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Blick in die Automobilbranche : „Es geht um die Neuerfindung der Mobilität“

  • -Aktualisiert am

Johann Jungwirth kommt von Apple und ist seit November 2015 bei VW. Er will den Autokonzern bis 2025 zum führenden Mobilitätsanbieter machen. Bild: Volkswagen

Johann Jungwirth, Leiter des Bereichs Digitalisierung im Volkswagen-Konzern, im Gespräch über selbstfahrende Autos und darüber, wie die Digitalisierung die Branche verändert.

          Herr Jungwirth, auf welche gravierenden technologischen Veränderungen steuert die Autobranche in naher Zukunft zu?

          Die Automobilindustrie erlebt gerade historische Zeiten. Das Automobil steht durch die digitale Transformation vor seiner ersten Neuerfindung. Letztlich geht es um die Neuerfindung der Mobilität. Schon in wenigen Jahren werden selbstfahrende Fahrzeuge für den Transport von Menschen und Waren unterwegs sein. Bis 2025 wird es in vielen Städten und Regionen der Welt ganz alltäglich sein, sich in selbstfahrenden Autos von A nach B transportieren zu lassen. Im vergangenen Jahrhundert war der Motor das Herz des Automobils und der Fahrer sein Gehirn. Im 21. Jahrhundert wird das vom Fahrer eingesetzte selbstfahrende System zum Herzen des Autos – und die Mobilitätsplattform zum Buchen von Mobilität „on demand“ wird zu seinem Gehirn.

          Wie muss man sich das konkret vorstellen?

          Autonome Fahrzeuge parken selbständig außerhalb der Stadt; per Knopfdruck oder auf Startbefehl via Smartphone holen sie die Menschen direkt an der Haustür ab. Diese neue Form der Mobilität ist allen Menschen zugänglich – auch denjenigen, die heute nicht in der Lage sind, selbst Auto zu fahren. Das entlastet die Infrastruktur: Die Straßen werden weit weniger verstopft sein, und Flächen, die bisher durch parkende Autos belegt sind, werden frei. Außerdem werden wir dem Ziel des unfallfreien Fahrens nahe kommen. Heute ist menschliches Versagen für 91 Prozent der Verkehrstoten verantwortlich. Das selbstfahrende Auto kennt keine Übermüdung, Ablenkung oder Alkohol, keine verzögerte Reaktion oder zu geringen Abstand. Es wird die Anzahl der Verkehrsunfälle minimieren. Für die Menschen bedeutet das zugleich mehr Komfort, höhere Lebensqualität – und mehr Zeit. Heute ist ein Großteil der im Auto verbrachten Zeit unproduktiv; denken Sie an Staus und Parkplatzsuche. Selbstfahrende Fahrzeuge werden den Menschen diese Zeit zurückschenken, sie kann fürs Arbeiten, Spielen, Reden oder Relaxen genutzt werden.

          Was bedeuten diese Veränderungen für VW?

          Das selbstfahrende, voll vernetzte Auto ist für uns ein riesiger Markt, der bisher brach liegt. Unser Ziel, unsere Vision ist es, den Volkswagen-Konzern vom Automobilhersteller zum Mobilitätsanbieter weiterzuentwickeln. Und zwar mit der Mentalität und der Agilität des Silicon Valley. Das selbstfahrende System auf Basis künstlicher Intelligenz mit 360-Grad-Laser, Radar, Kameras und Ultraschallsensorik, Zentralrechner und Redundanzsystemen besteht zum großen Teil aus Software. Genauso die Mobilitätsplattform. Es braucht komplexe Algorithmen, zum Beispiel für die Umgebungserfassung, die Objekterkennung, die Situationsanalyse, die Fahrtenplanung, die lernende HD-Straßenkarte oder auf künstlicher Intelligenz basierende Entscheidungslogiken. Das bedeutet, dass wir uns zum Teil zu einem Software- und Servicekonzern weiterentwickeln, um diesen Wandel zu bewältigen und somit neue Geschäftschancen und Umsatzpotentiale zu erschließen.

          Auch die Wettbewerber bringen sich in Position; teilweise kooperieren Hersteller mit IT-Unternehmen. Wie stellt sich VW auf?

          Um Hardware, Software und Services bestmöglich zu integrieren, werden wir bis Ende des Jahres drei „Volkswagen Group Future Center“ gründen – in Potsdam, Kalifornien und in Peking. Dort sollen unsere Designer und Digitalisierungsexperten gemeinsam das Auto der Zukunft entwickeln. Diese enge Verschmelzung von Digitalisierung und Design, bei der Interieur, Exterieur und User-Experience-Design für Produkte und Services konzipiert und umgesetzt werden, ist wegweisend für die Automobilindustrie. Unser großer Wettbewerbsvorteil ist, dass wir die Hardware bereits perfekt beherrschen, also Produktdesign, Entwicklung und Bau. Da unsere Zukunft davon abhängt, werden wir die Software- und Serviceentwicklung genauso professionell und fokussiert angehen. Ich bin der Überzeugung, dass wir bis 2025 zum führenden Mobilitätsanbieter avancieren werden. Dafür treffen wir jetzt wichtige und richtungsweisende Entscheidungen.

          Das Interview führte Daniel Timme.

          Quelle: F.A.Z.

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