid weniger bringt als erwartet – oder sogar gar nichts. Wer dann nicht die Eltern um einen Zuschuss bitten kann oder will, der braucht eine zusätzliche Finanzquelle: einen Studienkredit.

          Studenten erkundigen sich in einem solchen Fall oft bei der Finanzierungsberatung ihres Studentenwerks. „Die Nachfrage nach Beratungen zum Thema Studienkredit steigt seit Jahren“, berichtet Maria Dörrie, Beraterin beim Studierendenwerk Hamburg. „Die individuellen Gründe sind sehr unterschiedlich. Aber was immer wieder auffällt, ist: Die meisten Studierenden haben keinen genauen Überblick über ihre Einnahmen und Ausgaben, wenn sie in die Beratung kommen.“ Die Studenten merken zwar, dass es eine Finanzierungslücke gibt – aber wie groß diese Lücke ist, für welchen Zeitraum sie zusätzliche Mittel benötigen, welche Art der Finanzierung es gibt, darüber hätten sich die meisten noch wenige Gedanken gemacht. „Genau diese Analyse ist aber sehr wichtig. Denn es gibt eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Finanzierungsangebote“, erklärt Dörrie. Manchmal finde sich doch noch eine Alternative, zum Beispiel ein Stipendium. Oder der Kredit kann niedriger ausfallen, weil doch noch ein Bafög-Antrag möglich ist. „Und es gibt nicht das eine Kreditangebot, das für jede Situation passt.“

          Viele Angebote für Studienkredite

          Diesen Befund bestätigt Ulrich Müller, der für das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh regelmäßig den „Studienkredit-Test“ durchführt. „Es gibt derzeit mehr als dreißig Anbieter“, berichtet er. Auf den ersten Blick sind die meisten Studienkredite ähnlich aufgebaut: Es gibt eine Auszahlungsphase, während deren Studenten meist monatlich einen bestimmten Betrag erhalten. Ist das Studium abgeschlossen, folgt eine Ruhephase. Erst nach ein bis zwei Jahren beginnt die Rückzahlungsphase, während deren die Kreditsumme plus Zinsen in Raten getilgt wird. Auf den zweiten Blick zeigen sich große Unterschiede zwischen den Anbietern: Das Spektrum umfasst staatlich geförderte, standardisierte Darlehen ebenso wie zinsfreie und zeitlich begrenzte Notfallkredite der Studentenwerke. Banken machen Studenten individuelle Kreditangebote. Und sogenannte Bildungsfonds bieten am Studienerfolg orientierte Finanzierungsmodelle selbst für hohe Darlehenssummen an. „Welches Angebot jeweils am besten geeignet ist, hängt davon ab, was und wo man studiert, in welcher Studienphase man sich befindet und was man nach dem Studium vorhat“, erklärt Experte Müller. 

          Rund 60.000 Studienkredite werden jedes Jahr abgeschlossen. Das mit großem Abstand am häufigsten genutzte Studienkreditprogramm ist dabei das der staatlichen Förderbank KfW. Rund 35.000 Studenten nutzen es jährlich. „Das ist gewissermaßen der Studienkredit für Otto Normalstudent“, sagt CHE-Experte Müller. Nahezu jeder Student kann den Kredit beantragen: Einkommen und Vermögen der Eltern, Bonität und Studienfach spielen keine Rolle. Der KfW-Kredit wird laut Aussagen der Förderbank vor allem von Studenten in Anspruch genommen, die keinen oder keinen vollen Anspruch auf eine Bafög-Förderung haben und deren Eltern sie nicht ausreichend unterstützen können, um ihren Lebensunterhalt während des Studiums zu bestreiten. In den meisten Fällen beantragen sie den Kredit schon im ersten Semester und für die gesamte Zeit ihres Studiums. Sie erhalten pro Monat maximal 650 Euro als Unterstützung zum Lebensunterhalt.

