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Dothraki & High Valyrian : Wie ein Linguist Sprachen für Fantasyfilme & -serien erfindet

  • -Aktualisiert am

Klingonisch ist für Anfänger Bild: Frank Höhne

Wenn in der TV-Serie „Game of Thrones“ jemand mit Drachen spricht oder Kriegsgeister beschwört, ist das das Werk von David J. Peterson: Der amerikanische Linguist gilt als Star unter den Spracherfindern. Hollywood kann nicht genug kriegen von seinem Talent.

          Was macht beim Erfinden einer Sprache am meisten Spaß?
          Peterson: Zum einen, die Grammatik aufzubauen – das ist wie ein Puzzle. Wie kann ich Gedanken in sprachliche Strukturen übersetzen? Es gibt eine Unzahl von Möglichkeiten, und man versucht, die eleganteste zu finden. Und dann das Erstellen des Lexikons, die Kreation von Wörtern. So gestaltet man das Gesamtbild einer Sprachgemeinschaft. Was ist das für eine Kultur? Was für eine Weltsicht hat sie, und wie drückt sie sich aus?

          Für Dothraki, eine in „Game of Thrones“ gesprochene Sprache, durften Sie sogar das Wort „Mensch“ erfinden. Das ist ein wenig wie Gott spielen, oder?

          Na ja, George R. R. Martin, der Autor der Romanvorlage, hatte eine grausige Vokabel dafür vorgesehen: „jaqqa“. Das konnte keiner aussprechen. Die Gelegenheit hab ich mir nicht entgehen lassen und ein richtig schönes Wort geschaffen: „mahrazh“ (sprich: mach-raasch). Es hat arabische und hawaiianische Wurzeln.

          Die andere Sprache in „Game of Thrones“ ist High Valyrian. Ein Idiom, das eigentlich schon ausgestorben ist und nur noch von der Kriegsfürstin Daenerys gesprochen wird.
          Das Vorbild war Latein. Das spricht heute keiner mehr, es wird aber gelesen. Wenn Daenerys in der dritten Staffel in Hochvalyrian ihre Armee zusammentrommelt und ihre Drachen losschickt, dann wird sie verstanden, weil die Menschen dieses alte Idiom ansatzweise erkennen, ähnlich wie heutige Italiener einen Text des antiken Rom nachvollziehen können.

          Daenerys wurde vorher von Drogo entführt, dem Chef eines Nomadenvolkes, das Dothraki spricht. Sie muss also ganz schön Vokabeln pauken.
          Stimmt, aber sie spricht neben High Valyrian bereits die Sprache der Westvölker, eine Art Englisch. Und sie beherrscht die Vulgärsprache, die aus ihrem Mutteridiom entstanden ist und die man in den Ostreichen spricht. Neue Vokabeln sind für sie also ein Klacks. Und vergessen Sie nicht: Die Frau strebt nach der Weltherrschaft, sie ist ehrgeizig.

          Die Dothraki reiten die meiste Zeit, ernähren sich von Pferden und verehren sie als Gottheiten. Wie müssen solche Leute reden?
          Es erschien mir logisch, dass ein solches Volk Entfernungen auf Pferde bezieht. Deshalb gibt es Begriffe für „galoppieren“, „trotten“, „straucheln“ und so weiter. Entfernungen und die dafür verwendeten Wörter ergeben sich aus diesen Gangarten. Nehmen wir „onqoth“, „das Trotten“. Daraus leitet sich „onqotha“ ab: „eine achtel Meile“. Oder „karlin“, das Wort für „Galopp“. „Eine Meile weit“ heißt dann „karlina“.

          In der ersten Staffel hält Drogo einen langen Monolog in seiner Muttersprache. Da droht er allen mit Krieg und Knechtschaft. Man versteht das sogar ohne die eingeblendeten Untertitel: dass es da einer richtig ernst meint.
          Ja, der Darsteller macht das großartig. Und dann muss er schon in der ersten Staffel sterben. Was für ein Verlust!

