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„Mein Prof ist ein DJ“ heißt ein Clubevent, bei dem aus Dozenten Crowdsurfer werden Freiheit, Leute, Freiheit

Es gibt Dozenten, die stehen ganz gern vor Publikum. Und es gibt die richtigen Rampensäue – die immer schon davon geträumt haben, im Club crowdsurfend über den Bühnenrand zu hechten, sich das T-Shirt vom Körper zu reißen, Partys zu feiern, die von einer Hundertschaft Polizisten aufgelöst werden müssen. Für die, und nur für die, gibt es seit ein paar Jahren die Partynacht „Mein Prof ist ein DJ“. Eine Reportage aus der ersten Reihe.

© Karl Anton Koenigs Vergrößern Die Fans von Dr. Dodo zu Knypshausen-Aufseß feiern ihren Professor wie einen Rockstar. Der Jubel wird gemessen – wer am meisten Applaus bekommt, gewinnt.

In Nächten wie diesen werden Rockstars geboren. Das Publikum wird sie feiern, sie werden dem Publikum in die Arme fallen, das Publikum wird sie auf Händen tragen. Der Anfang allerdings ist Warten. Die einen warten draußen in der Schlange, die anderen backstage im Fritzclub in Berlin-Friedrichshain. Lichtkegel wandern über die leere Tanzfläche. Im Bühnenhintergrunddunkel steht Professor Dr. Michael Kleinaltenkamp und will von Nervosität nichts wissen. Aufgeregt? Kein bisschen. Ich sehe das, sagt Kleinaltenkamp, total olympisch. Dabei sein ist alles. Ist auch nicht sein erster Auftritt als DJ hier, zweimal schon hat er bei Veranstaltungen seiner Kirchengemeinde aufgelegt. Die Kirche, sagt er, hat gerockt.


Michael Kleinaltenkamp, Professor für Business- und Dienstleistungsmarketing an der Freien Universität Berlin, trägt ein Kapuzenshirt mit dem Aufdruck seines WiWi-Fachbereiches. Allein in seiner Erstsemester-Vorlesung mit 300 Teilnehmern hat er für seinen Auftritt 130 Karten verkauft. Acht Professoren verschiedener Berliner Universitäten und Fakultäten legen an diesem Abend im Fritzclub auf, je 15 Minuten, ein Duell an den Plattentellern, dann entscheidet die Beifall-Lautstärke über Sieg oder Niederlage, Pokal oder Sektflasche. Die technische Einweisung an den Reglern hat Michael Kleinaltenkamp schon hinter sich, seine Playlist, Talking Heads, Pink, Seeed, hat der assistierende Experte DJ Caniggia schon vor Wochen auf Tanzbarkeit geprüft. Als Finale plant Kleinaltenkamp einen Auftritt mit seiner Familienband The Kla’s. Tochter Katharina (20) singt. Sohn Moritz (18) spielt Schlagzeug, der Professor selbst Gitarre. Für den Bass hat er die studentische Hilfskraft seiner Marketing-Grundlagenvorlesung rekrutiert. Die Kinder, sagt der Professor, seien doch etwas nervös.


Premiere hatte die Professorennacht „Mein Prof ist ein DJ“ im Sommersemester 2007 in Tübingen, inzwischen gibt es sie in Uni-Städten quer durch die Republik. Professoren, Privatdozenten und Dekane haben mitgemacht, Physiker und Anglisten, Pharmazeuten und Theologen.


In Berlin geht die Professorennacht an diesem Donnerstagabend in die zweite Runde. Pontus Börje Persson war schon beim ersten Mal dabei, vor einem Jahr hier im Fritzclub. Es war das bislang letzte Mal, dass Persson, Leiter des Institutes für Vegetative Physiologie an der Charité, Dissertation summa cum laude über den „Einfluss arterieller Barorezeptoren und cardiopulmonaler Mechanorezeptoren auf den Langzeitblutdruck am wachen Hund“, eine Disco betreten hat. Er trat mit Schwedenshirt und Wikingerhelm auf, er legte ABBA auf, weil er sie zwar grottenschlecht, aber herrlich zum Tanzen fand, und er holte eben dazu eine Studentin auf die Bühne, die später mit dem Helm verschwand. Seine Frau war sauer. Nicht wegen der Studentin. Wegen des Wikingerhelms. Der gehörte Perssons dreijährigem Sohn.

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Veröffentlicht: 22.01.2013, 10:00 Uhr

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