          Für den ehrgeizigen BWL-Studenten Sascha Firtina wäre der Standard-Studienkredit der Förderbank damit viel zu niedrig gewesen. Denn er hat sich entschieden, an der Hochschule WHU in Vallendar zu studieren, einer privaten Managementschule. 5.500 Euro pro Semester muss er allein für die Studiengebühren aufbringen. „Die Lebenshaltungskosten decke ich durch die Einnahmen aus meinem Start-up ab und durch Unterstützung meiner Eltern“, berichtet der 23-Jährige. „Aber es war klar, dass ich für die Studiengebühren einen Kredit aufnehmen musste.“ Vor einem klassischen Bankkredit, den er nach Ende des Studiums abstottern müsste, schreckte er aber zurück. „Es geht ja insgesamt doch um eine recht hohe Summe“, sagt Firtina. „Und ich wusste ja, dass ich nach dem Studium weiter mein Start-up aufbauen will, also wahrscheinlich nicht so schnell ein hohes Einkommen haben werde.“ Hohe Kreditraten könnten seine Zukunftspläne ausbremsen, fürchtete er. Stattdessen entschied er sich daher für eine Finanzierung durch einen sogenannten Bildungsfonds. Das Prinzip: Anleger kaufen Anteile an einem Fonds. Aus diesen Mitteln werden dann ausgewählte Studierende finanziert.

          Studienkredite: Auf die Rückzahlungskonditionen achten

          Der große Unterschied für die Studenten liegt weniger in der Herkunft der Mittel als vielmehr in den Rückzahlungskonditionen. Nach Abschluss des Studiums zahlen sie nicht einfach die Kreditsumme in Raten zurück, sondern sie zahlen für einen bestimmten Zeitraum einen festen Prozentsatz ihres Einkommens an den Fonds. Bei dem Fondsanbieter Brain Capital, bei dem BWL-Student Firtina seinen Vertrag abgeschlossen hat, lautet ein typischer Deal: Zehn Jahre lang zahlt der Absolvent nach dem Studium 10 Prozent seines Einkommens an den Fonds. Die Spanne bei der Rückzahlungsquote liegt zwischen 7 und 12 Prozent, sie variiert je nach Studienfach und Höhe der aufgenommenen Summe. Das Prinzip: Wer nach dem Studium wenig verdient, zahlt dem Fonds auch wenig zurück. Erst wenn ein bestimmtes Mindesteinkommen überschritten ist, beginnt die Rückzahlung. Wer nach dem Studium richtig durchstartet und viel verdient, zahlt allerdings auch sehr viel an den Fonds – gegebenenfalls deutlich mehr, als er ursprünglich erhalten hat. Bei Fondsanbieter Brain Capital ist die maximale Rückzahlsumme gedeckelt: Mehr als das Doppelte der ausgezahlten Kreditsumme muss BWL-Student Firtina in keinem Fall zurückzahlen. „Das ist in meinen Augen ein sehr fairer Deal“, befindet Firtina.

          Da würden sicherlich viele Studenten zustimmen: Das Modell nimmt die Angst davor, am Ende des Studiums womöglich verschuldet, aber ohne Job dazustehen – oder von einem niedrigen Gehalt jahrelang hohe Kreditraten zurückzuzahlen. Die Fondsanbieter machen ihr verlockendes Angebot allerdings bei weitem nicht jedem. Brain Capital zum Beispiel finanziert nur Studenten, die das Auswahlverfahren an ausgewählten privaten Hochschulen bestanden haben. Bei anderen Anbietern durchlaufen Studenten ein strenges Auswahlverfahren. Denn natürlich wetten die Fonds-Investoren darauf, dass ihre Günstlinge nach dem Studium eine steile Karriere mit hohem Gehalt starten – und finanzieren nur solche Kandidaten, bei denen das sehr wahrscheinlich ist.

