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Geschichte studiert - und dann? : History Marketing - neue Berufschance für Historiker

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Bild: adidas

Firmen entdecken den Wert ihrer eigenen Geschichte und setzen auf die Hilfe von Experten. Der Weg in die Wirtschaft wird für Historiker deshalb zunehmend attraktiver. Das hat Folgen: Der Arbeitsmarkt für Geschichtswissenschaftler entspannt sich.

          History Marketing? Den Begriff findet Dirk Reder ganz furchtbar. „Geschichte taugt schlecht für die Verkaufsförderung“, stellt der promovierte Historiker fest. Doch der Buchtitel war 2003 in der Welt,
          der Ausdruck setzte sich schlagartig durch. „Und damit war das Thema verankert.“ Grundsätzlich kann es auch Reder nur begrüßen, dass Unternehmen ihre Firmen­geschichte zunehmend als Wert erkennen. „Es hat sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die eigene Geschichte eine Ressource ist, die man erfolgreich für die Unternehmenskommunikation nutzen kann“, betont er. „Mit der Strategie, Vertrauen in ihre Produkte zu pflegen, ver­folgen Unternehmen allerdings längerfristige, struk­turelle Ziele.“ Die sich nicht nur an Kunden und Verbraucher richten, sondern auch nach innen, an die Mitarbeiter.

          Das Geschichtsbüro als Marketingagentur

          Als Dirk Reder und Severin Roeseling Ende der Neunziger in Köln das Geschichtsbüro gründeten, betraten sie mit diesem Thema Neuland. Zeitgleich entstanden damals etliche Büros, auch in Karlsruhe, Hamburg oder Berlin, um Firmen bei der Herausgabe von Festschriften und Unternehmens­geschichten oder bei der Organisation von Jubiläen und Ausstellungen professionell zu begleiten. Viele von ihnen haben sich in der Branche längst etabliert. Dirk Reder arbeitet heute mit zwei Partnern zusammen, das Geschichtsbüro beschäftigt zwanzig Mitarbeiter. Die meisten von ihnen sind promovierte Historiker und Historikerinnen, die auf Werkvertragsbasis arbeiten. Drei festangestellte Projektleiterinnen waren selbst freie Autorinnen und haben im Laufe der Zeit eine leitende Funktion übernommen. „Für viele ist das eine Durchgangsstation, um wertvolle zusätzliche E E Qualifikationen zu erwerben“, stellt Reder fest. „Bei uns lernen sie Empathie für Unternehmen, zeiteffizientes Arbeiten und flottes Schreiben - für Absolventen ist das ein wichtiger Schritt.“

          Der Sprung in die freie Wirtschaft kostet viele His­toriker Überwindung. „Wir haben Schwierigkeiten, Praktikanten zu finden, weil sie unternehmerische und historische Interessen häufig als gegensätzlich empfinden“, sagt Barbara Hölschen. Vorbehalte, die die pro­movierte Kulturwissenschaftlerin nur bedingt nachvollziehen kann. Seit drei Jahren betreut sie für den Sportartikelhersteller Adidas die Archive und baut ein Museum auf, das unter anderem die größte Sportschuhsammlung der Welt beherbergt. „Selbstverständlich arbeiten wir nutzenbringend“, betont die Managerin. „Aber wir betreiben hier doch keine Geschichtsklitterung, sondern kommunizieren die Geschichte des Unternehmens auf professionellem Niveau.“ Bereits in ihrer Doktorarbeit hatte sich Barbara Hölschen mit der Frage beschäftigt, warum sich Unternehmen Museen eigentlich leisten. „Meist sind diese Museen aus der Historie gewachsen“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Mitarbeiter mit ausgeprägtem Traditionsbewusstsein fangen irgendwann an zu sammeln.“ So war es auch bei Adidas. Inzwischen ist ein sechsköpfiges Team damit beschäftigt, Bälle, Schuhe, Textilien oder Filmdokumente zu sichten und zu bewahren, zu dokumentieren und auszustellen. „Wir haben es mit einer lebendigen Sammlung zu tun, die tagtäglich fortgeführt wird“, so Hölschen. Alle Experten kommen aus den Geschichtswissenschaften. „Wir sehen uns als Servicekompetenzstelle für das Unternehmen und seine Mitarbeiter“, sagt die History Managerin. „Ob es Designer sind, die Inspiration über historische Produkte suchen, oder Kollegen aus dem Marketing, die die Geschichte der Olympischen Spiele erfassen wollen, da sind die Anfragen sehr unterschiedlich.“

