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Der Naturwissenschaftler-Check : Drei Praktiker erklären, in welchen Bereichen Chemiker besonders gesucht werden

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Offenheit, Begeisterungsfähigkeit und gute Englischkenntnisse bringen Chemiker voran.

          In der Industrie müssen Chemiker offen für angrenzende Themen sein, wirtschaftliches Verständnis mitbringen und gut im Team arbeiten.

          Wer in der chemisch-pharmazeutischen Industrie arbeitet, hat gute Aussichten, an den großen Innovationen der Gegenwart mitzuwirken. So erfordern beispielsweise der weltweit steigende Energiebedarf, aber auch die Energiewende in Deutschland neue Konzepte zur ressourcenschonenden und effizienten Erzeugung, Übertragung, Speicherung und Nutzung von Strom. Weitere Zukunftsfelder sind die Erweiterung unserer Rohstoffbasis, die Verbesserung der Ressourceneffizienz, die Materialforschung und die Digitalisierung.

          Mit Blick auf die Berufsfelder prägen drei Trends zurzeit unsere Branche: Erstens suchen Unternehmen verstärkt nach Talenten im Grenzbereich zwischen Chemie und weiteren Feldern, zum Beispiel Ingenieurwesen oder Physik. Gesucht werden aber auch Elektrochemiker oder Materialwissenschaftler. Zweitens ist die Branche international aufgestellt, viele Berufseinsteiger gehen nach kurzer Zeit für ihren Konzern ins Ausland und arbeiten beispielsweise für ein paar Jahre in China oder Lateinamerika. Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Sprachkenntnisse sind deshalb wichtige Soft Skills. Generell kommen Berufseinsteiger mit reinem Fachwissen nicht mehr weit, sondern sie sollten über den Tellerrand schauen: Unternehmen erwarten Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und einen Überblick über die aktuelle Wettbewerbssituation und Innovationen. Und drittens investieren große Unternehmen stark in ihre Digitalisierung, dafür müssen Berufseinsteiger offen sein.

          Gerd Romanowski, promovierter Chemiker und Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie e.V.


          Bewerber sollten neben ihrer Fachkompetenz auch Begeisterung für Bio-Lebensmittel mitbringen und ihr Wissen gut weitervermitteln können.

          Wir möchten junge Menschen in das Berufsleben begleiten, sie bei der fachlichen Qualifizierung und der persönlichen Entwicklung unterstützen. Berufseinsteigern bieten wir daher die Möglichkeit, durch Erfahrung sich selbst bilden zu können und immer besser selbstverantwortlich in unserer Arbeitsgemeinschaft für andere tätig zu sein. Es gibt vielfältige Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Mitarbeiter.

          Bewerber sollten sich für Bio-Lebensmittel begeistern. Schließlich engagieren wir uns bei Alnatura dafür, dass mehr Lebensmittel aus biologischem Anbau ihren Weg von den Bio-Höfen zu den Kunden finden. Das interdisziplinäre Team des Alnatura-Qualitätsmanagements, zu dem auch Lebensmittelchemiker gehören, kommuniziert mit Handelspartnern und Lieferanten und berät Kollegen anderer Fachabteilungen in Qualitätsfragen. Lebensmittelchemiker zum Beispiel müssen deshalb nicht nur sicher mit Laboranalysen umgehen und über Kenntnisse des Lebensmittelrechtes und der gängigen Qualitätsstandards verfügen, sondern sich auch schriftlich und mündlich versiert ausdrücken können.

          Das Wissen rund um Bio-Lebensmittel und ihre Herstellung und Verarbeitung ist selten Bestandteil des Studiums, deshalb betrachten wir es als typisches Lernfeld bei Berufseinsteigern und festen Bestandteil der Einarbeitungsphase. Für eine faire und respektvolle Zusammenarbeit fördern wir bewusst den Austausch der Mitarbeiter aus allen Bereichen und halten die Entscheidungswege so kurz wie möglich. 

          Studierenden empfehle ich Praktika und Nebenjobs in Wirtschaftsunternehmen. Sie helfen dabei, die Arbeitswelt kennenzulernen und herauszufinden, ob die jeweilige Branche zur eigenen Persönlichkeit passt. 

          Daniela Leichsenring, Referentin für Mitarbeitergewinnung, -ausbildung und -entwicklung bei Alnatura

          In meinem Arbeitskreis gibt es kein einziges wissenschaftliches Dokument auf Deutsch, denn für Chemiker ist Englisch Arbeitssprache.

          Ich forsche gemeinsam mit einigen Studenten, 20 Doktoranden und angestellten Wissenschaftlern an neuen makromolekularen Werkstoffen für viele Branchen, von der Automobilindustrie über die Elektronik bis hin zur Medizin. Wer in der Chemie erfolgreich sein will, muss sich auf mindestens acht Jahre Ausbildung einstellen, der Doktortitel gehört in unserer Branche dazu. Danach folgt meist eine Postdoc-Phase im Ausland, bei mir waren das zwei Jahre in Australien als Post-Doc und danach als Professor. In Australien übernehme ich 2017 wieder eine Professur.

          Mich erstaunt häufig, dass es überhaupt noch deutschsprachige Chemiestudiengänge gibt, denn sowohl in der Forschung als auch in Unternehmen arbeiten immer internationale Teams zusammen und deren Arbeitssprache ist nun mal Englisch. Auch um internationale Talente anzulocken, muss Deutschland sich dringend internationalisieren, nicht zuletzt, um als Forschungsstandort wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich finde außerdem das Humboldtsche Bildungsideal wichtig, wir sollten unseren Nachwuchs nicht nur auf einen Arbeitsmarkt hin ausbilden.

          Berufseinsteigern rate ich, auf transdisziplinäre Teamarbeit zu setzen. Die spannenden Projekte und großen Fragen finden heutzutage im Grenzbereich der Disziplinen statt. Das zeigt auch die aktuelle Forschungsförderung, zum Beispiel über Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche: Gefragt ist interdisziplinäre Forschung.

          Christopher Barner-Kowollik, Arbeitsgruppenleiter makromolekulare Chemie am Karlsruher Institut für Technologie 

          Quelle: F.A.Z

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