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Unternehmenswahl : Berufseinstieg im Großkonzern oder Mittelstand?

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Berufseinstieg beim Großkonzern oder im Mittelstand? Die Entscheidung hängt vor allem von den eigenen Zielen ab. Bild: Rawpixel Ltd/iStock/Getty Images

Nach dem Studienabschluss steht die Entscheidung an: Berufseinstieg im Großkonzern oder bei einem Mittelständler? Und was ist langfristig die beste Entscheidung?

          Bei Jobmessen für Absolventen ist an den Ständen großer Unternehmen mit bekannten Produkten häufig am meisten los. Peek & Cloppenburg, Siemens oder BMW – dazu hat jeder einen Bezug. Hier landet die eigene Bewerbung aber auch im größten Stapel. Warum nicht gleich auf die Suche nach typgerechten Alternativen machen?

          Die Großunternehmen, die „Toparbeitgeber“ in Absolventenumfragen: Sie locken mit Traineeprogrammen als Orientierungsschleifen, vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten im In- und Ausland, schmücken den Lebenslauf und zahlen besser. Na klar. Nicht außen vor lassen sollte man bei der Suche nach dem potentiellen Arbeitgeber aber sich selbst: Ist man Individualist oder Gruppenmensch, auslandsinteressiert oder heimatverbunden, möchte man Karriere um jeden Preis machen oder Expertise in einer bestimmten Branche oder Funktion aufbauen?

          „Konzerne haben ihre eigenen Regeln, denen man sich unterwerfen muss“, erklärt Beate Hild, die über 20 Jahre als Personalleiterin in der Chemiebranche tätig war. „Wer mit einer internationalen Karriere liebäugelt, wird auch Versetzungen in unbeliebte Destinationen hinnehmen. Wer ein großes sechsstelliges Gehalt anstrebt, für den gibt es phasenweise keine Sonn- und Feiertage.“

           

          Berufseinstieg im Großkonzern: Selbstmarketing betreiben

          Viele junge Kollegen? Schön. Aber die wollen auch alle etwas erreichen. Ein attraktives Paket an Sozialleistungen, Weiterbildungen, ein Firmengebäude mitten in der City? Gut, aber dafür wollen die Chefs auch Gegenleistung sehen. Und „sehen“ heißt in einer großen Organisation manches Mal, dass man darum kämpfen muss, mit seiner Leistung sichtbar zu sein. So bekam Berufsstarter Stefan R. bei McKinsey nach zahlreichen Nachtschichten im Feedbackgespräch einmal zu hören, an seiner Performance in den Projekten sei überhaupt nichts auszusetzen. Aber er würde zu wenig Zeit dafür einsetzen, sich selbst zu vermarkten. Bei den Partnern kämen seine Erfolge daher nicht an. Dieser Mangel an Selbstdarstellung sei ein Malus. Der junge Mann mit Einser-Examen in Physik war sprachlos. Von der Bedeutung solcher Selbstvermarktungskünste hatte ihm vorher keiner etwas gesagt – und zu den Stärken des gradlinigen Analytikers gehörten sie auch nicht.

          Der selbständige Unternehmensberater Wulf Schaper-Rinkel kennt beide Welten: Konzernwelt und Familienunternehmen. Nach BWL-Studium, Promotion und ersten Schritten in einer Unternehmensberatung und im Investmentbanking zog ihn der Praxishunger in eine mittelständische Unternehmensgruppe: „Ich war mir unsicher, ob die Lösungen, die ich präsentiere, wirklich der Realität entsprechen, und wollte aus der Innenperspektive heraus lernen, wie man ein Unternehmen steuert.“ Als Vorstandsassistent ging er zum Getränkeanbieter Berentzen nach Haselünne und blieb trotz des eher abgelegenen Standorts und eines recht traditionellen und gesetzten Umfeldes länger als ursprünglich gedacht. Denn bereits nach 15 Monaten wurde ihm die Finanzgeschäftsleitung der Gruppe samt Führung von 30 Mitarbeitern angeboten. „Eine Karriereoption, die ich vermutlich nirgendwo sonst mit 29 Jahren bekommen hätte“, ist er sich immer noch sicher. „Wenn du dich einsetzt und gut bist, hast du im Mittelstand einfach eine höhere Visibilität.“

           

          Karriere im Mittelstand: Kurze Entscheidungswege

          Seine in jungen Jahren gesammelte Managementerfahrung machte ihn attraktiv für den Private-Equity-Bereich der Deutschen Bank. Er bekam ein lukratives Angebot, das er nicht ablehnen konnte. „Ein Kulturschock war der Wechsel in diesen Konzern für mich nicht, weil wir in dem Bereich sehr selbständig agierten. Aber natürlich sind die Entscheidungswege länger“, vergleicht Schaper-Rinkel das große mit dem kleineren Unternehmen. „Man hat keinen engen Kontakt mehr zu den Eigentümern, deutlich weniger Einfluss auf konzernweite Entscheidungen und ist einer unter vielen sehr gut ausgebildeten und bezahlten Mitarbeitern.“

          Dass es für Bewerber schon Onlinetests gibt, mit denen sie herausfinden sollen, ob sie der Typ für kleine, mittlere oder große Betriebe sind, findet die Personalberaterin Beate Hild etwas holzschnittartig. Fakt sei: „Je nach Verweildauer im Unternehmen prägt einen die jeweilige Kultur.“ Wer bei einem Mittelständler gearbeitet habe, sei Freiräume und wenig Reglementierung gewöhnt und habe bei einem Wechsel in ein großes Unternehmen entsprechende Anpassungsschwierigkeiten. Konzernmitarbeiter vermissten bei einem Wechsel zu einem Mittelständler die Infrastruktur, das große unterstützende Netzwerk.

          Sie beobachtet, dass kleinere Unternehmen für Bewerber aus großen Organisationen häufig erst dann attraktiv werden, wenn diese sesshaft werden und eine Familie gründen. „Dann gewinnt Work-Life-Balance an Bedeutung. Sie wollen wissen, wohin sie gehören und was auf sie zukommt.“ Manch einer zöge dann die Beständigkeit eines „Hidden Champion“ einer Konzernkarriere vor.

          Quelle: F.A.Z.

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