          Arbeitsmarkt für Historiker entwickelt sich positiv

          Wer sich für die Geschichtswissenschaften entscheidet, denkt häufig an eine Zukunft im Museum, als Geschichts­lehrer oder in der Wissenschaft. Auch Archive, Stiftungen, Bibliotheken oder Ministerien gehören zu den angestammten Tätigkeitsfeldern. Die Sparmaßnahmen öffentlicher Haushalte wirken sich jedoch auf die Zahl der Stellen in diesen klassischen Berufen besonders negativ aus. Dennoch hat sich der Arbeitsmarkt für Historiker in den letzten Jahren positiv entwickelt. „Unternehmen schätzen zunehmend die Fähigkeiten, die Historiker mitbringen“, sagt Nora Helmli, Geschäftsführerin des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. „Geschichtswissenschaftler setzen Probleme immer in größere Zusammenhänge, sie denken in Abfolgen.“ Im Wissensmanagement sind die Rechercheprofis ebenso gefragt wie in der Öffentlichkeitsarbeit oder im Suchmaschinenmarketing. „Unternehmen wie Google stellen gerne Historiker ein“, so Helmli. Sie rät dringend dazu, umtriebig zu sein und sich schon während des Studiums einen - auch fachlich - attraktiven Job zu suchen, um die Welt außerhalb des Studiums kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Die junge Geschäftsführerin ist selbst das beste Beispiel. Vier Jahre lang hatte die Wissenschaftliche Mit­arbeiterin als Assistentin der Schriftführung des Historikerverbandes gearbeitet. Vor knapp zwei Jahren hat sie die Geschäftsführung übernommen und arbeitet nun berufsbegleitend an ihrer Doktorarbeit. „Ohne meine Vorerfahrung wäre der Start schwieriger gewesen, so konnte ich einfach anfangen“, sagt Nora Helmli und lächelt.

          History Marketing in Unternehmen

          Auch Lars Atorf schätzt es sehr, wenn Bewerber neben Fachkenntnissen schon Organisationstalent bewiesen haben und praktische Erfahrungen aus der Öffentlichkeitsarbeit mitbringen. „Wer PR für einen Verein gemacht hat oder ein Praktikum bei einer Agentur, zeigt auf jeden Fall Engagement“, sagt der Leiter der Unternehmenskommunikation des Elektrogeräte­herstellers Braun. Im Konzern Procter & Gamble ist der promovierte Historiker verantwortlich für die Marken-Kommunikation des traditionsreichen Unternehmens. Das Aufgabenspektrum ist breit, es reicht vom Intranet für die Mitarbeiter über Pressearbeit bis hin zu Charity-Aktionen mit lokalen Organisationen. „Wir erarbeiten globale PR-Kampagnen mit Agenturen, liefern Pressemitteilungen, entwickeln Strategien, wie man beispielsweise Facebook nutzt, oder greifen Jubiläen auf und lassen dazu Ausstellungen erarbeiten“, erklärt Atorf. Aufgabe des vierköpfigen Teams ist es, nach innen und außen eine hohe Identifikation mit der Marke zu schaffen. „Als Teil eines internationalen Konzerns hinter­fragen wir, welche Werte dahinterstecken und auch global eine Rolle spielen.“ Mit Kollegen in Japan oder Amerika hat er dabei ebenso zu tun wie mit Kommunalpolitikern oder Journalisten. „Geschichtswissenschaftler lernen mit Sprache in unterschiedlichen Zusammenhängen umzugehen“, stellt Atorf fest. Und sie ent­wickeln einen Blick für größere Zusammenhänge. „Als Historiker kann ich auch mal Distanz zum schnellen Hier und Jetzt einnehmen und sehe nicht nur die nächsten Quartalszahlen.“

          History Marketing in Stiftungen

          Als Teil der historisch-politischen Bildung ist auch das Stiftungswesen ein interessanter Arbeitgeber für Historiker. „Geschichtswissenschaftler arbeiten bei uns in den verschiedensten Stiftungsbereichen“, stellt Sven Tetzlaff von der Hamburger Körber-Stiftung fest. Im Team mit vier Mitarbeitern koordiniert der Leiter des Bereichs Bildung den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, der alle zwei Jahre ausgeschrieben wird. Auch dieser Tage stapeln sich wieder die Einsendungen von rund 3000 Jugendlichen in dem Hamburger Büro, bevor sie in die Bundesländer zu den Juroren weitergeleitet werden. Die Wettbewerbsthemen werden im Austausch mit den direkten Netzwerken entwickelt, diskutiert und beschlossen. „Das sind spannende Debatten“, stellt Tetzlaff fest. Ausgeprägte Analyse­fähigkeiten, Kompetenz in der Recherche und ein gutes Ausdrucksvermögen sind wichtige Voraussetzungen für die Arbeit in einem solchen Projekt. „Wir brauchen Menschen, die permanent neue Ideen entwickeln, Veränderungen anstoßen und in der Lage sind, Dinge neu zu sehen und zu hinterfragen“, sagt der Historiker. „Das Engagement in der Stiftungswelt ist breit gefächert“, betont er und verweist auf den „Stiftungsboom“ der letzten Jahre. „Wenn man sich informiert, wie die verschiedenen Einrichtungen aufgestellt sind und mit welchen Themen sie sich beschäftigen, bieten sich sicher interessante Positionen für Einsteiger.“

