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Karrierepfade, Teil 2 : Interview | Wie wird man Deutschland-Chef von Amazon, Ralf Kleber?

Ralf Kleber ist seit 2002 Geschäftsführer von Amazon Deutschland. Bild: Amazon, Ralf Kleber

Ralf Kleber hat es an die Spitze des Online-Versandhauses Amazon.de geschafft. Der Weg dorthin war die reinste Achterbahnfahrt.

          Der erste Arbeitstag bei Amazon begann mit einer Überraschung. Als Ralf Kleber das damalige Hauptquartier der Amazon.de GmbH im bayrischen Hallbergmoos erreichte, erwartete ihn dort eine wahre Diaspora. Vorbei die Zeiten von glamourösen Partys und erstklassigen Locations, wie Kleber sie bei seinem vorherigen Arbeitgeber Escada erlebt hatte. Stattdessen fand sich Kleber mit seinem neuen Job auf der grünen Wiese wieder, in einem kleinen Gewerbegebiet 30 Kilometer vom Münchner Stadtzentrum entfernt – „keine Verkehrsanbindung, keine Nahrungsmittelgeschäfte in der Nähe, es war seltsam“, erinnert sich Kleber. Das Innere der Firma bestätigte den ersten Eindruck: lockerer Umgangston amerikanischer Lebensart, kaum etablierte Prozesse, hohes Kreativitätspotential, hauptsächlich Marketeers und Programmierer – und die für viele Start-ups typische „Flipper-Mentalität“, wie Kleber sie nennt.

          Das war 1999. 16 Jahre später sitzt Ralf Kleber in seinem kleinen Büro in der Chefetage eines modernen, gläsernen Bürogebäudes im Münchner Norden und betont nicht ohne Stolz, der am längsten im Amt befindliche Country Manager von Amazon zu sein, jenem Konzern, der Regeln bricht, Bewährtes auf den Kopf stellt, polarisiert wie kaum eine andere Firma – und damit Erfolg hat. Amazon in Hallbergmoos, das ist längst Geschichte. Die Jalousie rattert lautstark nach unten, als sich das Büro durch die Sonneneinstrahlung merklich aufwärmt, und versperrt den weitläufigen Blick, den man von der Führungsetage aus genießt. Kleber sitzt in Jeans und Hemd auf einem Barhocker an einem thekenartig gestalteten Konferenztisch und berichtet  von dieser bewegten Gründungszeit. Als er 1999 als Director Finance and Controlling anfing, war Kleber Teil eines gerade mal 400 Personen umfassenden Teams des erst ein Jahr zuvor in Deutschland gestarteten Unternehmens. Heute arbeiten 30 Mal so viele Menschen im wichtigsten Auslandsmarkt des größten Online-Versenders der Welt – und Ralf Kleber steht diesen 12.000 Mitarbeitern vor.
          In seiner Schulzeit war diese Entwicklung nicht abzusehen gewesen. „Ich hatte keine Vorstellung, wo ich hin- und was ich werden will“, sagt er rückblickend, „und schon gar nicht hatte ich vor, Chef einer heute so großen Firma zu werden.“ Er wollte raus, Neues entdecken. Ohne festen Plan. Und geleitet von jener Maxime, auf die er bis heute Wert legt: „Erfolg hat man nur, wenn man Spaß hat.“


          Ralf Kleber : „Es war faszinierend“

          Nach dem Abitur 1985 in Kaiserslautern erhielt Kleber ein Stipendium an der Berufsakademie in Mannheim und startete parallel, nach einem vierwöchigen Intermezzo bei der Pfaff Industriemaschinen GmbH, innerhalb der Kaufhof-Gruppe als Vorstandsassistent bei der damals stark wachsenden Reno Versandhandel GmbH. Und dieser verlangte Ralf Kleber jene Fähigkeiten ab, die er inzwischen von jedem Mitarbeiter erwartet, der sich bei Amazon bewirbt: Flexibilität, Engagement, Freude am Anpacken. Denn als Reno nach der deutschen Wiedervereinigung stark expandierte, blieb von seiner ursprünglichen Arbeitsplatzbeschreibung wenig übrig. „Das ging plötzlich alles so unglaublich schnell“, erinnert sich Kleber, so schnell, dass er quasi alles machen musste: „Ich habe Einkaufswagen bestellt, Filialen geplant und Mitarbeiter eingestellt. Es war faszinierend.“ Die Berufsakademie habe ihm die Kopplung von Studium und Beruf ermöglicht – und damit einerseits eine Menge praktischer Erfahrung, andererseits aber auch schon ein erstes Einkommen. „Doch mit dem Ende des Studiums fing die Lehre erst an.“ 

