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Praktikumsbericht : Erfahrungsbericht: Praktikum in Brüssel

  • -Aktualisiert am

Praktikum in Brüssel: „Lobbying hat nichts mit Schmiergeld zu tun“, sagt Regine Wehner. Bild: Paul Grecaud/iStock/Getty Images

Ist Lobbyarbeit so schlecht wie ihr Ruf? Regine Wehner machte ein Praktikum in Brüssel und ging der Frage auf den Grund.

          Lobbyarbeit ist böse und Lobbyisten sind sowieso im Bund mit dem Teufel – oder? Regine Wehner wollte das nicht glauben, zumal die Europawissenschaftlerin bei ihrer wissenschaftlichen Recherche immer wieder auf anders lautende Aussagen gestoßen war. Kurz bevor die 26-Jährige sich an ihre Masterarbeit für ihr Studium der European Culture and Economy an der Ruhr-Universität Bochum setzte, wollte sie den Vorurteilen auf den Grund gehen und absolvierte ein viermonatiges Praktikum bei einer Public Affairs Consultancy in Brüssel.

          Solche Beratungen gibt es einige in Brüssel. Ihre Aufgaben: die Interessen von NGOs, Verbänden, Industriezweigen, gesellschaftlichen Interessenvertretern, aber auch kleinerer Regionen und Länder in Brüssel vertreten. Die Praktikumsstelle war überraschend schnell gefunden. Heute weiß Regine Wehner: „Ich hatte echt Glück und war zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Zwei Initiativbewerbungen hat sie geschrieben, eine war erfolgreich. Von anderen Praktikanten in Brüssel weiß sie aber, dass es gar nicht so einfach ist, einen Fuß in die Tür zu bekommen. „Ich habe mich im Vorfeld wirklich gut vorbereitet und habe beispielsweise beim Career-Service der Uni meine Bewerbung überprüfen lassen, bevor ich sie abgeschickt habe.“

           

          Praktikum in Brüssel: Immer auf dem Laufenden

          Public Affairs Cosultancies sind in der Regel sehr kleine Unternehmen, die mit verschiedenen Partnerorganisationen vernetzt sind. In Regine Wehners Fall gab es fünf Festangestellte und zwei bis drei Praktikanten. „Das war wirklich toll, weil ich so unheimlich viel Einblick bekommen habe und schnell verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen konnte.“ Einer der wichtigsten Bestandteile der Brüsseler Lobbyarbeit: das Monitoring. Regine Wehner musste ständig die aktuellen politischen Abläufe, die wichtigen Events, den Gesetzgebungsstatus einer politischen Entwicklung verfolgen. Dafür hielt sich mit Newslettern auf dem Laufenden und protokollierte Veranstaltungen. Zudem schnupperte sie in den Bereich Eventmanagement hinein, da ihr Arbeitgeber mitunter auch Veranstaltungen organisierte, um Vertreter der Verbände mit Politikern zusammenzubringen. „Die Kunden legen viel Wert darauf, dass man ständig in Kontakt mit Politikern ist. Ich konnte also auch als Praktikantin immer wieder Abgeordnete treffen.“

          Ihre Hauptaufgabe bestand aber darin, für eine EU-Institution Anfragen von Bürgern zu beantworten. Die EU-Kommission hat einen Teil ihrer Bürgerrechtsberatung an verschiedene Public Affairs Consultancies ausgelagert. Wenn ein Bürger eine bestimmte Frage zum EU-Recht hat, beispielsweise wegen Ortswechsel oder Heirat eines Drittstaatlers, dann kann er solche Fragen an die EU stellen. Regine Wehner und andere Rechtsexperten prüfen diese dann und beantworten sie, bevor sie von der Kommission kontrolliert und evaluiert werden.

           

          Praktikum in Brüssel: Unterstützung durch Erasmus-Förderprogramm

          Regines Wehners hatte sich vor dem Praktikum gewünscht, einen dezidierten Einblick in die Arbeitsweisen in Brüssel zu bekommen und herauszufinden, ob Lobbyarbeit so schlecht ist wie ihr Ruf. Ihre Antwort: „Der Eindruck, den ich aus meinen Recherchen vorab gewonnen habe, wurde bestätigt. Lobbying in Brüssel, wie ich es mitbekommen habe, hat nichts mit Schmiergeld zu tun. Da arbeiten sehr reflektierte und qualifizierte Menschen, die ihr Handeln mit Werten verknüpfen und denen bewusst ist, welche Bedeutung ihre Arbeit hat.“

          Zumindest als Praktikant kann man in diesem Bereich aber nicht reich werden. In den ersten drei Monaten verdiente Wehner je 300 Euro, im vierten immerhin 450 Euro. Das reicht aber bei Weitem nicht aus, um die Lebenskosten in Brüssel zu decken. „Gerade als Frau ist es nicht einfach, gut und sicher zu wohnen. Man hört immer wieder schlimme Geschichten von Überfällen“, erklärt Wehner. Sie suchte sich deshalb ein teureres, aber dafür sicheres Viertel aus, investierte einen Teil ihrer Ersparnisse und stockte ihr Praktikumsgehalt zudem über das Erasmus-Förderprogramm für Studenten auf. 

          Inzwischen ist sie zurück in Deutschland und schreibt an ihrer Masterarbeit. Das Thema: die Arbeit von Consultancies in Brüssel.

          Quelle: F.A.Z.

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