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Serie: Mein erster Tag : Interview: Tipps für den ersten Arbeitstag

  • -Aktualisiert am

Neue Kollegen, neues Umfeld: Für das richtige Verhalten am ersten Arbeitstag helfen Tipps vom Experten. Bild: LDProd/iStock/Getty Images

Wie gelingt der erste Tag im neuen Job? Der Karriereexperte Jürgen Hesse verrät, wie Berufseinsteiger Fehler vermeiden.

          Herr Hesse, am ersten Arbeitstag hat man bereits die Unizeugnisse und den Arbeitsvertrag in der Tasche. Ist das Schwierigste jetzt vorbei?

          Von wegen. Man fängt als schwächstes Glied in der Hierarchie an. Jetzt geht es erst richtig los.

          Welche Fehler sind typisch?

          Die Klassiker sind: zu spät oder viel zu früh zu kommen, under- oder overdressed zu sein oder sich krankmelden zu müssen.

          Und wenn man Fieber bekommt? Sollte man sich zur Arbeit schleppen oder im Bett bleiben?

          Mit Fieber und dicken Augen bloß nicht den Helden spielen, vor allem, wenn man niest und infektiös ist. Aber es ist ein schlechter Start. Deshalb ist die Kommunikation nach der Krise wichtig: Man muss sich erklären und um Verständnis bitten.

          Welche Fettnäpfchen lauern noch?

          Manche Einsteiger sind durch das Auswahlverfahren narzisstisch angetörnt. Sie glauben, dass die anderen Kollegen sich über den Neuling freuen. Tatsächlich reagieren diese aber oft wie Geschwisterkinder, die sich von einem neuen Baby bedroht fühlen und sich um die eigene Position sorgen.

          Wie geht man richtig auf die Kollegen zu?

          Freundlich und offen, keinesfalls angeberisch. Man darf auch nicht in die hilflose Kleinkindrolle verfallen. Nach dem Motto: Bitte, bitte nehmt mich an die Hand und beschützt mich.

          Manche Einsteiger kommen an ihren Arbeitsplatz – und nichts ist vorbereitet.

          Das passiert leider ziemlich oft. Da sollte man die Contenance bewahren. Wenn es viel Leerlauf gibt, kann man seine Unterstützung anbieten. Wichtig ist es, weder den Betrieb zu stören noch die anderen zu nerven.

          Und wenn es gleich am ersten Tag brennt, und man sich überfordert fühlt?

          Das kommt eher ab dem dritten Tag vor. Man darf weder jammern noch neunmalklug auftreten. Es ist eine schwierige Balance: In den ersten Monaten befindet man sich auf glattem Parkett. Die Schwierigkeit des Einstiegs wird oft unterschätzt.

          Wie war denn Ihr erster Tag?

          Oh, daran kann ich mich noch gut erinnern. Es gab zwei Lager unter den Kollegen: Die einen wollten unbedingt mich haben, die anderen jemand anderen. Ich war der Sieger – und gleichzeitig der Verlierer. Das war nicht so lustig und dauerte eine ganze Weile, nicht nur den ersten Tag.

          Wie verhält man sich in so einem Fall richtig?

          Das ist eine sehr spezielle Situation. Suchen Sie früh das Gespräch mit Leuten, die Ihnen zugeneigt sind. Es gilt, die Befindlichkeiten und ungeschriebenen Gesetze schnell zu begreifen.

          Gibt es Tabuthemen?

          Sehr viele: Zu private Themen sind heikel. Und fragen Sie bloß nicht den Kollegen, ob er im Unternehmen zufrieden ist oder was er verdient.

          Und wenn der Kollege einen selbst nach dem Gehalt fragt?

          Dann schluckt man, schweigt und wartet. Oder man spiegelt die Frage: Gibt es hier Einheitsgehälter? Dadurch zieht man eine Grenze, ohne den Kollegen zurechtweisen zu müssen.

          Manchmal heißt es: Wir duzen uns hier alle. Darf man darauf vertrauen?

          Das ist eine hässliche Falle. Ich wäre sehr vorsichtig damit, Chefs und Mitarbeiter anderer Abteilungen einfach zu duzen.

          Angenommen, der Chef stellt einen nur in der großen Runde vor. Sollte man danach noch mal zu den einzelnen Kollegen gehen?

          Man kann natürlich nicht am ersten Tag bei 30 Leuten anklopfen. Aber man sollte sich seinen unmittelbaren Kollegen vorstellen. Das gilt noch stärker für Vorgesetzte: Wenn etwa der Teamchef bei der Vorstellungsrunde gefehlt hat, muss man aktiv auf ihn zugehen, sobald er wieder im Haus ist.

          Gerade am Anfang fällt es schwer, die ganzen Namen und Gesichter auseinanderzuhalten.

          Es gilt, gut aufzupassen und im Zweifelsfall nachzufragen. Sonst weiß man ja nicht, ob einem im Flur ein Kollege, ein Kunde, ein hohes Tier oder ein Einbrecher begegnet. Das wird schnell peinlich. Ein Notizbuch, in dem man sich alles notiert, ist hilfreich.

          Was macht man, wenn man am ersten Tag mit den Kollegen essen geht – und diese die Mittagspause überziehen?

          Das kann schon eine kleine Probe sein. Notfalls verabschiedet man sich und sagt, dass die Arbeit wartet.

          Und wann ist es Zeit für den Einstand?

          Das fragt man am besten die Kollegen. Wer gleich am ersten Tag mit einem selbstgebackenen Käsekuchen ankommt, begeht einen Fauxpas.

          Angenommen, die Kollegen leisten Überstunden, man selbst hat aber nichts mehr zu tun. Wie verhält man sich richtig?

          Bloß nicht als Erster gehen oder sich unabgemeldet abseilen. Wenn man schon eine halbe Stunde über der Zeit liegt, fragt man am besten, ob es noch etwas zu tun gibt. Es ist insbesondere in den ersten Tagen wichtig, mit den anderen ins Gespräch zu kommen.

          Jürgen Hesse ist Diplom-Psychologe und Bestsellerautor. Gemeinsam mit Hans Christian Schrader leitet er das Karriereberatungsbüro Hesse/Schrader in Berlin.

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