          Was sind die grundlegenden Schritte beim Erfinden einer neuen Sprache?
          Ich fange mit der Phonologie an, mit dem Klang. Dann kommt die Morphologie: wie Substantive, Adjektive und Verben gebeugt werden. Man orientiert sich vage an existierenden Sprachen. Dothraki ist strukturell dem Russischen verwandt, einer Sprache ohne Artikel. Artikel stressen mich, sie verursachen immer Probleme.

          Gab es Vorbilder für das Klangbild?
          Dothraki klingt für die meisten wie ein Mix aus Spanisch und Arabisch. Manche erinnert es auch an Deutsch.

          Ach herrje!
          Ja, ich weiß, woran Sie denken: die amerikanischen Kriegsfilme, in denen die deutschen Schurken „ichhhh“ sagen, als hätten sie eine Raspel im Hals. Gruselig.

          Wie finden Sie eigentlich die Konkurrenz? Klingonisch zum Beispiel?
          Schrullig. Die Grammatik, na ja. Sehr simple Morphologie. Ein bisschen wie Esperanto. Aber der Sound ist großartig.

          Und Na’vi, die Sprache der Ureinwohner in „Avatar“?
          Sehr ambitioniert. Für eine Anfängerarbeit wirklich beachtlich.

          Hört sich nicht gerade nach einem Lob an.
          Nun, Neulinge im Spracheerfindungsgeschäft wollen alles perfekt machen, das geht dann auf Kosten der Authentizität. Eine historisch gewordene Sprache hat Schwächen, Unstimmigkeiten. Darin liegt die größte Könnerschaft, im Kreieren von Macken.

          Apropos Macken: Sie haben bei der Hochzeit Ihres besten Freundes Dothraki gesprochen?
          War doch nur ein Trinkspruch. „Hajas!“ Das heißt so viel wie „Viel Kraft!“

          Klingt martialisch. Hätten Sie einen Satz für unsere Leser? Eine Beleidigung, die man benutzen kann, wenn sich einer in der Mensa vordrängelt oder einen in der U-Bahn anrempelt?
          Ja, da hab ich was (tippt energisch, dazu Grunzlaute). So könnte es gehen: Hash yer frakhoe anna save, hash anha ma vaddrivak yera ma anavik sh’ozokh yeroon.

          Das heißt?
          Wenn du mich noch einmal anfasst, werde ich dich töten und mich auf deiner Tierleiche erleichtern.

          Warum Tierleiche?
          Na, weil es noch abwertender ist!

          „Game of Thrones“ Lexikon:

          Dothraki:
          M’athchomaroon – „Hallo!“
          Hrazef – „Pferd“
          Athdavrazar! – „Wunderbar!“
          Zhavvorsa – „Drache“
          Dothralat – „reiten“
          Vezh fin saja rhaesheseres – „Der Hengst, der die Welt besteigen wird“ (sagt Drogo über seinen ungeborenen Sohn)
          Shekh ma shieraki anni – „Meine Sonne und Sterne“ (ultimativer Liebesbeweis)
          Jalan atthirari anni – „Mond meines Lebens“ (dito)

          High Valyrian:
          Zaldrīzes – „Drache“
          Dāria – „Königin“
          Muña – „Mutter“
          Qilōny – „Peitsche“
          Dāerves – „Freiheit“
          Jelmāzma – „Sturm“
          Ondor – „Macht“

          Das Interview führte Daniel Haas.

          Zur Person:

          David J. Peterson, 32, studierte in Berkeley und San Diego Linguistik. Für die Fernsehserie „Game of Thrones“ nach den Büchern von George R. R. Martin erfand er die Sprachen Dothraki und Valyrian. Die Produzenten der SciFi-Serie „Defiance“ gaben bei ihm zwei Aliensprachen in Auftrag. Zurzeit entwickelt er für den TV-Sender CW ein weiteres Außerirdischen-Idiom. Ansonsten berät er Martin, wenn der bei den Sprachen seiner Fantasy-Geschöpfe nicht mehr weiterweiß.

          Quelle: F.A.Z.

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