http://www.faz.net/-i7g-84j80

Veröffentlicht: 15.06.2015, 15:00 Uhr

Lehramt an Waldorfschulen Was muss man als Waldorflehrer studieren?

Derzeit gibt es über 85.000 Schüler an 234 Waldorfschulen in Deutschland. Doch was muss man studieren, um sie unterrichten zu können? Ein Besuch am Waldorf-Institut in Witten.

von Isabel Werthmann
© Isabel Werthmann Akademischer Buchstabentanz: „Wer Lust auf Kreativität und Eigeninitiative hat, ist hier richtig.“

Wer denkt bei Waldorf nicht an Basteln, Brotbacken und Buchstabentanz? Die Reformpädagogik Rudolf Steiners wird von Außenstehenden gern belächelt, während ihre Anhänger sie überzeugt verfechten. Wer wie Lotta Bruns seit der vierten Klasse eine Waldorfschule besucht hat, kennt die Klischees zur Genüge. „Ein ganzes Leben höre ich mir schon Witze über Buchstabentänze an“, erzählt die 21-Jährige, die im Waldorf-Institut im nordrhein-westfälischen Witten bei Dortmund im zweiten Jahr Klassenlehramt und Musik studiert. Die ironischen bis skeptischen Reaktionen aus ihrem Umfeld haben ihre Entscheidungen für das Waldorf-Institut und gegen ein universitäres Lehramtsstudium nicht beeinflusst. „Ich hatte eine tolle Schulzeit. An einer staatlichen Schule zu unterrichten kam für mich nicht in Frage.“

Mehr zum Thema

Waldorf-Pädagogik als Studiengang

Die Pädagogik nach Steiner wird heute an mehr als tausend Schulen in weltweit 61 Ländern praktiziert (Stand: November 2014). Doch wo Schüler sind, bedarf es Lehrer, und die müssen ausgebildet werden. Das Witten/Annen Institut für Waldorf-Pädagogik ist einer von elf Standorten in Deutschland, an dem angehende Waldorflehrer ihr Handwerk erlernen. Neben den grundständigen dualen Studiengängen für Klassenlehramt, Schulmusik und Eurythmie (die Bewegungslehre hinter dem Buchstabentanz) bietet das Institut auch eine Fachausbildung zum Kunst- und Werklehrer oder zum Gartenbaulehrer an. Wer bereits ein Lehramtsstudium abgeschlossen hat, kann hier eine postgraduale Weiterbildung zum Waldorflehrer absolvieren.

Besonderen Wert legt Christa Greshake-Ebding, Dozentin und Vorstandsmitglied des Instituts, auf das duale Ausbildungskonzept. „Durch die aktuelle Umstellung der Studienzeit von vier auf fünf Jahre wollen wir die Praxisphase verlängern.“ Jeder Studierende verbringt so mindestens 40 Prozent seiner Studienzeit an einer Schule, und das ab dem ersten Jahr. Bei den Studierenden kommt das gut an. Als „theoretisch und praxisfern“ hatte Jonathan Grawert sein Pädagogikstudium an einer staatlichen Universität erlebt, weshalb er es im 5. Semester abbrach und ans Waldorf-Institut nach Witten wechselte. Die vielen Praxisphasen findet Lotta Bruns „einfach genial“.
 

Lehramt an Waldorfschulen: Kosten & Karriereperspektiven

Grüne Wiesen, ein Gewächshaus, ein kleiner See und ein Stall, vor dem tatsächlich zwei Kühe grasen: Der Hügel am Wittener Stadtrand gleicht kaum dem Prototyp eines deutschen Campus. Statt riesiger Vorlesungssäle beherbergen die Gebäude kleine Seminarräume, einen Tanzsaal, ein Atelier, eine Holzwerkstatt und sogar eine eigene Schmiede. Der Studienalltag dagegen erinnert durchaus an modularisierte Semesterpläne. Jeder Tag ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Drittel finden die theoretischen Kurse statt, im zweiten die künstlerischen, und im dritten Teil gehen die Studierenden in ihre Schwerpunktfächer. Prüfungen gibt es zwar, Punkte oder Noten aber keine, nur das Ergebnis „bestanden“ oder „nicht bestanden“.

Doch: Wer Karriere und das große Geld machen wolle, räumt Jonathan ein, „der ist hier falsch“. Außerdem müssen angehende Waldorflehrer Studiengebühren von 1.750 Euro pro Jahr zahlen. Und wer eine Universitätskarriere anstrebt, sollte sich das Studium nach Steiner zweimal überlegen. „Da unser Diplom kein Hochschulabschluss ist, können die Studierenden nicht ohne weiteres einen Master machen“, warnt Greshake-Ebding. Nur mit mehrjähriger Berufserfahrung können die Absolventen an der Alanus Hochschule in Alfter ein Masterstudium beginnen. Allen anderen, die sich für Steiners Pädagogik interessieren, bietet das Waldorf-Institut eine Alternative zur staatlichen Lehrerausbildung. „Wer Lust auf Kreativität und Eigeninitiative hat, ist hier richtig“, glaubt Lotta Bruns. „Es ist eine eigene, kleine Welt.“ Darüber, dass jeder Absolvent am Ende seines Studiums seinen Namen tanzen kann, macht auf dem Wittener Hügel deshalb auch niemand mehr Witze.

Recruiting-Events
Stellensuche
Was:
Wo:
Zur Homepage