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Veröffentlicht: 12.05.2017, 13:49 Uhr

Weibliche Führungskräfte „Talent und Führungskompetenz sind keine Fragen des X- oder Y-Chromosoms“

Wir sprachen mit der Personalberaterin Sylvia Tarves über Chancen und Herausforderungen für Frauen in einer männlich dominierten Arbeitswelt.

© Marcel Salland Mit ihrer Personalberatung Leading Women legt Sylvia Tarves den Fokus auf die Vermittlung weiblicher Führungskräfte.

Frau Tarves, warum braucht es eine Karriereberatung speziell für Frauen? 

Aktuell haben wir in Deutschland nur knapp 6 Prozent Frauen in den obersten Entscheiderpositionen. Es gibt in Deutschland keine gendergerechten Recruiting- und Auswahlverfahren, stattdessen wird in den Unternehmen noch immer nach alten Karrieremustern, die historisch bedingt männlich sind, ausgewählt.

Könnte das nicht daran liegen, dass sich auf bestimmte Toppositionen zu wenige Frauen bewerben?

Ja. Für Frauen sind bei der Wahl des neuen Arbeitgebers Kriterien wichtig wie Unternehmenskultur, das Team, Perspektiven für weibliche Karrieren. In den Auswahlverfahren wird aber nach typisch männlichen Kriterien ausgewählt, wie Führen per Anweisung, hartes Durchsetzungsvermögen, gradliniger Karriere ohne Umwege. Die Karrieren von Frauen verlaufen jedoch in der Regel anders, sind bunter und haben einen breiteren Scope. Ich stelle immer wieder fest, dass die Entscheider aus den Fachabteilungen männliche CVs klonen und auf Frauen projiziert haben wollen. Das funktioniert in der Regel nicht, und damit erreichen wir nicht den wirtschaftlichen Nutzen von Diversity.

Was hat die Juristinnen, die Konzerne, Gerichtshöfe oder Ministerien leiten, auf dem Weg zu ihren Positionen stark gemacht? Welche Rolle spielen Studium, Noten und andere fachliche Qualifikationen?

In erster Linie haben diese Frauen sich ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut und machen sich sichtbar am „Markt“. Die Examensnoten sind nur für den Einstieg und in den ersten Berufsjahren wirklich relevant. Zusätzliche Fachqualifikationen und internationale Erfahrungen sind immer von Vorteil. Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, desto mehr zählen die Persönlichkeit und die Führungsqualität.

Stichwort Persönlichkeit: Gibt es typisch weibliche Eigenschaften, die für eine Führungsposition stark machen?

Talent ist keine Frage des X- oder Y-Chromosoms, genauso wenig wie Führung. Die Veränderung der Führungskultur vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung in allen Bereichen bedeutet, dass Führungskräfte kooperativer und transparenter agieren sowie offener kommunizieren müssen. Diese Eigenschaften schreibt man im Großen und Ganzen mehr Frauen zu.

Trotzdem heißt immer noch, dass Frauen es schwerer haben, Karriere zu machen. Warum?

Zum einen leben wir in einer männlich dominierten Arbeitswelt. Zum anderen liegt es aber auch an den Frauen, mutiger zu sein und sich mehr zuzutrauen. Frauen netzwerken viel zu wenig und wenn, dann meistens nicht ziel- und businessorientiert. Der oft zitierte „Old Boys Club“ macht das sehr gut, wie man an der 94-prozentigen Männerquote in den Entscheiderpositionen sieht. Und: Qualifizierte Frauen müssen andere qualifizierte Frauen empfehlen und nachziehen.

Das Interview führte Julia Bröder.

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