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Abheben im Handel : Der globale Deal

  • -Aktualisiert am

Jappi studiert Archäologie in Berlin und arbeitet auf 450-Euro-Basis bei DHL. Ihn zu treffen ist leicht: Ich muss nur die Wohnungstür öffnen. Bild: Elisabeth Moch

Das Spiel von Kaufen und Verkaufen beherrscht unser Leben wie nie zuvor; mit nur einem Mausklick setzen wir eine ganze Armada von Menschen in Bewegung. Eine Welt ohne Handel? Unvorstellbar. Unser Reporter Daniel Kastner hat das Land durchreist und mit Menschen gesprochen, die im Handel ihr Geld verdienen: unter anderem mit einem Börsianer, der für faire Deals kämpft, einem Drogendealer, der sich als Geschäftsmann sieht, einem Online-Händler, der an die Macht des Eckgeschäftes glaubt, und einem Paketzusteller, der nie wieder den Zalando-Schrei machen will.

          Jappi (29), Paketzusteller
          Wie lange dauert ein Arbeitstag? Eine Schicht dauert acht Stunden, realistisch arbeite ich aber zehn, im Schnitt liefere ich alle fünf Minuten ein Paket aus. Was übrig bleibt, kommt wieder in die Zentrale und wird am nächsten Tag noch mal ausgefahren. Wie oft bringen Sie Pakete zurück? Fast immer. Manchmal wissen die Leute aber auch nicht, wo das Paket ist, weil sie keinen Zettel gekriegt haben. Ja. So was ist scheiße. Welche Kunden nerven? Als Zalando mit seinem Slogan „Schrei vor Glück!“ anfing, hat jeder zweite Zalando-Kunde geschrien und erwartet, dass ich das auch mache. Was denken Sie über Ihren Job, so als letztes Glied in der Handelskette? Ich bin zwiegespalten. Der Versandhandel kommt mir zugute, weil ich durch ihn diesen Job habe. Andererseits macht er vielen kleinen Ladenbesitzern große Probleme. Ein älterer Kollege hat mir erzählt: Was vor 30 Jahren die „Weihnachtsschwemme“ war, ist heute Tagesgeschäft. Das liegt vor allem am Online-Handel.

          Gemessen am Umsatz (485 Millionen Euro) war der Online-Fachhändler für Unterhaltungselektronik 2012 drittgrößter deutscher Online-Händler – knapp vor Zalando, aber deutlich hinter Amazon und Otto, wobei Amazon in Deutschland fast den zehnfachen Umsatz machte.

          Arnd von Wedemeyer (41), Gründer und einer der Geschäftsführer von notebooksbilliger.de
          Als Sie 2000 den Online-Versand gegründet haben, gehörten Sie zu den Pionieren … … Online-Shopping war damals weder bequem noch wahnsinnig sicher. Heute scheint es ja riskanter, ein klassisches Ladengeschäft zu eröffnen. Da würde ich klar widersprechen. Warum? Wenn ich Lust auf ein bestimmtes Produkt habe und dafür in den Laden gehe, kann der Verkäufer mich überzeugen. Internet hat dagegen sehr viel mit Mundpropaganda zu tun. Das Bauchgefühl muss stimmen – und das aufzubauen dauert Jahre. Warum haben Sie auch drei stationäre Läden? Aus Pragmatismus. Wenn die Kunden das möchten und es gut läuft, dann machen wir es. Was wir gemerkt haben: Wenn wir irgendwo einen physischen Store haben, steigt in dieser Region auch die Zahl der Online-Kunden. Amazon plant, in Zukunft Pakete mit einer Drohne auszuliefern. Wird das wirklich kommen? Das ist für mich aus Kostengründen relativ schwer vorstellbar. Ein helikopterartiges Fluggerät ist vom Spritverbrauch her nie sinnvoll in Relation zur Nutzlast. Deshalb habe ich gewisse Zweifel, ob das wirklich ernst gemeint ist. Wie kaufen Sie selbst ein? Fast nur online, abgesehen von Lebensmitteln. Ich will eine Paprika im Zweifel mal in der Hand gehabt haben und nicht das matschige Ding in der Kiste vorfinden.

          Didi Schweigers Obststand am U-Bahnhof der Uni kennt in München jeder – und seit der Imagefilm „S’Leben is a Freid!“ online ging, hat er weltweit Fans.

          Dieter „Didi“ Schweiger (55), Obsthändler
          Wie oft stehen Sie hier? Sechsmal die Woche, 14 Stunden am Tag. Sie sind seit 30 Jahren hier. Wie wichtig ist die Wahl des Standortes? Ganz wichtig. Als ich angefangen habe, war das eine Goldgrube. Vom Verdienst her war ich damals Arzt – heute bin ich Postbote. Woran liegt das? Viele alte Stammkunden sind weg, die Mieten hier in Uni-Nähe sind brutal. Also geht man lieber in den Supermarkt, wo man mittlerweile auch Früchte von guter Qualität kriegt. Immerhin: Selbst ein Online-Versandhändler möchte seine Paprika lieber beim Gemüsehändler kaufen … Ich will auch gar nicht jammern. Natürlich habe ich noch Stammkunden – alte und neue. Was schätzen die an Ihnen? Meine Ehrlichkeit. Wenn ich mal Ware verkaufe, die nicht so schön ist, dann sage ich es dazu und mache sie billiger. Und mit mir können sie plaudern: über Fußball, Biergärten, Autos. In welchen Mengen kaufen Sie ein? Ich kaufe nie zehn Kisten Mango, sondern immer gleich 100. Das geht, weil wir eine eigene Kühlung am Großmarkt haben. So kann ich wie heute Mangos für einen Euro verkaufen – das kosten sie bei Lidl auch. Verkaufen Sie Obst und Gemüse auch außerhalb der Saison? Klar, wenn die Kundschaft es will. Ich hatte mal einen Kunden, der hat im Winter bei mir Wassermelonen aus Südamerika bestellt, für 40 Mark das Stück. Ich bin Kaufmann – warum hätte ich da Nein sagen sollen?

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