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Wiwi-Check : Praxiswissen, Englischkenntnisse und Persönlichkeit

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Drei Praktiker erklären, womit junge Wirtschaftswissenschaftler bei Arbeitgebern punkten können.

          Volkswirte brauchen mehr Praxiswissen, um einen Job in einer Bank zu ergattern. Die Theorie gehört zum Hintergrundwissen.

          Wenn wir Volkswirte frisch von der Uni holen, brauchen wir ein bis zwei Jahre, bis sie vollständig eingearbeitet sind. Die Theorie aus der Uni brauchen sie nur als Hintergrundwissen. Wir vermissen bei Studenten hingegen ein tiefes praktisches Grundlagenwissen: Wie berechnet man das Bruttoinlandsprodukt eines Landes? Wie funktioniert die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung? Und wie misst man die Inflation in einem Land? Es mag erschreckend klingen, aber viele angehende Volkswirte können diese Fragen nicht auf Anhieb beantworten.

          Der Beruf des Wirtschaftswissenschaftlers in einer Bank ist zuletzt deutlich praxisbezogener geworden. Wir stehen heute viel mehr mit den Kunden in direktem Austausch – und beraten sie wirtschaftspolitisch oder geben ihnen Kriterien für die Einschätzung von Prognosen mit, die im Umlauf sind. Zum Beispiel, wo die Europäische Zentralbank falsch liegen könnte. Dann weisen wir unsere Kunden auf Risiken hin, die durch diese Abweichungen entstehen können. Ein solches Einschätzungsvermögen lernt man nicht unbedingt an der Uni, eher bei der Bundesbank oder dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Ein Praktikum bei solchen Institutionen kann Studenten helfen, VWL praktischer zu begreifen. Zudem gibt es Promotionsprogramme, in deren Rahmen VWL-Doktoranden arbeiten und gleichzeitig promovieren.

          Letztlich müssen Studenten verstehen, dass wirtschaftliche Theorien allein nicht mehr so gut weiterhelfen wie früher. Ein Beispiel: Die wirtschaftliche Entwicklung der USA passt nicht mehr zur Theorie. Es herrscht Vollbeschäftigung, die Wirtschaft brummt. Laut Lehrbuch müssten Löhne und Inflation steigen. Aber seit Jahren tut sich da wenig. Wir suchen Erklärungen für solche Phänomene. Wer dafür ein Gespür hat und die richtigen Fragen stellt, ist hier richtig.

          Christoph Weil, Senior Economist bei der Commerzbank in Frankfurt am Main

          Nur mit sehr guten Englischkenntnissen und einem breiten Theoriewissen gelingt die Wirtschaftsforscher-Karriere.

          Große Datenmengen zu verwalten und auswerten zu können sowie die hierfür nötigen Statistikprogramme zu beherrschen ist heute in der Wirtschaftswissenschaft ein Muss. Das nötige Wissen bringen die meisten angehenden Doktoranden bereits mit. Zwei weitere Kompetenzen sind zentral: Zum einen sind sehr gute Englischkenntnisse mittlerweile für eine wissenschaftliche Karriere unverzichtbar. Aufträge werden heutzutage oft weltweit ausgeschrieben, und gute Wissenschaftler sind bei Konferenzen auf allen Kontinenten gefragt. Wer da nicht fließend Englisch spricht, ist aufgeschmissen.

          Zum anderen sind das Denken in ökonomischen Zusammenhängen und auch die Fähigkeit, kurzfristig Handlungsoptionen aus ökonomischer Sicht zu bewerten, wichtig. Das gilt insbesondere für diejenigen, die später in die anwendungsbezogene Forschung gehen und beispielsweise Politikberatung machen wollen. Wir haben viele Auftraggeber aus dem öffentlichen Bereich. Ministerien, die EU-Kommission – da geht es darum, politisch sensible Fragestellungen ökonomisch richtig zu deuten. Bei all dem Methodenwissen, das heute im Studium gelehrt wird, kommt die ökonomische Gesamtbildung da vielleicht manchmal etwas zu kurz.

          Ich denke, die Ausbildung war zu meinen Studienzeiten profunder in puncto Theorie. Allerdings spielt für die Abgabe von Einschätzungen, die zuweilen recht kurzfristig von uns erwartet werden, auch die Berufserfahrung eine wichtige Rolle. Hier lernen die Promotionsstudenten im Laufe ihrer Ausbildung eine Menge dazu. Insgesamt würde ich daher sagen, die Universitäten machen einen guten Job, die Anfangsausstattung der jungen Wirtschaftswissenschaftler ist gut. Der Rest ist Potentialentwicklung, und dabei helfen wir ihnen.

          Christina Boll, Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI)

           

          Wenn BWLer bei einer Strategieberatung anheuern wollen, reichen gute Noten nicht mehr aus. Berater verlangen Persönlichkeit.

          Würde ich mich damit wohl fühlen, den Kandidaten morgen mit zum Termin mit dem Vorstand eines Kunden zu nehmen? Diese Frage stelle ich mir in Bewerbungsgesprächen. Wenn ich sie nicht mit Ja beantworten kann, dann fällt der Kandidat durchs Raster. Da kann er noch so sehr in Mathe brillieren oder noch so viele Einsen im Zeugnis stehen haben.

          Wie schon vor zehn Jahren sind für uns nur die besten fünf Prozent eines BWL-Jahrgangs als potentielle Mitarbeiter interessant. Aber was „beste“ heißt, das hat sich stark gewandelt: Wer nicht mindestens ein halbes Jahr im Ausland vorzeigen kann, schafft es über das Bewerbungsschreiben-Screening nicht hinaus. Mindestens zwei Praktika bei Topadressen sollte man vorweisen können. Davon sollte idealerweise eines in der Beratungsbranche gewesen sein. Wir achten auch darauf, was die Bewerber während dieser Praktika gemacht haben. Waren sie nur eine Aushilfe und haben sich das Praktikum ausgesucht, weil sie mussten? Oder brannten sie für ein bestimmtes Thema und schafften es auch, als Praktikant bei wichtigen Themen und strategischen Projekten mitzuwirken? Man kann an einem Lebenslauf erkennen, ob jemand seine Praktika bewusst zusammengestellt hat oder ob er nur einen Job gesucht hat.

          Wichtig ist heute, dass schon im Anschreiben erkennbar wird: Der Kandidat hat eine ausgeprägte Persönlichkeit mit Ecken, Kanten und einer eigenen Meinung. Viele Bewerber haben Lebensläufe, bei denen ihr Charakter viel zu kurz kommt. Erfolgreiche Kandidaten achten darauf, dass sie ihre Lebenserfahrung zeigen.

          Christine Rupp, Recruiting Partner bei Strategy&, der Strategieberatung von PwC

          Quelle: F.A.Z.

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