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Karriere als Ingenieur : Unterwegs mit Dämonen – Der Achterbahningenieur

Flug mit Dämonen: Achterbahningenieure brauchen Flexibilität und Nervenstärke - ähnlich wie die Achterbahnpassagiere. Bild: Heide Park Soltau

Bastian Lampe ist Achterbahningenieur. Sein aktuellstes Projekt im Heide Park in Soltau ist eine Achterbahn, der „Flug der Dämonen“. Der Job verlangt vor allem Flexibilität, Kreativität – und eine gewisse Nervenstärke.

          Die erste Fahrt war keine Überraschung. Bastian Lampe saß ganz vorne, in der ersten Reihe. Natürlich, der „Flug der Dämonen“ war ja auch irgendwie sein Baby. Als die Fahrt losging, war er nervös, keine Frage. Aber nicht aus Angst. Eher aus Freude. Auf der 772 Meter langen Strecke stand Lampe acht Mal kopfüber, fuhr bis zu 100 Stundenkilometer schnell, wurde in 40 Meter Höhe geschossen und mit dem Vierfachen seines Körpergewichts in den Sitz gedrückt.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Jungfernfahrt ist für einen Achterbahn­ingenieur wie Bastian Lampe ein besonderer Moment. Aus Zeichnungen und Berechnungen werden plötzlich reale Bewegungen und Manöver, aus einem Modell wird ein mit Menschen besetztes, riesiges Stahlkonstrukt. Doch der 30-jährige Bastian Lampe wusste genau, was passieren würde. Jede Drehung, jede Neigung, jede Talfahrt kannte er bis ins Detail – ohne sie je mit dem eigenen Körper gespürt zu haben. „Es war ein tolles Gefühl!“

          Heide Park Soltau, ein sonniger Tag kurz vor den Sommerferien. Düstere Dämonen-Klänge dröhnen in Endlosschleife aus den Boxen, die über dem Eingang zum „Flug der Dämonen“ hängen. Die 15 Millionen Euro teure Achterbahn, 2014 eröffnet, ist die Attraktion in dem 850.000 Quadratmeter großen Freizeitpark in der niedersächsischen Provinz. „Nur zehn Minuten Wartezeit“, ruft ein Schüler, der mit seiner Klasse zum Schulausflug hier ist, und rennt zum Eingang, über dem in einem Display die Wartezeit angezeigt wird – an Ferientagen oder am Wochenende kann sich diese auch mal auf über eine Stunde summieren. Das Fahrgeschäft ist vom Typ her ein „WingCoaster“, weil die Sitze der Fahrgäste wie Flügel an der Schiene hängen und der Gast dadurch, ohne Boden unter den Füßen, ein sehr freies, schwebendes Gefühl hat. „Es ist der einzige WingCoaster in Deutschland“, sagt Lampe, weltweit gebe es nur acht Stück. Und optisch, sagt er, passe er wunderbar zur Themenwelt „Transsilvanien“, in der er sich im Heide Park auf einer Fläche von 13.000 Quadratmetern befindet.

          So wird man Achterbahningenieur

          Schon als Kind wusste Bastian Lampe, dass er Achterbahningenieur werden wollte. Mit acht Jahren half er den Schaustellern auf dem großen Schützenfest in Goslar beim Aufbau der „Wilden Maus“, einer Achterbahn. „Ich wollte mit meinen Eltern ständig in Freizeitparks fahren“, erinnert er sich. Bloß: Während alle anderen Fahrgäste in den Achterbahnen die Arme hochrissen oder sich schreiend an die Griffe der Sitze klammerten, hatte Lampe nur eines im Sinn: Wie funktioniert diese Bahn? Schon in der Jugend begann er, eigene Modelle von Fahrgeschäften zu bauen – ein Hobby, das er bis heute verfolgt. Es steht exemplarisch dafür, dass hier jemand seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Für seine Bachelorarbeit in der Fachoberschule Technik in Wolfenbüttel baute Lampe im Maßstab 1:10 eine Wasserbahn, die einen ganz speziellen, einmaligen Effekt aufweist. „Das ist aber ein Geheimnis, denn das Konzept liegt noch in meiner Schublade.“

          Herr der Loopings: Achterbahningenieur Bastian Lampe
          Herr der Loopings: Achterbahningenieur Bastian Lampe : Bild: Privat

          Seit 2011 arbeitet er nun als Ingenieur im Heide Park. Insgesamt gebe es in Deutschland etwa 100 Achterbahningenieure. „Das ist sehr familiär, man tauscht sich aus“, sagt Lampe. Sie arbeiten wie er in Freizeitparks, beim TÜV oder aber bei einem der großen Achterbahnhersteller wie dem Schweizer Unternehmen B&M, das auch den WingCoaster produziert hat. Und das ist ein langer Weg: Nachdem im Heide Park der Wunsch gereift war, eine neue Achterbahn zu installieren, weil auf dem Gelände jedes Jahr eine neue Attraktion errichtet wird, diskutierten die Verantwortlichen in Soltau, welche Zielgruppe angesprochen werde solle. Dann, als die Entscheidung für eine Achterbahn gefallen war, welche Art gebaut werden solle. „Weltweit gibt es etwa 50 verschiedene Typen“, so Lampe. Schließlich ging es an die Details: Wie viel Platz steht zur Verfügung? Wie viele Plätze soll das Geschäft haben? Welche Attraktionen werden eingebaut? Wie sieht das Design der Anlage aus? All diese Fragen mussten geklärt werden, und überall sprach Lampe ein gewichtiges Wörtchen mit. „95 Prozent der Ingenieure machen Spezialistenjobs“, glaubt der junge Achterbahningenieur, „ich hingegen bin sehr generalistisch aufgestellt.“ Und genau diese Vielfalt gefällt ihm an seinem Job.

          Mittlerweile ist Lampe beim „Flug der Dämonen“ für die Wartung zuständig. „Hier ist alles doppelt und dreifach abgesichert, das System ist lückenlos“, sagt er. Immer wieder komme der TÜV zur Kontrolle vorbei, und vor der Jungfernfahrt habe der WingCoaster über 2.000 Runden ohne Passagiere an Bord gedreht.

          Action pur: Bei einem Wing-Coaster haben die Passagiere ein besonderes Gefühl der Freiheit.
          Action pur: Bei einem Wing-Coaster haben die Passagiere ein besonderes Gefühl der Freiheit. : Bild: Heide Park Soltau

          Jetzt zieht der „Flug der Dämonen“ jedes Jahr Tausende von Besuchern in den 1978 eröffneten Park. Wer einsteigt, freut sich auf den Nervenkitzel: Wenn Hindernisse in letzter Sekunde verfehlt werden, Wagen unter Brücken und Schienen hindurchtauchen, im Erdboden verschwinden und plötzlich wieder in die Höhe schnellen. Bastian Lampe erlebt das jeden Tag mit – sein Büro ist direkt gegenüber. Sicher, die Verdienstmöglichkeiten oder Karrierechancen sind in anderen technischen Branchen vermutlich höher. Doch Lampe liebt die Flexibilität und Kreativität, die ihm tagtäglich abverlangt werden. Denn jede Bahn ist individuell. Konzepte von der Stange gibt es in diesem Beruf nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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