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Ingenieurkarriere : Interview | Wie wird man eigentlich Astronaut, Ulrich Walter?

Ulrich Walter ist heute Lehrstuhlinhaber für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Bild: Thorsten Jochim

Ulrich Walter war als Astronaut im All. Der Professor für Raumfahrttechnik hat unsere Fragen rund um Ausbildung, Bewerbung und spätere Karriere beantwortet.

          Der Blick auf die Erde ist grandios. Doch nur wenige kommen in den Genuss dieser Aussicht – und damit zu der Erkenntnis, dass aus 300 Kilometer Entfernung keine Menschen auf der Erde zu erkennen sind. „Dieser Blick zeigt dem Menschen auf, dass er nicht die Krone der Schöpfung ist.“ Ulrich Walter, ehemaliger Astronaut und heute Lehrstuhlinhaber für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München, hat während seines knapp zehntägigen Aufenthalts im All, wo er zwischen dem 26. April und dem 6. Mai 1993 im Rahmen der D2-Mission die Erde im Spaceshuttle 160 Mal umkreiste, jene Aussicht genossen. Jeden Tag, immer wieder. „Man gewinnt Abstand zum Alltag auf der Erde“, sagt Walter, „im wahrsten Sinne des Wortes.“ Und man erkenne, dass der Mensch nur zu Gast auf Erden sei.

          Astronaut zu werden, findet Walter, sei eigentlich ganz einfach. Er hat gut reden. Sein Büro im Forschungszentrum Garching, etwa 20 Kilometer nördlich von München gelegen, steht voll von Erinnerungen an den Höhepunkt seiner Karriere als Wissenschaftler. Hier eine Nasa-Rakete im Miniaturformat, dort ein Wappen der D2-Mission mit den Unterschriften der damaligen Besatzung: Ulrich Walter hat seinen Traum gelebt.

          Bewerbung als Astronaut

          Dabei hatte er angesichts der 1.800 Bewerbungen zunächst nicht damit gerechnet, für die Mission ausgewählt zu werden, die ihn 1993 an Bord der Columbia in zehn Tagen 6,7 Millionen Kilometer zurücklegen ließ. „Sie müssen gut sein, aber es gehört auch Glück dazu“, sagt Walter. Geboren 1954 in Iserlohn, studierte Walter nach dem Abitur Physik, „weil ich früh gemerkt habe, dass mich die Grundlagen unseres Daseins interessieren“ – zunächst in Köln, dann in Chicago, schließlich in Berkeley. Weihnachten 1985 wurde er durch eine Nachricht in der „Tagesschau“ auf die Ausschreibung für die D2-Mission aufmerksam und bewarb sich. In einem mehrstufigen Auswahlprozess wurde die Zahl der Kandidaten sukzessive verkleinert – es ist ein weiter Weg, bis man tatsächlich als Astronaut ins All geschossen wird. Das Wichtigste: Astronauten brauchen ein naturwissenschaftliches Studium, „denn wir sind in erster Linie Wissenschaftler“. Während der D2-Mission führten Walter und seine Kollegen 88 Experimente aus den Bereichen Lebenswissenschaften, Materialforschung, Technologie, Erderkundung, Astronomie und Atmosphärenphysik im Spacelab durch.

          Anforderungen an einen Astronauten & Ausbildung

          Doch das Studium qualifiziert den Bewerber längst noch nicht ausreichend für einen Weltraumflug. Astronauten brauchen ein flugmedizinisches Zeugnis, sollten auf hohem wissenschaftlichen Niveau geforscht haben, körperlich fit und zudem teamfähig sein. „Im Bewerbungsverfahren werden unzählige Dinge geprüft und abgefragt“, erinnert sich Walter an den aufreibenden Prozess. Physikalisches und technisches Verständnis, räumliche Orientierung, Geschicklichkeit, die Fähigkeit zur Mehrfachbelastung, Motivation, Ausstrahlung, Konzentrationsfähigkeit, emotionale Stabilität, Extrovertiertheit – all das sind Fähigkeiten, die ein Kandidat mitbringen muss. Und: Er muss bereit sein, Opfer zu bringen, denn Astronauten sind vor, während und nach der Mission ständig unterwegs. „Die Scheidungsrate ist hoch“, weiß Walter.

          Wer zu den Auserwählten gehört, hat ein hartes, mehrjähriges Training vor sich, das Lehrgänge in Forschungsthemen, Sprachkurse für Russisch und Englisch oder auch Tauchunterricht beinhaltet. Noch immer zehrt Walter von den Erlebnissen und Erfahrungen im All – auch wenn der Job als Astronaut finanziell angesichts der Risiken und Opfer nicht wirklich lukrativ sei. Die Bezahlung richtet sich nach der für normale wissenschaftliche Mitarbeiter im öffentlichen Dienst.

          Walter ist der Raumfahrt bis heute treu geblieben und forscht inzwischen als Ordinarius für Raumfahrttechnik unter anderem an der Frage, wie Robotik im Weltraum stärker zur Geltung komme. Und obwohl er sich mit dieser Automatisierung beschäftigt, ist er sich sicher: „Es wird auch zukünftig immer Menschen brauchen, um Planeten zu erkunden.“

          Quelle: F.A.Z.

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