http://www.faz.net/-i7g-96dxi

Mathe-Check : Kommunikationsfähigkeit und Kreativität

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Drei Praktiker erklären, worauf es bei der Arbeit als Aktuar ankommt.

          Für Aktuare ist Kommunikationsfähigkeit ein Muss.

          Als Aktuar beschäftige ich mich mit den Risiken unserer Versicherungskunden aus der Hausrat- und Haftpflichtversicherung. Meine zentrale Aufgabe ist es, mit statistischen Methoden herauszufinden, wie hoch das Schadensrisiko für verschiedene Kundengruppen ist. Dafür betrachten wir Kunden anhand verschiedener Merkmale. Solche Merkmale sind in einer privaten Haftpflichtversicherung zum Beispiel der Familienstand, das Alter und der Wohnort. Bei einem verheirateten Paar mit Kindern ist das Risiko eines Schadens zum Beispiel höher als bei einer ledigen Person. Solche Erkenntnisse haben deshalb Einfluss auf die Beitragshöhe des jeweiligen Kunden. 
          Weil die Allianz eine sehr große Versicherung ist, ist meine Arbeit extrem abwechslungsreich. Das liegt vor allem an den vielen Nischenprodukten, die wir unseren Kunden anbieten. Die erste Versicherung, die ich betreut habe, war beispielsweise die Jagdhaftpflicht. Nur sehr wenige Versicherungen in Deutschland bieten solche Nischenprodukte an, weil sie sich an eine verhältnismäßig kleine Zielgruppe richten. Die enorme Bandbreite der Allianz ist für Aktuare ein Vorteil gegenüber kleineren Versicherern. Allerdings muss man hier eine sehr ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit besitzen. Als Aktuar arbeite ich bei der Allianz an einer Schnittstelle: Ich stehe in ständigem Kontakt zu unseren Produktentwicklern, Vertriebsleuten und manchmal auch Kunden. Wenn man für wichtige Zahlen verantwortlich ist, muss man sie auch gut erklären und im Zweifel rechtfertigen können.

          Reinke Sven Isermann ist seit zwei Jahren Aktuar bei der Versicherung Allianz im Bereich Hausrat und Haftpflicht. Der 32-Jährige hat Physik an der Universität Leipzig studiert.

          Kreativität spielt bei Aktuaren eine nicht zu unterschätzende Rolle.

          Als Aktuar bei der R+V entwickle ich Prognosemodelle für die Lebens-, Kranken- und Pensionsversicherungen. Auf Grundlage dieser Modelle kann die Unternehmensleitung Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld oder die Auswirkung unternehmerischer Entscheidungen besser einschätzen. Zum Beispiel Veränderungen am Kapitalmarkt: Wenn Zinsen sinken, stelle ich dar, was das für den Ertrag unserer Versicherungsgesellschaften bedeutet. Hierfür analysieren wir Daten und bilden die Zusammenhänge in unseren Modellen ab. Aktuare brauchen dafür nicht nur ausgeprägte Stochastik- und Statistikkenntnisse, sondern auch jede Menge Kreativität. Nur so können sie komplexe mathematische Rechnungen in anschauliche Prognosemodelle übersetzen. Der Job ist extrem fordernd, denn Zahlen müssen termingerecht abgeliefert werden. Dazu kommt, dass Aktuare mit wichtigen Zahlen jonglieren. Da darf man sich nicht verrechnen. Aktuare tragen viel Verantwortung. Genau das macht den Job für mich so attraktiv. Informatik wird immer wichtiger für Aktuare. Es gibt inzwischen Themenbereiche, bei denen die Programmierung die Hauptaufgabe ist, zum Beispiel bei der Arbeit an Großrechensystemen. Grundkenntnisse in mindestens einer Programmiersprache sind ein Muss. Außerdem sind erste Erfahrungen mit der Software „Prophet“ von Vorteil, mit der wir Modelle entwickeln. Wir lernen ständig dazu. Die R+V bietet regelmäßig Weiterbildungen an, zum Beispiel auch die Teilnahme an Seminaren der Deutschen Aktuarvereinigung.

          Peter Teichmann ist Aktuar für Personenversicherungen bei der Versicherung R+V in Wiesbaden. Der 36-Jährige hat Wirtschaftsmathe­matik an der Technischen Universität Chemnitz studiert und arbeitet seit sieben Jahren bei der R+V. 

          Aktuare in der Rückversicherung müssen weltoffen sein.

          Die Arbeit als Aktuarin bei einer Rückversicherung unterscheidet sich enorm von der Arbeit bei Erstversicherungen, weil ich im Gegensatz zu Aktuaren dort komplexere Risiken aller Art in einem viel größeren Umfang berechne. Munich Re versichert Erstversicherungen für den Fall, dass es zu ungewöhnlich großen oder unerwartet vielen Schäden kommt. Dazu zählen zum Beispiel Naturkatastrophen. Eine Kfz-Versicherung schließt beispielsweise eine Rückversicherung ab, damit sie im Falle eines Großschadens tatsächlich zahlen kann – etwa wenn ein Wirbelsturm Tausende Fahrzeuge beschädigt. Ich ermittle die Wahrscheinlichkeit des Eintritts und die Schwere möglicher zukünftiger Großschäden sowie deren voraussichtliche Kosten.
          Dieser Job ist bei Munich Re nicht nur offen für Mathematiker. Die meisten meiner Kollegen im Aktuariat haben zwar Mathematik studiert, allerdings gibt es bei uns auch Aktuare mit anderen fachlichen Hintergründen. Dazu zählen Physiker genauso wie Ingenieure. Auf jeden Fall müssen Aktuare in der Lage sein, strategisch zu denken.
          Munich Re ist im Gegensatz zu vielen Erstversicherungen ein international agierendes Unternehmen mit Kunden auf der ganzen Welt. Aktuare müssen daher Kunden weltweit komplexe Risiken erklären können. Ich stehe täglich in Kontakt mit internationalen Spezialisten und nehme an virtuellen Meetings mit Aktuaren zum Beispiel in Sydney oder London teil. Ich finde es toll, in der ganzen Welt beruflich vernetzt zu sein. Dafür ist es wichtig, dass Aktuare weltoffen sind und Fremdsprachenkenntnisse mitbringen.

          Odette Grotepass ist seit vier Jahren Aktuarin für die Unfallrückversicherung bei Munich Re. Vorher hat sie an der Universität Kapstadt Versicherungsmathematik studiert.

          Topmeldungen

          Irland-Frage offen : May: Brexit ist zu 95 Prozent geklärt

          Theresa May sucht die Flucht in die Offensive: Man habe fast alle Punkte für den Austritt aus der EU geklärt. Die wichtige Irland-Frage ist allerdings noch offen. In Mays Partei wächst die Unzufriedenheit.