          Neue Jobprofile - Historiker berichten

          Jens Christian Schneider, Projektreferent der Gerda Henkel Stiftung
          Nach der Magisterprüfung im Sommer 2008 war Jens Christian Schneider offen für verschiedene Wege. „Aber es sollte auf jeden Fall direkt mit dem Studium zu tun haben.“ Ein Praktikum bei der Gerda Henkel Stiftung in Düsseldorf überzeugte den Historiker auf der Stelle. Die Stiftung hat sich der Förderung der Historischen Geisteswissenschaften verschrieben und betreut mehr als tausend laufende Projekte. „Dieser Schwerpunkt kam mir sehr entgegen“, erklärt Schneider. „Ich habe mich immer eher an der Frühen Neuzeit als an tagesaktuellen Themen orientiert.“ Nach einem einjährigen Volontariat wurde er 2009 als Referent übernommen. Die Führung der Bibliothek gehört ebenso zu seinen Aufgaben wie die Organisation von Fachveranstaltungen und die Bearbeitung von Förderanträgen. Aktuell betreut der 28-Jährige ein internationales Stipendienprogramm („M4HUMAN“), das er von der ersten Planungsphase an begleitet hat. „Wen wollen wir erreichen, welche Experten sprechen wir an, wie stellen wir uns dar - es sind viele einzelne Schritte, bis so ein Programm anläuft“, sagt der Projektreferent. Mit den Partnern in Brüssel verhandelte er über Fragen der Finanzierung, im Austausch mit dem Stiftungsvorstand fielen strategische Entscheidungen, mit den IT-Kollegen tüftelte er an technischen Details. „Mein Fachwissen hilft mir bei dem Projekt sehr“, stellt der 28-Jährige fest. „Um zu entscheiden, an welchen Gutachter ich einen Antrag weiterleite, muss ich das Thema einordnen können. Aber geisteswissenschaftliche Themen lassen sich eben nicht so einfach in Schubladen stecken.“ Für die Forschungsanträge, die jetzt aus aller Welt eintreffen, kann er sich regelrecht begeistern. „Es ist unglaublich spannend, was sich kreative Köpfe alles einfallen lassen“, schwärmt der Referent. „Und wenn man selbst durch effektive Betreuung seinen Teil zum Gelingen dieser Ideen beitragen kann, ist das sehr befriedigend.“


          Monika Röther, Volontärin am Haus der Geschichte
          Eine Kamera im Bonner Haus der Geschichte ist viel mehr als ein technisches Gerät. Das Museum versteht sich auch als kulturelles Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland. „Wir sammeln nicht irgendetwas, sondern Objekte, die eine spannende Geschichte erzählen“, stellt Monika Röther fest. „Eine Kamera ist zum Beispiel dann interessant, wenn mit ihr ein besonders spannendes Ereignis gedreht worden ist.“ Seit Februar 2011 arbeitet die Historikerin als wissenschaftliche Volontärin in den Sammlungen der Stiftung. Zur Zeit sind vier Volontärinnen in dem Bonner Museum beschäftigt, in zwei Jahren durchlaufen sie alle Abteilungen: Sammlungen, Ausstellungen, Direktion und Öffentlichkeitsarbeit. „Wir werden direkt eingebunden und betreuen eigene Teilprojekte“, sagt die Dreißigjährige, die kurz vor der mündlichen Prüfung zur Promotion steht. Sie selbst beschäftigt sich gerade mit dem Nachlass eines Dokumentarfilmers, um festzustellen, ob er von zeitgeschichtlichem Interesse ist. „Ich recherchiere die Geschichten der Objekte und spreche mit Experten aus der Branche - das ist ein bisschen wie Detektivarbeit.“ Gemeinsam mit den sammlungsbetreuenden Wissenschaftlern wird überlegt, was in die Sammlung aufgenommen wird und was nicht. „In diesen Diskussionen lerne ich unglaublich viel darüber, nach welchen Kriterien solche Entscheidungen getroffen werden.“ In einem zeitgeschichtlichen Museum wird besonders die Gegenwart mit offenen Augen betrachtet. „Wir reflektieren schon jetzt, was wir von dem sammeln können, was aktuell passiert“, erklärt Monika Röther. „Man braucht einen Blick für Schlagzeilen und ein Gespür dafür, was große Ereignisse sind.“ Begeisterungsfähigkeit und die Fähigkeit, Geschichte verständlich zu erzählen, sind ihrer Meinung nach besonders wichtig für die Museumsarbeit. „Sich zu überlegen wen ich anspreche und wie ich etwas präsentiere, das erfordert Lust auf viele verschiedene Themen und Bereiche.“

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