          Sehr viel weniger elitär geht es bei den Studienabschlusskrediten der Studentenwerke zu. Sie bieten über ihre Darlehenskassen zinslose Kredite an. Allerdings nur für Studenten, die bereits kurz davor stehen, ihr Studium abzuschließen – und auf den letzten Metern noch einmal eine Finanzierungslücke schließen müssen. Zum Beispiel, weil die maximale Förderdauer des Bafög ausgelaufen ist. So ging es Marius Gietz. Der Wirtschaftsinformatik-Student hatte für seinen Bachelor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg acht Semester statt der in der Regelstudienzeit vorgesehenen sechs Semester gebraucht – das letzte Jahr seines Studiums musste er daher ohne Bafög über die Runden kommen. „Ich habe für diese Zeit einen Kredit bei der Darlehenskasse NRW aufgenommen, weil es hieß, das sei ein zinsloses Darlehen“, sagt Gietz. „Allerdings stellte ich nachher fest, dass man pro Darlehensvertrag 250 Euro Bearbeitungsgebühren zahlt.“ Da er zunächst nur einen Kredit für ein zusätzliches Semester aufnahm, dann einen weiteren für das letzte Semester, muss er also zusätzlich zur Kreditsumme von insgesamt 9000 Euro auch noch 500 Euro Gebühren zurückzahlen. Außerdem brauchte er für den Kredit einen Bürgen: Seine Mutter verpflichtete sich einzuspringen, falls er den Kredit nicht zurückzahlen könnte.

          Eine Alternative für die Finanzierung der Studienabschlussphase wäre womöglich auch der sogenannte Bildungskredit gewesen: ein staatlich geförderter Kredit des Bundesverwaltungsamtes, der für maximal zwei Jahre ausgezahlt wird. Allerdings liegt die Auszahlung des staatlichen Abschlusskredits bei höchstens 300 Euro monatlich. Damit hätte Wirtschaftsinformatik-Student Gietz Miete und Lebenshaltungskosten nicht bestreiten können. „Letztlich muss man bei jedem Studienkreditmodell sehr genau hinschauen, ob das Angebot zur persönlichen Situation passt und welche Vor- und Nachteile die jeweiligen Modelle bieten“, sagt CHE-Marktkenner Müller. „Man sollte daher nicht in Panik geraten, auch wenn das Geld plötzlich knapp wird oder man schnell eine Entscheidung für oder gegen einen Studienplatz treffen muss“, betont Ulrich Müller. „Ein Marktvergleich und eine ausführliche individuelle Beratung sind auf jeden Fall wichtig.“

          Studienkredite: Risiken und Nebenwirkungen

          Bei der Entscheidung für oder gegen einen Studienkredit sollten Studenten systematisch vorgehen:

           1. Taschenrechner raus!
          Eine knallharte Einnahmen-und-Ausgaben-Rechnung zeigt, wie groß die Finanzierungslücke wirklich ist. Grundsätzlich gilt die Faustregel: so wenig Kredit aufnehmen wie möglich, aber immer so viel wie für ein erfolgreiches Studium nötig.

          2. Alternativen checken
          Stipendium, Bafög-Antrag, ein neuer Job: Gibt es wirklich keine sinnvolle Alternative zum Kredit? 

          3. Faktencheck
          Ein ausführlicher Angebotsvergleich ist ein Muss. Der Zinssatz allein entscheidet nicht über das attraktivste Angebot. Passt das Angebot zur Studienphase, zu den beruflichen Plänen nach dem Studium? Ist es flexibel genug, um auch eine Planänderung zu verkraften, zum Beispiel ein Auslandsstudium? 

          4. Angebote einholen
          Nicht einfach beim nächstbesten Anbieter unterschreiben. Es kann sinnvoll sein, bei mehreren Anbietern nach einem verbindlichen Angebot zu fragen, Beratungsgespräche zu vereinbaren – und eventuell nachzuverhandeln. 

          5. Nichts aufschwatzen lassen
          Manche Anbieter werben mit Paketangeboten oder teuren Extras wie Versicherungen. Die sind selten sinnvoll – auch hier gilt wieder: selbst nachrechnen. 

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