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Nachhaltigkeit in Unternehmen : Wunsch nach Einklang

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Im Freien an nachhaltigen Produkten arbeiten: Bei Vaude in Tettnang am Bodensee dreht sich alles um ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Natur. Bild: Vaude

Unseren Lebensraum schützen und zugleich die Dinge vorantreiben: Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Unternehmen, und wie überzeugen sie damit Berufseinsteiger?

          Die berufliche Laufbahn der Musikwissenschaftlerin Solvig von Guenther wurde maßgeblich durch den Zukunftsforscher Franz Josef Radermacher mitbestimmt. Kennengelernt haben sich die beiden auf einer Veranstaltung des Mittelstandsverbands BVMW Anfang der 2000er Jahre. Der Professor für Informatik an der Universität Ulm und Experte zum Thema nachhaltige Wirtschaftsentwicklung wollte seinen Vorträgen damals noch mehr Gewicht verleihen. Und so entstand zwischen den beiden eine Idee: Sie wollten ein Musical entwickeln, das das Thema Nachhaltigkeit in all seinen Facetten behandelt. Radermacher schrieb die Texte, von Guenther komponierte und arrangierte. Die einzelnen Stücke von „The Globalisations Saga – Balance or Destruction“ begleiten Radermachers Nachhaltigkeitsvorträge bis heute. Solche existentiellen Themen musikalisch aufzubereiten ist nicht ungewöhnlich: „Zivilisationskritik und Visionen zu einer besseren Gesellschaft gehören zu einem festen Bestandteil künstlerischer Ausdrucksformen in der Pop- und Hochkultur“, sagt Stefan Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg. Solvig von Guenther ist von dem Thema nicht mehr losgekommen und sensibilisiert bis heute als Managementcoach viele Menschen, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen.

          Das Thema Nachhaltigkeit ist heute präsenter als jemals zuvor. War es bis vor wenigen Jahren vor allem eine ökologische Kategorie, bei der es um den schonenden Umgang mit materiellen Ressourcen ging, steht das Thema in vielen Unternehmen inzwischen ressortübergreifend auf der Agenda. Es findet sich nicht nur in der Unternehmenskommunikation wieder, sondern auch im Einkauf, im Controlling, im Vertrieb und im Personalwesen ist man darauf bedacht. Nachhaltigkeit prägt inzwischen sogar das Employer-Branding der Unternehmen und ist zu einem Kriterium für viele Bewerber und Berufseinsteiger geworden, sich für einen Arbeitgeber zu interessieren.

          Junge Leute wünschen sich Nachhaltigkeit

          „Gerade junge Bewerber haben oft ein großes Interesse am Thema Nachhaltigkeit“, stellt Daniel Schmid, Globaler Leiter Nachhaltigkeit bei SAP, fest. „In den Gesprächen werden Fragen auf hohem Niveau gestellt, die wir sehr transparent und authentisch beantworten müssen. Das erfordert von uns als Unternehmen, Inhalte unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie in jedem Bereich und in jedem Land, in dem wir tätig sind, zu entwickeln und auf Vorstandsebene zu koordinieren.“ Wie breit Nachhaltigkeit bei SAP – mit seinen über 93.000 Mitarbeitern in 130 Ländern – gefächert ist, zeigt sich an zwei ausgewählten Beispielen im HR-Management: Elektroautos als Dienstwagen fallen ebenso unter die Nachhaltigkeitsstrategie wie das Ziel, mindestens 25 Prozent der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. „Das haben wir schon jetzt erreicht. Diese Quote wollen wir bis 2022 auf 30 Prozent steigern.“

          Ein Vorreiter auf dem Gebiet der nachhaltigen Produktentwicklung ist der Outdoors-Spezialist Vaude Sport GmbH & Co KG aus Tettnang am Bodensee. 1974 von Albrecht von Dewitz gegründet, verstand sich Vaude seit seinen Anfängen als nachhaltige Marke und wurde 2015 mit dem „Deutschen Nachhaltigkeitspreis“ ausgezeichnet. Doch auch im Personalbereich spielt Nachhaltigkeit heute eine wichtige Rolle. „Wir haben uns auf die veränderten Bedürfnisse der Mitarbeiter eingestellt“, sagt Miriam Schilling, Leiterin Personal und Organisation, und gibt dem Thema auch im Personalmanagement Gewicht: „Wir fragen uns im Vorfeld: Auf welche Stelle passt der Bewerber? Was braucht er, damit er sich wohlfühlt? In welcher Lebensphase ist der Bewerber? Wie können wir ihm die richtige Balance zwischen Leben und Beruf bieten?“

          Spannende Lebenskonzepte

          Mit dem Ergebnis sind beide Seiten zufrieden: „Wir bekommen es so mit spannenden Leuten zu tun; mit Menschen, die beispielsweise auch mal andere Lebenskonzepte verfolgen, etwa Selbstversorger sind oder in einer Kommune mit Gleichgesinnten wohnen.“ Das führt wiederum zu neuen Impulsen im Unternehmen: „Gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickeln wir die zukünftigen Nachhaltigkeitsthemen von Vaude.“ Die sich daraus ergebenden Entwicklungen sind interessant: So gibt es mittlerweile eine Bio-Kantine und über 200 verschiedene Arbeitszeitmodelle – bei knapp 500 Beschäftigten.

