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Einstieg im Consulting : International unterwegs

  • -Aktualisiert am

Silvio Tannert vor der Golden Gate Bridge: Eine Autostunde von hier entfernt arbeitet der 32-Jährige im Silicon-Valley-Office von McKinsey in Palo Alto. Bild: privat

Die Beratungsindustrie boomt. Gerade Talente, die an einem Einsatz im Ausland interessiert sind, sind gern gesehen. Die Jobs sind abwechslungsreich, gut bezahlt und lassen Zeit fürs Privatleben.

          Jeans, T-Shirt, Sonnenbrille und ein Lächeln, als hätte er in der Lotterie gewonnen: Silvio Tannert posiert vor der mächtigen Golden Gate Bridge, die den Eingang zur Bucht von San Francisco überspannt. Aber es ist kein Sechser beim Tippen, der dem 32-jährigen gebürtigen Chemnitzer den Aufenthalt in der kalifornischen Stadt ermöglicht. Es ist sein Job bei McKinsey & Company. Gerade einmal eine Autostunde entfernt von dem imposanten Bauwerk, im Silicon-Valley-Office von McKinsey im IT-Mekka Palo Alto, steht Tannerts Schreibtisch. Den nutzt er allerdings nur am Freitag. Die ersten vier Werktage der Woche arbeitet er – wie in der Consultingbranche üblich – bei einem Klienten der Beratungsfirma. Aktuell ist das ein Versorgungsunternehmen mit Sitz in Denver im US-Bundesstaat Colorado. Mit dem Flieger geht es am Montagmorgen hin, am Donnerstagabend zurück.

          Das Unternehmen betreibt unter anderem Pipelines. Die Mitarbeiter, die diese Leitungen warten, nutzten bislang herkömmliche Straßen- und Landkarten. Manche dieser Karten sind veraltet. Die Folge: Die Mitarbeiter müssen nach den Leitungen suchen. Haben sie diese gefunden, läge es nahe, die Karten zu korrigieren. Doch dafür sind nicht sie, sondern Spezialisten einer anderen Abteilung zuständig. „Bürokratie“, so Tannert. Der Consultant soll das Unternehmen nun vom analogen ins digitale Zeitalter führen. Dabei geht es nicht nur um die Auswahl und Anwendung der passenden IT, die Modernisierung von Prozessen und um die Senkung der laufenden Kosten. „Es geht um einen Kulturwandel“, sagt Tannert. Ziel: Die Mitarbeiter laden eine App mit einer digitalen Karte auf ihr Smartphone und markieren auf dem Touchscreen, wo sich eine Leitung tatsächlich befindet.

          Fasziniert vom Silicon Valley

          Ein toller Job. Doch wie kommt man an eine solche Stelle? Tannerts Lebenslauf ist spannend: Er hat sein Informatikstudium an der TU Darmstadt als Jahrgangsbester abgeschlossen und dazu ein studienbegleitendes Praktikum bei McKinsey absolviert. Als er später seinen MBA in den USA machte, nutzte er die Gelegenheit und stellte sich im Silicon Valley Office von McKinsey persönlich vor. Den Chemnitzer faszinierten die zahlreichen IT-Unternehmen und Internetgiganten, die im Silicon Valley sitzen. Und er schätzte den persönlichen, freundschaftlichen Umgang mit jenen McKinsey-Kollegen, die bereits für diese Unternehmen gearbeitet hatten und über wertvolle Kontakte verfügten.

          Nicht nur McKinsey, alle Beratungsfirmen sind an international orientierten Talenten interessiert. Elena Recio-Gutierrez musste sich bei Bain & Company gar nicht erst bewerben. Die Deutsch-Spanierin mit US-amerikanischem Pass hatte dort bereits als Praktikantin gearbeitet und wurde nach ihrem MBA an der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology, einer der weltweit führenden Business-Schools, direkt von Bains Recruitern angeworben. Zurzeit arbeitet die 31-Jährige für das Bostoner Bain-Büro, den Hauptsitz des Unternehmens.

          Boston Consulting, kurz BCG, bietet Berufseinsteigern ein „Individual Career Program“, das mit intensiven, längeren Einsätzen im Ausland verbunden ist. Das Programm ist zwar optional, aber etwa 90 Prozent aller Young Professionals, die als Berater bei der Firma einsteigen, entscheiden sich für diesen Karrierepfad. So auch Jan-Philipp Martini, Associate im Düsseldorfer BCG-Büro. Martini kann seine Arbeit so flexibel gestalten, dass seine privaten Kontakte nicht leiden. „Ich habe viel Zeit für Familie und Freunde“, sagt der Berater. Das sei ihm sehr wichtig. Zurzeit arbeitet Martini an einem Organisationsprojekt in Madrid – zusammen mit Kollegen aus Spanien, Großbritannien und den Niederlanden. Demnächst stehe wegen dieses Projekts ein Termin in Nizza an. Zuvor hatte ihn BCG zu einem Technologieunternehmen nach Moskau entsandt, wo er in ein ähnliches Projekt eingebunden war. Dennoch kann er die meisten Wochenenden problemlos in Düsseldorf verbringen. „Ich kann natürlich auch immer vor Ort bleiben, wenn ich will“, sagt Martini.

          Internationalität auch in kleineren Consultingunternehmen

          Dass es neben den großen Namen der Consultingbranche auch bei kleineren Firmen attraktive Angebote für Talente gibt, die an einem Einstieg im Ausland interessiert sind, zeigt das Beispiel PA Consulting: Sydney Grenzebach, Managing Consultant und Experte für IT- und Internetsicherheit bei dem traditionsreichen englischen Beratungshaus, hatte sein Abitur in Deutschland gemacht, war aber zum Studium nach Australien gegangen. Nach seinem Abschluss (Master of Information Technology) an der Bond University in Gold Coast arbeitete er zunächst für eine australische Sicherheitsfirma. Auf einem Flug nach Europa lernte er einen Deutschen kennen, der ihm von PA Consulting erzählte und ihn zu einem Assessmentcenter einlud. Grenzebach absolvierte die Prüfung mit Erfolg. Seit 2006 arbeitet er im Londoner Hauptquartier der Beratungsfirma.

          Ein weiteres Beispiel ist Simon-Kucher & Partners. Die Bonner Firma, die sich in rund 30 Jahren zu einem echten Global Player entwickelt hat, gilt als Spezialist für Wachstumsprojekte, neue Geschäftsmodelle, Marketing und Pricing. Der 31-jährige Timo Stratmann – mit einem Abschluss in Biochemie der ETH Zürich und einem Mastertitel der Stockholm School of Economics („General Management“) – lobt die flachen Hierarchien und seine abwechslungsreiche Tätigkeit. Die Firma ermöglicht es ihm außerdem, dass er mit seiner Freundin zusammen in Kopenhagen wohnen kann. „Das Leben hier ist ziemlich relaxt“, schwärmt der Skandinavien-Liebhaber. Doch obwohl Simon-Kucher ein Büro in der dänischen Hauptstadt unterhält, muss Stratmann zurzeit jeden Montagmorgen mit dem Flieger nach Frankfurt am Main düsen. Dort hilft er einem bekannten deutschen Life-Science-Unternehmen, den Vertrieb von Medizinprodukten neu auszurichten. Das nächste Projekt könnte ihn aber schon wieder in ein anderes Land führen. Schließlich betreut Simon-Kucher seine Kunden auf allen Kontinenten.

          Quelle: F.A.Z

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