          Mit dem an der Berufsakademie erworbenen Diplom-Betriebswirt in der Tasche kam Kleber Anfang der Neunziger zum Luxusmode-Label Escada – und war dort als Corporate Controller ganz nah dran an den damaligen Unternehmenslenkern Wolfgang Ley und Beate Rapp. „Beim Zuschauen kann man so viel lernen, wenn man offen und bereit dazu ist“, sagt er. Die beiden Unternehmer wurden ein Stück weit zu Mentoren für ihn und seine Karriere. „Ich habe immer Menschen getroffen, die mir geholfen haben.“


          Fun-Ride Amazon

          Dass sein Weg ihn nach zehn Jahren in der Luxusmode-Welt zu einem damals noch recht unbekannten Start-up führte – damals gab es in Deutschland gerade mal drei Millionen an das Internet angeschlossene Computer –, war kein logischer Schritt einer geradlinig durchgeplanten Karriere. Es war das Gegenteil. „Eigentlich hat niemand diesen Schritt verstanden“, erinnert sich Kleber. Doch für ihn wogen die Veränderung an sich, die Möglichkeit, ein eigenes Team aufbauen zu dürfen und an einem ganz neuen Projekt mitzuarbeiten, schwerer als die Sicherheit und der Glamour bei Escada. „Solch einen Fun-Ride bekommt man nur einmal im Leben, das war eine Achterbahnfahrt, bergauf, bergab.“

          Den zweifachen Familienvater fasziniert noch heute die Kultur, an einer Vision langfristig zu arbeiten, ohne sie zu verändern, „ganz egal, wie der Kurs diese Woche verläuft“. Die Idee, ganze Branchen in Frage zu stellen und gleichzeitig neue zu schaffen, ist für ihn der tägliche Antrieb. Dazu sei es wichtig, den Kunden und seine Bedürfnisse zu verstehen und dieses Verständnis in neue Produkte zu übersetzen. Wer das könne, sei bei Amazon gut aufgehoben. Die Firma hat für junge Führungskräfte keine Karrierewege festgeschrieben, sondern setzt darauf, mit den Mitarbeitern individuell 24-monatige Entwicklungspläne zu erarbeiten.

          Ralf Kleber hat immer noch das Gefühl, er und seine Firma bauten an der Weltrevolution. Und er ist überzeugt davon, dass dieser Weg nie zu Ende gehen wird. Denn einem Grundsatz, sagt Kleber, sei er in seiner Karriere immer wieder begegnet: „Egal wie perfekt etwas zu sein scheint – es gibt immer noch etwas zu verbessern.“

          Ralf Klebers Karrieretipps:

          • Es ist nicht entscheidend, seine Karriere von A bis Z durchzuplanen. Lassen Sie sich auch mal vom Entdeckergeist leiten.
          • Junge Führungskräfte müssen lernwillig sein, zu Fehlern stehen und bereit sein, sie zu verbessern.
          • In jedem Berufsfeld ist ein permanentes Hinterfragen und Verbessern gefragt. Exzellente Führungskräfte im Handel müssen die DNA besitzen, die Wünsche der Kunden in neue Produkte und Services zu übersetzen.
          • Auch junge Führungskräfte sollten bereits “Ownership” für das Unternehmen übernehmen und immer langfristig denken – auch kurzfristige Entscheidungen müssen immer den langfristigen Mehrwert für das ganze Unternehmen im Blick haben.
          • Eine gute Führungskraft verfolgt die höchstmöglichen Standards, von denen viele denken, sie seien unrealistisch.

          Quelle: F.A.Z.

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