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Belgien für Berufseinsteiger : Belgien für Sprachakrobaten

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Antwerpen im Sommer: Auch wenn die Flamen in Belgien als arbeitsam gelten, ein Eis bei Sonnenschein genießt man auch dort. Bild: Françoise Hauser

Wer an Belgien denkt, dem fallen wahrscheinlich sofort Pralinen und Pommes ein. Wenig Assoziationen ruft das Land hingegen in Sachen Wirtschaft und Arbeitswelt hervor. Mit welchen Eigenheiten überrascht das kleine Nachbarland im Arbeitsalltag? Und warum lohnt es sich, den Blick über die Grenze zu werfen?

          „Mal in Belgien arbeiten, das wäre ein Traum“. Ganz ehrlich, diesen Satz hört man nur selten. Was keinesfalls an den Arbeitsbedingungen des Nachbarlandes liegt und auch nicht an den Menschen, der Kultur oder der Natur. Lebensqualität und Löhne sind durchaus mit Deutschland zu vergleichen, und auch die Chancen, eine Arbeitsstelle zu finden, stehen gar nicht so schlecht. Trotz einer Arbeitslosigkeit von rund 7,8 Prozent sind beispielsweise Absolventen der MINT-Fächer – auch mit Bachelorabschluss – in Belgien sehr gefragt, denn auch in dem kleinen Nachbarland herrscht Fachkräftemangel. 

          Belgien mit vielen Facetten

          Das Besondere ist: Wer sich für Belgien interessiert, muss sich gleich zu Anfang regional entscheiden – und das dürfte auch der Grund sein, warum es so oft übersehen wird. Obwohl das Land gerade mal so groß ist wie Baden-Württemberg und nur 11 Millionen Einwohner zählt, ist es Heimat dreier Sprach- und Kulturgruppen. Dazu zählen die Flämisch sprechenden Flamen in Flandern, die frankophonen Wallonen in der Wallonie und eine kleine deutschsprachige Gemeinschaft. Hinzu kommt eine bilinguale Hauptstadt, die nicht so recht weiß, wo sie hingehört. Und es ist nicht nur die Sprache, die die Landesteile trennt. In vielerlei Hinsicht sind die Regionen unabhängig voneinander, lediglich in der Außenpolitik, der Verteidigung, im Rechts- und Finanzwesen sowie im Sozial- und Gesundheitswesen vertreten sie eine gemeinsame Linie.

          Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, liegt eigentlich im flämischen Landesteil, doch die wallonischen Einflüsse sind groß. Es wird beispielsweise überwiegend Französisch gesprochen.
          Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, liegt eigentlich im flämischen Landesteil, doch die wallonischen Einflüsse sind groß. Es wird beispielsweise überwiegend Französisch gesprochen. : Bild: Françoise Hauser

          Das Zusammenleben gestaltet sich dabei nicht immer einfach. Nach den Wahlen im Jahr 2010 dauerte es sage und schreibe 541 Tage, bis eine Regierung gebildet werden konnte – Flamen und Wallonen fanden einfach nicht zueinander. Inter­essant ist allerdings: Dieser betrübliche Zustand der Regierungslosigkeit machte sich im Alltag kein bisschen bemerkbar. Dass es um das belgische Gemeinschaftsgefühl nicht besonders gut bestellt war, wusste man allerdings schon seit 2006, als der staatliche Sender RTFB zur besten Sendezeit eine vermeintliche Dokumentation über den Zerfall des Landes sendete und nahezu alle Zuschauer darauf hereinfielen. Nach der Ausstrahlung der Sendung „Bye Bye Belgium“ waren 89 Prozent der Zuschauer überzeugt, Belgien habe sich soeben aufgelöst, obwohl wiederholt der Hinweis „Dies ist eine Fiktion“ eingeblendet worden war.  

          Flamen, Wallonen und Deutsche Leben zusammen

          Da wundert es nicht, dass viele Belgier insgeheim Vorurteile hegen. Während die Flamen die Wallonen insgeheim für entspannte Genießer ohne Ehrgeiz und Antrieb halten, sind sich die Wallonen umgekehrt sicher, dass man in Flandern besonders materialistisch und fleißig ist, aber auch rigoros miteinander umgeht. Nur die kleine deutsche Gemeinschaft tut sich leicht: Mit nicht einmal einem Prozent rechnet sie sich ohnehin kaum Chancen auf Einfluss aus – und wird dafür von allen anderen Belgiern gemocht.

          Doch wie arbeitet es sich in einem Land, das auf den ersten Blick so fragmentiert scheint? Für Manuel Hartenberger ist die Sache klar. Seit etwas mehr als zwei Jahren ist der studierte Elektrotechniker für BASF in Antwerpen als Projekt- und Engineering-Manager in der Stromversorgungsabteilung tätig. Er fühlt sich wohl in der neuen Heimat. Dabei war Belgien auch für ihn ein Zufallstreffer: „Das Angebot, hier eine Stelle anzutreten, war da, und ich habe es angenommen.“ Mittlerweile spricht Hartenberger auch im Arbeitsalltag Flämisch – ein wichtiger Faktor bei der Integration in Belgien: „Freunde zu finden war kein Problem, zumal Antwerpen auch eine große deutsche Community hat.“ Trotzdem war es auch für ihn wichtig, die Sprache zu lernen: „Zwar beherrschen viele akademische Kollegen Englisch oder Deutsch, aber für die Kunden- und Lieferantenkontakte ist das Flämische unerlässlich.“ Schwergefallen ist es ihm nicht: „Nach einem halben Jahr kann man sich schon ganz gut verständigen und das meiste auf Flämisch erledigen. Die Sprache ist dem Deutschen doch recht ähnlich.“

          Patricia Moock gibt ihm recht. Auch sie fühlt sich in Belgien wohl. Bereits im Rahmen des Traineeprogramms im Bereich Engineering bei Lanxess absolvierte die 28-jährige studierte Chemieingenieurin einen viermonatigen Aufenthalt in Belgien – und kehrte nach Abschluss des Programms im März 2017 als Project-Process-Engineer zu Arlanxeo, einem Joint Venture von Lanxess und Saudi Aramco, nach Zwijndrecht in Belgien zurück. Klar – auch sie kann sich auf Flämisch verständigen.

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