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Karriere im Handel : Interview | Erich Harsch (dm): „Praxiserfahrung kommt vor guten Noten“

  • -Aktualisiert am

2008 übernahm Erich Harsch nach 27 Jahren Betriebszugehörigkeit die Geschäftsleitung bei dm. Bild: dm

Das Drogerieunternehmen dm ist der beliebteste Arbeitgeber der Handelsbranche – 185.000 Bewerbungen gingen dort allein 2014 ein. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Erich Harsch über Ein- und Aufstieg bei dm.

          Herr Harsch, der Wettbewerb im Handel wird auch durch den E-Commerce-Trend immer härter. An welchen Zielen messen Sie Ihre Mitarbeiter?
          Ein Handelsunternehmen darf den stationären Handel und den E-Commerce heute nicht mehr getrennt betrachten. Ab Frühsommer wird es bei uns deshalb auch einen Online-Shop geben. Doch auch wenn der Wettbewerb im Handel in Deutschland hart ist, gibt es in unserem Unternehmen keine Zielvorgaben für die Mitarbeiter. Wir vertrauen auf die Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit und -initiative – und fördern diese gezielt. Eine gesunde Unternehmensentwicklung ergibt sich eher, indem die Eigenständigkeit gestärkt wird, als wenn von oben knebelnde Zielsetzungen vorgegeben werden.

          Wie sicher ist ein Arbeitsplatz bei dm in Zeiten des E-Commerce?
          Durch den zusätzlichen Vertriebskanal „Online“ werden zunächst einmal mehr Arbeitsplätze geschaffen. Es wird in der Zukunft des Handels darum gehen, wer die Kundenbedürfnisse im Wettbewerb, ob online oder stationär, besser befriedigen kann. Deswegen werden noch mehr Händler als bisher umdenken müssen. Ohne Aktivitäten im Online-Bereich wird es künftig im Wettbewerb um den Kunden eng.

          dm gilt als der beliebteste Arbeitgeber in der Handelsbranche. Haben deshalb nur Bewerber aus den eigenen dualen Studiengängen und Topabsolventen eine Chance?
          Im akademischen Bereich arbeiten wir in der Tat sehr eng mit dualen Hochschulen zusammen. Wir sind der Überzeugung, dass gerade die praktische Ausbildung für eine Karriere im Handel sehr wichtig ist. Selbstverständlich stellen wir aber auch andere Hochschulabsolventen ein. Wichtiger als sehr gute Noten ist aber auch hier relevante Praxiserfahrung. Bewerber, die lieber theoretisch oder forschend tätig sind, sind in einem Handelsunternehmen nicht gut aufgehoben.

          Nach welchen Kriterien filtern Sie die eingehenden Bewerbungen?
          Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir über 185.000 Bewerbungen für verschiedene Positionen erhalten. Bei uns gibt es allerdings keine Personalabteilung, die Bewerbungen hinsichtlich bestimmter Kriterien prüft und aussortiert. Die Führungskräfte der jeweiligen Abteilungen sind für den Einstellungsprozess ihrer Mitarbeiter selbst verantwortlich. Sie legen dabei besonderen Wert auf persönliche Merkmale wie Offenheit und Teamfähigkeit, da sie mit den Bewerbern direkt zusammenarbeiten werden. Soft Skills sind im Zweifel wichtiger als gute Noten.

          Was wird den Absolventen geboten?
          Wir ziehen auch bei Berufseinsteigern einen großen Entwicklungsfreiraum einem strikten Regelkorsett vor. Das bedeutet, Young Professionals können schon sehr früh selbst Verantwortung übernehmen. In der Aus- und Weiterbildung legen wir neben der fachlichen Entwicklung auch großen Wert auf die persönliche Entfaltung. Dafür nehmen alle unsere Berufseinsteiger in den ersten beiden Jahren beispielsweise an Theaterworkshops teil.

          Wer im Handel Karriere machen will, muss sich zunächst in der Filiale beweisen. Warum ist das wichtig?
          Für ein Handelsunternehmen ist die Filialarbeit die wichtigste überhaupt – denn dort sind die Kunden. In der Filiale spielt sich also das Leben eines jeden Händlers ab. Ein Bewerber, der nicht die Bereitschaft besitzt, sich dort zu engagieren, ist im Handel falsch.

          Viele Absolventen sind angetan von der Kultur der Start-ups – dort finden sie flache Hierarchien und schätzen Dinge wie gemeinsames Frühstücken und in der Mittagspause zu kickern. Was hat ein traditionelles Unternehmen dem entgegenzusetzen?
          Im Gegensatz zu einem Start-up kann ein großer Konzern mehr Entwicklungsmöglichkeiten und vielfältigere Aufgabenbereiche bieten. Über einen fehlenden Kickertisch hat sich bisher noch niemand beschwert.

          Sie arbeiten seit über 30 Jahren für dm, haben als IT-Experte angefangen und sind nun Geschäftsführer. Wäre diese Karriere heute noch denkbar?
          Heute würde diese Karriere wahrscheinlich anders ablaufen. Ich habe damals mein Studium abgebrochen und wurde bei dm ins kalte Wasser geworfen. Heutzutage sind die Mitarbeiter in unserer Führungsriege noch immer sehr jung – aber sie haben ein abgeschlossenes Studium oder eine Berufsausbildung. Wer sich durch Engagement hervorhebt, hat zu jeder Zeit die Möglichkeit, mehr Verantwortung innerhalb eines Unternehmens zu übernehmen.

          Quelle: F.A.Z.

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