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Consulting in lieb: Wie systemische Berater arbeiten. : Die Firma als Familie

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty Images

Unternehmen sind oftmals undurchschaubare Gebilde, in denen Konkurrenz herrscht und unsichtbare Regeln gelten. Nur wer diese kennt und offenlegt, kann eine Firma besser und effektiver machen. Genau das ist der Job von systemischen Beratern. Wir haben einen von ihnen getroffen.

          Bei Unternehmensberatern denke ich erst mal an Männer im Anzug, die bei einer Firma einfallen …
          … und an diesem Bild sind die klassischen Unternehmensberater ja auch selbst ein bisschen Schuld. Jahrelang hat man auf Expertenberatung gesetzt, nach dem Motto: Wir kommen und wissen alles besser.

          Sie sagen „die klassischen Unternehmensberater“, weil es verschiedene Beratungsschulen gibt. Welche sind das?
          Man unterscheidet grob zwischen drei Richtungen: Da sind die klassischen Beratungen, die ihr angesammeltes Wissen – vereinfacht formuliert – den Kunden überstülpen. Dazu gibt es eine Art Gegenbewegung, die sogenannten Prozessberatungen, bei denen man sich auf die Kommunikation unter den Mitarbeitern konzentriert.

          Und die dritte?
          Die dritte Herangehensweise – das ist die, die ich vertrete – ist die systemische Beratung. Natürlich haben sich die verschiedenen Schulen im Laufe der Zeit beeinflusst und teilweise Methoden der anderen übernommen. Aber vor allem das Beziehungs-Angebot, das man den Kunden macht, bleibt unterschiedlich.

          Was ist denn das Angebot der systemischen Berater?
          Wir gehen davon aus, dass Organisationen komplexe, undurchschaubare Gebilde sind. Wenn Menschen zusammen arbeiten, entstehen unsichtbare Regeln, verborgene Erwartungen und unausgesprochene Machtkonstellationen. Das ist ein eigenes System – und darin ist es nicht besonders relevant, was der Experte von außen für die richtige Lösung hält.

          Das ist Ihre Kritik an der klassischen Expertenberatung?
          Ja. Dazu kommt noch: Niemand kann in die Zukunft sehen. Viele Prognosen, mit denen bei Expertenberatungen gearbeitet wird, bleiben konstruierte Kalkulationen. Manche sind besser und andere schlechter begründet. Die Finanzkrise haben die meisten zum Beispiel auch nicht kommen sehen. Deshalb geben unterschiedliche Experten zu ein und demselben Thema ja auch verschiedene Ratschläge.

          Das klingt, als wollten Sie sagen „Ich bin zwar Berater, aber ich hab auch keine Ahnung“.
          (Lacht.) Wir sind Experten für das Nicht-Wissen. Wir kennen Unsicherheiten. Wo andere versuchen, Antworten zu geben, versuchen wir, die richtigen Fragen zu stellen. Denn es geht ja selten darum, dass jemand von außen einer Firma zeigen soll, wo es hingeht. Sondern darum, dass sich Führung und Mitarbeiter einig darüber sind, wohin sie wollen. Manchmal verlieren Unternehmen so etwas aus dem Blick. Oder die Umwelt ändert sich. Und da können wir helfen.

          Haben Sie dafür ein Beispiel?
          Nehmen wir mal einen typischen Auftrag, den Berater bekommen: Eine Firma soll sich verändern, und den Chefs geht das zu langsam. Klassische Berater wenden ihr Wissen an und erhöhen das Tempo. Wir versuchen zunächst herauszufinden, warum sich das Unternehmen denn überhaupt ändern soll. Nur, wenn die Mitarbeiter es notwendig finden, sich zu verändern, wird auch etwas passieren. Oft hilft es, ein Zukunftsbild zu entwickeln. Wenn alle eine gemeinsame Perspektive auf die Welt erarbeitet haben und diese teilen, dann sind auch alle der Meinung, dass sich das Unternehmen ändern muss. Aber diese Erkenntnis kann nicht von außen kommen, sie muss im System entstehen.

          Das klingt sehr therapeutisch – legt systemische Beratung die Firma auf die Couch?
          Im Gegenteil, es geht hier um harte Businessfragen. Zugegeben, es gibt einige Berater, die zum Beispiel aus der Familientherapie kommen und mit Konzepten arbeiten, die davon inspiriert sind. Aber eines muss klar sein: Wenn Berater nur mit einzelnen Personen eine Art „Arbeitstherapie“ machen, hat das mit meiner Vorstellung von systemischer Beratung nichts zu tun.

          Ist systemische Beratung eher für kleine Firmen geeignet?
          Wir haben Kunden in jeder Größenordnung und aus jeder Branche. Ich habe zum Beispiel gerade bei einem mit den Mitarbeitern eines Autozulieferers gearbeitet, dort waren bis zu 1.200 Leute in einer Halle.

          Wie sieht überhaupt Ihr Alltag aus? Ist das wie bei anderen Beratern, man fährt zum Kunden und arbeitet Wochen oder Monate bei derselben Firma?
          Eher nicht. Wir entwickeln gemeinsam mit den Unternehmen Ideen für neue Strukturen und einen Veränderungsprozess. Aber die konkrete Umsetzung und Feinanpassung übernimmt der Kunde. Schließlich muss er auch allein klarkommen, wenn unser Auftrag zu Ende ist. Deshalb sind wir oft ein paar Tage in einem Unternehmen, lassen sie dann allein arbeiten und kommen nach einiger Zeit wieder, um zu sehen, wohin sich das Projekt entwickelt hat. So ändert sich das Unternehmen, ohne sich auf die Anwesenheit der Berater zu verlassen.

          Was muss ein Student mitbringen, wenn er systemischer Berater werden will?
          Als Berater muss man unbequem sein können, sich oft gegen die Mehrheitsmeinung in einem Raum stemmen und sagen: Schön, daran haben wir die letzten Monate gearbeitet, aber ich glaube, das geht in die falsche Richtung. Der ideale Berater geht offensiv und lustvoll in dieses Spiel der Erwartungen.

          Gibt es denn einen klassischen Karriereweg?
          Eher nicht. Bei systemischen Beratungen gibt es kaum Stellen für Juniorberater. Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt bei 35 Jahren. Die meisten haben erste Führungserfahrungen in Unternehmen und kennen sich in BWL aus. Die machen erst mal neben dem Beruf eine systemische Weiterbildung.

          Dann kündigen sie und machen sich selbstständig?
          Das ist eher ein Prozess. Nach den Seminaren assistieren einige bei Projekten von erfahreneren Beratern. Irgendwann kommen dann eigene Aufträge, und manche entscheiden sich, Vollzeit-Berater zu werden. Viele bleiben aber auch in den Unternehmen, in denen sie schon zuvor gearbeitet haben, und bekommen als Berater oder Führungskraft hoffentlich mehr Verantwortung und mehr Einfluss auf das System, in dem sie arbeiten.

          Und was verdient man?
          Die Tagessätze für Selbstständige sind sehr unterschiedlich. Ich würde schätzen, es sind zwischen 800 und 3.500 Euro, je nach Auftrag und Fachkenntnissen des Beraters.

          Quelle: F.A.Z.

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