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Versicherungsbranche : Begehrte Querdenker

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Die Nutzeroberfläche einer App, die Details zum Fahrprofil des Nutzers aufzeichnet. Künftig könnte das Smartphone wichtige Daten wie Bremswege und Beschleunigung erfassen und an Versicherer übermitteln. Bild: dpa

Digitalisierung und Big Data bieten der Versicherungsbranche viele neue Ansätze. Berufseinsteiger finden noch kaum betretene Wege vor – und können den Wandel mitgestalten.

          Günter von Hein baute Ende der 1980er Jahre im hessischen Eppstein eines der ersten Maklerbüros für Versicherungen in Deutschland auf. Das Angebot: Versicherungen miteinander vergleichen und sich dann das beste Angebot aussuchen. Das war wesentlich besser, als zum erstbesten Versicherungsvertreter um die Ecke zu laufen und dort einen Abschluss zu tätigen. Heute führt seine Tochter das Maklerbüro noch immer erfolgreich.

          Im beruflichen Leben von Günter von Heins Enkel Robin dreht sich ebenfalls alles um Versicherungen, und doch lebt der Enkel in einer ganz anderen Welt als noch der Großvater. Von Berlin aus koordiniert Robin von Hein bei dem von ihm gegründeten Internet-Versicherungsunternehmen Simplesurance 150 Mitarbeiter, die in 30 Ländern Europas, in den Vereinigten Staaten und Kanada Versicherungen vermakeln. Versichern lässt sich alles: das Smartphone, für den Fall, dass es mal ins Wasser fällt, oder dernLaptop, falls man diesen im angeregten Gespräch in der Kneipe vom Tisch fegt. Die Kunden können Verträge sowohl über das eigene Endkundenportal als auch über Distributionspartner im E-Commerce vereinbaren. Seit kurzem gibt es auch die Möglichkeit, die klassischen Versicherungen für Auto, Haus und das eigene Leben über eine App abzuschließen.

          Simplesurance sucht aktuell über 20 neue Mitarbeiter, darunter Leute wie Robin von Hein, die ein Studium in der Versicherungsbetriebswirtschaft absolviert haben, aber auch Vertriebler, Marketingfachleute und IT-Spezialisten, die sich zutrauen, die antiquierten Strukturen der Versicherungsbranche aufzubrechen. Das Unternehmen zählt zu den Insurtech-Start-ups, die sich allesamt mit der Digitalisierung von Prozessen und Produkten in der Versicherungswirtschaft beschäftigen.

          Potential durch Digitalisierung ist groß

          Auf 18 Milliarden Euro schätzt die Münchner Unternehmensberatung Bain & Company in einer gemeinsam mit dem Suchmaschinenkonzern Google kürzlich erstellten Studie das Potential für die Versicherungsbranche durch die Digitalisierung. Davon sind 4 Milliarden Euro mehr Einnahmen und 14 Milliarden Euro mehr Gewinn durch Kosteneinsparungen möglich. Größter Kostenfaktor ist zurzeit das Schadensmanagement. Digitale Technologien ermöglichen es den Versicherungsunternehmen, die Prävention vor möglichen Betrugsfällen zu stärken und damit die Kalkulation der Versicherungsrisiken zu verbessern. „In den kommenden Jahren können sich die Marktanteile in der Assekuranz erheblich verschieben“, sagt Henrik Naujoks, Leiter der Bain-Praxisgruppe Financial Services in der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika sowie einer der Autoren der Studie. „Auf der Gewinnerseite stehen diejenigen Versicherer, die ihre Digitalisierung mit aller Entschlossenheit vorantreiben.“

          Vor allem für Sachversicherer kommt es darauf an, ihren Blickwinkel zu erweitern: Beispielsweise stellt eine Cyber-Versicherung gegen Hackerangriffe heute die „Feuerversicherung des 21. Jahrhunderts“ dar, sagt Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Geschäftsführung des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV). Bislang konzentrieren sich viele Anbieter auf die Kundenschnittstelle und auf Innovationen in den Bereichen Operations und IT. Doch ihre volle Wirkung entfaltet die Digitalisierung erst, wenn die gesamte Wertschöpfungskette und weitere Technologien einbezogen werden. Dazu zählen das Internet der Dinge und Virtual Reality ebenso wie maschinelles Lernen und Advanced Analytics, also Untersuchungen und Voraussagen über zukünftige Ereignisse und Verhaltensweisen etwa von Verbrauchern. Die Virtual-Reality-Technologie beispielsweise schafft völlig neue Möglichkeiten, mit 3D-fähigen Smartphones Schäden exakt aufzunehmen und Unfälle minutiös durch Künstliche Intelligenz zu rekonstruieren und zu evaluieren. „Die Versicherer sind gut beraten, die Digitalisierung im Sinne ihrer Kunden zu nutzen“, stellt Florian Mueller, Partner bei Bain & Company und ebenfalls einer der Autoren der Studie, fest. „Wenn sie ihre Kunden mit Leistung überzeugen, sinkt auch deren Wechselbereitschaft.“ Und noch eine zweite Herausforderung lässt sich mit digitalen Technologien meistern: die fehlende Interaktion. „Durch unsere Studien zur Kundenloyalität wissen wir, dass die Unzufriedenheit von Kunden steigt, je länger der letzte Kontakt zu ihrer Versicherung zurückliegt“, sagt Mueller.

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