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„Reinschnuppern bringt gar nichts“ : Den richtigen Beruf finden

  • -Aktualisiert am

Bild: Dagmar Stratenschulte

Was will ich? Was kann ich? Welcher Job passt dazu? Wie man Antworten auf diese Fragen erhält, erzählt die Berliner Berufsberaterin Uta Glaubitz im Interview.

          Frau Glaubitz, Sie versprechen jedem Ihrer Kunden, dass er am Ende eines einzigen Gesprächs mit Ihnen weiß, welcher Job wirklich zu ihm passt. Was ist Ihr Geheimnis?

          Ich habe kein Geheimnis und wende auch keine Psychotricks an. In meiner Beratung findet ein Gespräch zwischen zwei erwachsenen Personen statt, von denen die eine viel Erfahrung mit Berufsfindung hat. Nämlich ich. Während des Gesprächs speichere ich alles ab, was auf Talente, Leidenschaften, Wünsche und Stärken meines Gegenübers hinweist. In einem zweiten Schritt gilt es, den dazu passenden Beruf zu finden. Der Deal zwischen meinen Kunden und mir ist: Wir beenden das Gespräch erst, wenn ein konkretes Berufsziel identifiziert wurde. Die Entscheidung auf folgende Sitzungen zu verschieben wäre kontraproduktiv. Denn genau hier liegt ja oftmals das Problem. Bei vielen Menschen rührt die berufliche Unzufriedenheit daher, dass sie sich nie wirklich entschieden haben.

          Wie kommen Sie den Leidenschaften und Stärken Ihrer Kunden denn auf die Spur? 

          Zunächst erkunde ich, aus welchem Milieu mein Kunde stammt. Welchen familiären Background hat er? Kommt er vielleicht aus einer Arbeiterfamilie mit starken Aufstiegsambitionen? Oder ist er in einer Akademikerfamilie aufgewachsen, in der es zur Tradition gehört, Jura zu studieren? Ich versuche ein Gefühl dafür zu entwickeln, was den Berufsweg meines Gegenübers beeinflusst haben könnte. Ich frage, wie es zur Wahl des Studienfachs gekommen ist. Ob ihm das Studium leichtgefallen ist. Wie er in seinen Beruf geraten ist.

          Dann komme ich zu dem, was ihm im Leben wichtig ist. Ich frage, ob er sich an Berufswünsche in der Kindheit erinnert, was ihn heute motiviert, wohin es ihn von selbst treibt, was er macht, wenn er unverhofft einen Tag frei hat.

          Im Laufe des Gesprächs kristallisiert sich immer mehr heraus – beispielsweise, dass der Kunde BWL studiert hat, aber nie freiwillig den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung lesen würde; dass er immer dann aufdreht, wenn er am Wochenende segelt. Das heißt dann nicht gleich, dass er Segellehrer werden soll. Aber es kann bedeuten, dass er gerne in der Natur oder in Bewegung ist. Es ist ein Hinweisschild, das ich erst mal festhalte. Ich sammle immer mehr davon und nähere mich so dem Ziel. Und zwar gemeinsam mit dem Kunden, die im Laufe des Gesprächs zunehmend offen und authentisch werden. Da sagt dann ein Jurist plötzlich: „Wissen Sie was? Ich finde es selbst total merkwürdig, aber ich könnte mir den ganzen Tag den Wetterbericht ansehen.“

          Solche Leidenschaften sind ja noch kein konkretes Berufsziel. Wie findet man das?

          Indem man seine Leidenschaften und Talente zusammenfügt und dann recherchiert, welches Berufsbild dazu passt. Ich nenne mal ein Beispiel: Sebastian studiert Sozialpädagogik mit der vagen Idee, später irgendetwas mit Behinderten zu machen. Im Gespräch kommt heraus, dass er nirgends so motiviert ist wie bei Auftritten seiner Rockband. Daraus entwickeln wir die Idee, dass er Musiktherapeut werden und Musikprojekte für Behinderte und Nichtbehinderte aufziehen könnte. Der positive Effekt einer solchen Zielbestimmung ist, dass man danach viel zielstrebiger auf den künftigen Beruf hinarbeiten kann.

          Nämlich wie?

          Bleiben wir bei Sebastian. Er könnte zusätzlich zu seinem Studium Kurse an einer Schule für Musiktherapie besuchen oder ein Projekt mit einer integrativen Schule machen, etwa eine kleine Konzertreihe mit seiner Band und körperlich behinderten Menschen auf die Beine stellen. Seine Erfahrungen könnte er dann wieder ins Studium einbringen und seine Abschlussarbeit über neue Anwendungsgebiete der Musiktherapie schreiben. So bekommt seine Ausbildung eine Richtung.

          Das ist etwas ganz anderes, als orientierungslos irgendwo reinzuschnuppern. Bei dem Wort, das ich leider oft zu hören bekomme, kriege ich immer schon eine Allergie. Reinschnuppern bringt gar nichts. Was will ich? Diese Frage muss vor allem anderen stehen. Das Problem vieler Leute ist, dass sie sich nicht für etwas entscheiden. Darum wollen sie hier und da ein bisschen reinschnuppern, anstatt sich festzulegen.

          Quelle: Hochschulanzeiger Nr. 116, 2011, Seite 10

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