          Nach der Arbeit in die Kletterwand: Das Sportangebot im Außenbereich ist Teil des Mitarbeiter-Aktivprogramms.

          Zu den Pionieren im Nachhaltigkeitsmanagement gehört auch Werner & Mertz. Das 1867 gegründete mittelständische Unternehmen aus Mainz, das Marken wie Erdal für die Schuhpflege und Frosch als Reinigungsmittel führt, hat zahlreiche Initiativen im Bereich Nachhaltigkeit initiiert: So hat sich der Konsumgüterproduzent etwa für die Verwendung von Recyclingmaterial für Verpackungen, für den Einsatz von heimischen Pflanzenölen als Basis für Tenside oder für den Bau einer ökologischen Wasseraufbereitung stark gemacht. „Nachhaltigkeit ist in unserem Unternehmen keine Modeerscheinung, sondern gelebte Firmentradition. Wir sehen diese intrinsisch gelebten Werte nicht nur bei unseren langjährigen Mitarbeitern, sondern erleben die Freude an unserem Nachhaltigkeitsengagement auch bei den neuen Kollegen. Das ist oft überhaupt erst der Grund, warum sich jemand aktiv bei uns bewirbt“, sagt Nadja Janzer, Leiterin Personalwesen. „Diese Werte fördern wir bei unseren Aktivitäten – ob über die lernende Organisation, unser Gesundheitsmanagement oder unsere Weiterbildungsmaßnahmen.“

          Das Outdoor-Unternehmen Vaude ist nicht nur nachhaltig, sondern auch modern: Großraumbüros fördern den internen Austausch.

          Inter­esse an Nachhaltigkeit kann manchmal sogar karriereförderlich sein, wie das Beispiel von Yannick von Raesfeld, 23, zeigt. Nach der Ausbildung zum Industriekaufmann arbeitet er jetzt im Nachhaltigkeitsmanagement des Unternehmens. Dort kümmert er sich beispielsweise um Zertifizierungen von Umweltleistungen, er bereitet die entsprechenden Audits vor und führt diese durch. Möglicherweise wird er sich in der Zukunft auch noch einmal weiterbilden: Denn er kann sich durchaus vorstellen, ein duales Studium im Bereich Nachhaltigkeit zu absolvieren.

          Felder der Nachhaltigkeit

          Für viele große, international tätige Unternehmen ist eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie schon lange Teil ihres wirtschaftlichen Erfolges. Das Unternehmensnetzwerk im Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft, Econsense e.V, wurde im Jahr 2000 vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ins Leben gerufen. Dort engagieren sich 35 Unternehmen mit dem Ziel, den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft aktiv zu gestalten. Dr. Wolfgang Große Entrup, Vorstandsvorsitzender von Econsense und Head of Corporate Sustainability & Business Stewardship bei der Bayer AG, sieht für ein erfolgreiches Nachhaltigkeitsmanagement im Unternehmen folgende Schwerpunkte:

          - Sustainable Development Goals: Beitrag von Unternehmen zur Erreichung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030

          - Digitalisierung: Potential der digitalen Transformation im Sinne der Nachhaltigkeit

          - Menschenrechte: Achtung und Wahrung der Menschenrechte durch Unternehmen in ihren weltweit verzweigten Lieferketten

          - Sustainable Finance: Investoren finanzieren verstärkt nachhaltige Geschäftsmodelle.

          - Nachhaltigkeitsreporting: Weil Nachhaltigkeit immer eine Frage der Glaubwürdigkeit ist, berichten Unternehmen zunehmend transparent über ihre Nachhaltigkeitsstrategien.

          - Impact Assessment: Unternehmen sollten die eigenen Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt verstehen.

          Der Mittelstand definiere Nachhaltigkeit vor allem generationsübergreifend, so Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft (BVMW). Für ihn stehen im Unterschied zu Konzernen nicht Quartalsergebnisse im Vordergrund, sondern der langfristige Aufbau und Erhalt und damit die Nachhaltigkeit ihrer Unternehmen. Mittelständische Unternehmen sind in der Regel eng mit ihren Mitarbeitern verbunden, die sie auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten halten – wie die Finanzkrise vor zehn Jahren gezeigt hat. Zudem werden Vorschläge zur Ressourceneinsparung oder zur Verbesserung der Ökobilanz in der Produktion schnell und unbürokratisch umgesetzt. Umweltschutz beginnt vor der eigenen Haustür. Die Attraktivität eines Unternehmens für potentielle Mitarbeiter wächst daher, je mehr es sich mit dem Standort identifiziert.

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