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Mein Start-up, Folge 2 : Start-ups in Tel Aviv: Warum das SiliconValley Israels boomt

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Auch wenn Tel Aviv wie zuletzt in den vergangenen Wochen nach langer Ruhe wieder einmal zum Ziel von Raketenangriffen aus dem Gazastreifen geworden ist, wissen Tomer Dvir (25, links), Asaf Hachmaon (25, rechts), Adi Gold (25, 2. v. r.) und Emma Goodman (21, 2. v. l.), dass es nichts nützt, sich den ganzen Tag über in Bunkern und Schutzräumen zu verkriechen. Das Leben muss weitergehen. Also machen sie sich nach einem langen Tag im Büro auf zum Strand. Auch dort lässt sich schließlich besprechen, was für ihr Start-up „Famuza“ als Nächstes zu entscheiden ist. Bild: Felix Rettberg

Tel Aviv ist Partystadt und Silicon Valley Israels. Allein 700 ­Mini-Firmen arbeiten im Stadtzentrum – mit Blick auf die Wellen des Mittelmeers. Wem verdankt die Gründerszene in Flipflops ihren Mut und ihre Kreativität? Der Armee, sagen viele der Gründer. Wie bitte?

          Die Augen jucken. Noch immer. Zu lange hatte er gestern die Kontaktlinsen drin, von sechs Uhr morgens bis spät in die Nacht. Ein Arbeitstag wie viele, seit Monaten. Jetzt jagt sein Zeigefinger über das Trackpad des Laptops. Schnell geht Asaf Hachmon, 25, noch einmal die Präsentation durch, um zu sehen, was er weglassen kann. Nebenan, keine drei Meter weiter hinter der Tür im Konferenzraum, hier oben im siebten Stock des Shalom Towers, ist Geld zu Gast. Eine Gruppe chinesischer Investoren lässt sich ein Start-up nach dem anderen vorstellen. Pitch für Pitch für Pitch. Im strikten Zehn-Minuten-Takt.

          Für Asaf kein Anlass mehr, nervös zu werden. Die Schlüsselreize für Investoren kennt er längst: selbstbewusstes Auftreten, klares, originelles Konzept und damit am besten jetzt schon Geld verdienen. Alles kann er bieten. „Und wenn sich heute nichts ergibt“, sagt er, „dann war das eben Training. Fürs nächste Mal.“

          In ernste Zweifel stürzen kann ihn und seinen Partner Tomer Dvir, 25, derzeit offenbar kaum etwas. Die Freunde glauben fest an ihre Vision, an „Famuza“, ihr erstes Start-up überhaupt. Mit dem wollen sie nichts weniger als jungen Designern das Leben endlich leichter machen. Weltweit. Aus Tel Aviv heraus, der Stadt, die sie lieben.

          „In Tel Aviv spürst du eine Freiheit und Energie, die dich einfach trägt und antreibt, dein eigenes Glück zu versuchen. Und wenn’s beim ersten Mal nicht klappt, dann eben beim nächsten Anlauf. Scheitern ist kein Makel. Jeder weiß ja, wie unkalkulierbar das Leben sein kann. Der Raketenbeschuss in den vergangenen Tagen ist natürlich eine Extremsituation. Aber wie bei geschäftlichen Rückschlägen und Unsicherheiten gilt auch hier: Nicht verzagen, weitermachen.“

          Nicht nur der Besuch der chinesischen Investoren an diesem Tag zeigt, dass die Start-up-Szene dieser Stadt tatsächlich mit einem verlässlich rechnen kann: Neugier. Ob Ideenjäger globaler Konzerne wie Google oder Microsoft oder Manager von Fonds mit Hunderten von Millionen an Risikokapital – sie verfolgen nicht nur aus der Ferne, sondern teils sogar schon seit Jahren mit eigenen Niederlassungen vor Ort genau, woran hier gerade geglaubt und getüftelt wird. Nach Silicon Valley in Kalifornien gilt Tel Aviv als die Metropole mit der größten, quirligsten und kreativsten Start-up-Szene überhaupt. Rund 700 junge Start-ups, diejenigen, die noch ganz am Anfang stehen, zählt die Stadt derzeit allein im Zentrum rund um den Rothschild-Boulevard.

          Mit „Famuza“ sitzen Asaf, Tomer und ihr Team derzeit ebenso mittendrin, in der „Library“, einem von der Stadtverwaltung neben der öffentlichen Bibliothek eingerichteten Großraumbüro im Shalom Tower, dem einst ersten Hochhaus der Stadt. Lange Tische reihen sich hier hintereinander, voll mit PCs, Laptops, Kaffeetassen. An jedem sitzen Teams, programmieren konzentriert ihre Websites, beraten mal leise, mal leidenschaftlich über das, was noch reibungsloser laufen oder besser aussehen muss. Wer ab und zu doch mal den Blick vom Bildschirm löst und aus dem Fenster schaut, sieht das Meer in der Sonne glitzern. Beruhigend. Wenn sich der kleine oder große Durchbruch an diesem Tag immer noch nicht einstellt, kann man später immerhin noch die Füße in den Sand stecken, um den Kopf wieder freizukriegen. Auch das hat Tel Aviv den Kaliforniern voraus. Und die 300 Sonnentage im Jahr.

          „Dass auch wir ausgewählt wurden und hier einen Platz bekommen haben, ist schon ein Startvorteil“, sagt Tomer. „Tel Aviv ist teuer, natürlich auch die Büros. Dauernd alle zusammen im engen WG-Zimmer, da wirst du ja früher oder später verrückt. Und hier können wir uns nicht nur mit anderen austauschen, über Probleme, die wir vielleicht alle erleben, zum Beispiel mit Businessplänen. Hier kommen auch regelmäßig Investoren vorbei, weil sie wissen, dass sie alle sechs Monate gleich zehn neue Start-ups treffen können.“

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