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Stellenausschreibung verstehen : Zwischen den Zeilen

  • -Aktualisiert am

Bild: André Gottschalk

Ob ein Unternehmen auf einen Uni- oder eher auf einen Fachhochschulabsolventen Wert legt, wird in Stellenausschreibungen nicht immer klar kommuniziert. Wer gesucht wird, lässt sich trotz alledem herauslesen.

          Die Liste der Anforderungen ist kurz: Eigeninitiative, Neugier sowie eine schnelle Auffassungsgabe sollen Bewerber um eine Stelle als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG) mitbringen. „Abstraktes, analytisches Denkvermögen und der solide Umgang mit Zahlen sind für die Arbeit eines Beraters ebenso wichtig wie Kommunikationsstärke und der unbedingte Wille, nachhaltig etwas zu bewegen“, heißt es in der Stellenausschreibung des Beratungsunternehmens. Davon abgesehen, findet sich in der Anzeige nur eine weitere Forderung an die Bewerber: ein Studium mit herausragenden Noten; die Fachrichtung spielt keine Rolle, dafür aber die Art der besuchten Hochschule: Gefordert ist explizit ein Universitätsabschluss. Dass die großen Strategieberatungen ein Faible für Uniabsolventen haben, ist nichts Neues. „In kaum einer anderen Branche ist ein Universitätsabschluss so stark gefragt“, sagt Goran Barić, Geschäftsführer der Personalberatung Michael Page. Bis vor einigen Jahren stellten die Beratungsunternehmen wie McKinsey, Bain & Company und BCG ausschließlich Uniabsolventen ein. Mittlerweile betonen die Unternehmen zwar, dass ein Fachhochschulabschluss kein Ausschlusskriterium mehr ist. Aus ihren Stellenanzeigen geht jedoch nach wie vor allzu deutlich hervor, welchen Abschluss sie bei gleicher sonstiger Eignung bevorzugen.

          Die Art der besuchten Hochschule spielt auch bei Bewerbungen in anderen Branchen noch immer eine große Rolle, belegt eine Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) aus dem Jahr 2016. Die Autoren befragten rund 400 Unternehmen nach ihren Präferenzen bei der Einstellung von Ingenieuren. Das Ergebnis: Für rund 40 Prozent war die Art der Hochschule das wichtigste Einstellungskriterium. Nur ein Fünftel der Arbeitgeber gab an, dass es ihnen egal ist, ob ein Bewerber von einer Universität oder einer Fachhochschule kommt.

          Experten für den Einkauf oder Vertrieb

          Umso wichtiger ist es daher, zu verstehen, in welchen Bereichen welche Experten gebraucht werden – und wie Absolventen dies aus Stellenausschreibungen herauslesen können. Denn Arbeitgeber haben nicht immer eine Präferenz für Uniabsolventen. Fachhochschulabsolventen sind dort besonders gefragt, wo spezielles Expertenwissen und viel Praxiserfahrung benötigt werden, weiß Oliver Meywirth, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Capitalheads. Beispiel Marketing: Dort hilft theoretisches Wissen im Berufsalltag wenig, Praxiserfahrung aber dafür umso mehr. „Haben Absolventen während des Studiums gelernt, wie man eine Kampagne in der Praxis konzipiert, umsetzt und auswertet, sind sie klar im Vorteil“, sagt Meywirth. Auch im Vertrieb und in der Logistik gilt: Praxiserfahrung ist das A und O. Dort überzeugen Fachhochschulabsolventen in der Regel besonders, belegt auch die VDMA-Studie. Die Mehrheit der befragten Unternehmen gibt an, in den Bereichen Einkauf, Vertrieb sowie Produkt- und Qualitätsmanagement bevorzugt Absolventen von einer Fachhochschule einzustellen.

          Ein Abschluss von einer Universität spricht dagegen vor allem für hohe Disziplin, Durchhaltevermögen und Selbstorganisation. Uniabsolventen sind überall dort gefragt, wo ein tiefes theoretisches Verständnis der Materie gefordert ist, sagt Personalberater Meywirth. Ein klassisches Beispiel dafür sind Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung. Universitätsabsolventen werden aber vielfach auch bei Stellen bevorzugt, für die Mitarbeiter breit aufgestellt sein müssen. „Generalisten von einer Universität sind beispielsweise bei Traineeprogrammen gern gesehen“, sagt Meywirth. Bei diesen Programmen arbeiten junge Nachwuchskräfte jeweils für einige Monate in verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens, bevor sie sich schließlich für einen Bereich entscheiden.

          Unterschiede kleiner als früher

          Mit der Bologna-Reform im Jahr 2009, die das Studium europaweit vereinheitlicht hat, sind die Unterschiede zwischen Universität und Fachhochschule kleiner geworden. Es gibt sie aber auch heute noch: „Studiengänge an Fachhochschulen sind in der Regel noch immer praxisorientierter, während an der Universität mehr Wert auf Theorie und Forschung gelegt wird“, sagt Berater Barić. Fachhochschulen sehen häufiger Praxissemester vor als Universitäten und fordern von den Studenten mehr Projektarbeit, in der sie das Gelernte in Kleingruppen praktisch anwenden. Studiengänge an Fachhochschulen sind außerdem oft stark fokussiert, widmen sich etwa nur dem Bereich Touristik statt allgemein der Betriebswirtschaftslehre. Die generalistischen Studiengänge findet man weiterhin üblicherweise an Universitäten. An Fachhochschulen unterrichten oft Dozenten, die zuvor in Unternehmen gearbeitet haben oder noch arbeiten. „Studenten lernen so meist schon sehr früh im Studium, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen“, so Barić. Universitätsprofessoren haben dagegen in der Regel eine wissenschaftliche Laufbahn absolviert und den Großteil ihres Berufslebens mit Forschung und Lehre verbracht.

          Diese Unterschiede haben Personaler im Hinterkopf, wenn sie über die Idealbesetzung für eine offene Stelle nachdenken. Auch wenn Unternehmen ihre Vorlieben in Stellenausschreibungen nur selten direkt äußern, gibt es doch einige Hinweise, auf die Absolventen achten können. „Sind Stellenanzeigen sehr fachbezogen formuliert, werden beispielsweise fundierte Kenntnisse und erste Erfolge gefordert, dann haben Absolventen eines Studiengangs mit hohem Praxisanteil gute Chancen“, sagt Meywirth. Fordern Unternehmen dagegen breites Wissen in vielen verschiedenen Bereichen, punkten Generalisten von der Uni. Generell gilt aber der Grundsatz: Eine Bewerbung lohnt sich auch dann, wenn man das Anforderungsprofil nicht hundertprozentig erfüllt. Am Ende kommt es immer auch auf das Gesamtprofil an – und nicht zuletzt auf den persönlichen Eindruck im Vorstellungsgespräch.

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