Zwölf Stahlkolosse. Aufgereiht an der Hafenkante in Bremerhaven, ein Wald rostbedeckter Stahlröhren mit leuchtend gelber Spitze. Wie Fotostative eines Riesen sehen die Konstruktionen aus. Überdimensioniert, doppelt so hoch wie das Brandenburger Tor. Man fühlt sich winzig, wenn man unter ihnen hindurchgeht. Ein mächtiges Mittelrohr, sechs Meter dick, wird von drei Seiten abgestützt und steht auf drei Füßen. Es ist sonnig an diesem Tag in Bremerhaven. Aber das ist nicht so wichtig. Es ist windig. Und wegen des Windes sind die Riesenstative hier.
Die 800 Tonnen schweren Ungetüme sind sogenannte Tripods, Fundamente für Windräder. „Sie sind 50 Meter hoch, und 30 davon werden unter Wasser verschwinden“, sagt Marcus Delin, ein groß gewachsener Mann mit kurzen dunklen Haaren und türkisfarbenem Polo-Shirt. In den nächsten Wochen werden die Tripods 45 Kilometer nordwestlich der Nordseeinsel Borkum im Meeresgrund verankert werden – so tief, dass eine Wartung unmöglich sein wird, wenn sie erst einmal ihren Platz am Boden der See gefunden haben. Auf jedem der Tripods wird ein Windrad mit einer Leistung von fünf Megawatt montiert. Bis Mitte nächsten Jahres sollen sich dort, wo heute das Baufeld liegt, 40 Windräder im steten Wind drehen. Und 200 Megawatt ans Netz gehen, genug, um 200.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. In einer zweiten Projektphase kommen noch einmal 40 Windräder mit der gleichen Leistung hinzu. Ein Riesenprojekt.
Delin, 34, ist promovierter Ingenieur und spezialisiert auf Fertigungstechnik. Er arbeitet als Projektleiter für Trianel, den Bauherrn des Windparks Borkum West II. Delin koordiniert in Bremerhaven die verschiedenen Fertigungsschritte der Fundamente: die Vormontage der Rohre, die aus drei Meter langen Segmenten zusammengesetzt werden, die Endmontage der Tripods und schließlich ihre Verladung im Hafen. Die drei Standorte liegen nur ein paar Autominuten voneinander entfernt in Bremerhaven. Jede Woche kommt er für ein paar Tage her, die anderen Tage ist er in Hamburg, im Büro. Er ist ganz froh, dass er hier keinen Anzug tragen muss. Delin ist gern vor Ort, wo die schweren Arbeiten erledigt werden.
DICKER STAHL GEGEN HOHE WELLEN
Alles an diesen Stahlungetümen muss ein bisschen größer und stabiler sein. „Manche sagen, das sei klassischer Schiff- oder Stahlbau“, sagt Delin, doch die Konstruktionen hier müssen ungewöhnlich viel aushalten. Über 300 Tonnen Kopflast – Rotorblätter, Nabe und Maschinenhaus der Windkraftanlagen – sind an einem langen Turm montiert und den Kräften des Windes ausgesetzt. Jeder Flügelschlag des Rotors zerrt an Turm und Fundament. Jedes Mal steigt die Belastung der Struktur kurzzeitig stark an – Lastwechsel nennen Ingenieure das. Sie bedeuten für das Material viel stärkeren Stress als eine gleichmäßige Belastung. „Diese Strukturen sind auf über eine Milliarde Lastwechsel ausgelegt“, sagt Delin. „Im Stahlbau rechnet man üblicherweise mit zwei Millionen, etwa bei Bohrinseln.“ Dazu kommt die Belastung durch Wellen und Strömungen, und beide können in der Nordsee gewaltige Kräfte entfesseln: 2006 rollten während des Sturmes Britta Zehn-Meter-Wellen durch die See nördlich von Borkum. Bis zu elf Zentimeter dick sind deshalb die Stahlwände der Tripods – viermal so stark wie die Bordwand eines Öltankers. Das Ganze muss schließlich 25 Jahre lang halten. „Steht das Fundament erst einmal in der Nordsee, kann man es – anders als bei Windrädern an Land – nicht mehr auf Schäden untersuchen“, sagt Delin. Mit anderen Worten: Es darf nichts schiefgehen.
Delin arbeitet an den Schnittstellen der Fertigung. Er spricht ruhig und bestimmt, und man hat nicht das Gefühl, ihn könnte so schnell etwas aus der Fassung bringen. Der Mann stammt von der Ostsee, aus der Nähe von Rostock – einer Gegend, die keine Hektiker hervorbringt. Mit Schutzhelm, gelbgrüner Warnweste, Sicherheitsbrille und -schuhen schaut Delin in den Fabrikhallen und im Hafen, ob die Arbeiten im Zeitplan liegen. Ihm ist wichtig, dass er Bauleiter, Montageteams und auch einzelne Schweißer beim Namen kennt. „Ich habe das auf der Werft gelernt. Es erleichtert die Zusammenarbeit – gerade in stressigen Situationen, in denen es auf die Kooperationsbereitschaft jedes Einzelnen ankommt –, wenn man die Leute beim Namen kennt“, sagt Delin. Die Vormontage der riesigen Röhren, die Endmontage der Tripods, ihre Lagerung und Verschiffung müssen ineinandergreifen wie Zahnräder. Jede Verzögerung ist nicht nur ärgerlich, sondern beinahe absurd teuer. Die Errichterschiffe, die die Tripods zum Schluss auf die See hinausfahren und von denen aus die Stahlungetüme im Meer verankert werden, kosten bis zu 400.000 Euro am Tag. Muss das Schiff zehn Tage warten, hat der Bauherr also vier Millionen Euro im Meer versenkt. Und selbst wenn in der Fertigung an Land alles geklappt hat, kann ihm immer noch das Wetter dazwischenkommen. Ist der Wind zu stark, kann nicht gebaut werden. „Der Wind ist unser größter Freund, deswegen bauen wir ja hier. Gleichzeitig ist er unser größter Feind“, sagt Delin. Er sagt das nüchtern, bestimmt – ein Mann, der über einen Widerspruch redet, den er nie lösen können wird.
Zwischen 2010 und 2021 soll sich die Zahl aller Jobs in der Offshore-Windkraftbranche verdoppeln: auf geschätzte 33.000 Stellen.
Hohe Wellen, starker Wind. Aber es ist vor allem eines, das die Arbeit vor der Küste so besonders macht: Es gibt keine Erfahrungswerte. „Die ältesten Windparks sind seit gerade einmal zehn Jahren in Betrieb“, sagt Delin. Sie stehen vor allem in Großbritannien und Dänemark. Beide Länder sind Deutschland in der Offshore-Windkraft zwar Jahre voraus, doch Fünf-Megawatt-Anlagen haben sie in dieser Tiefe auch noch nicht gebaut. In der deutschen Nordsee müssen die Windparks aus Gründen des Naturschutzes weiter von der Küste entfernt liegen – im flachen Wattenmeer, wo der Bauaufwand viel geringer wäre, würden sie nicht genehmigt werden. Borkum West II wird in 25 Metern Wassertiefe gebaut, andere deutsche Offshore-Windparks sogar in 40 Metern Tiefe, beispielsweise BARD 1.
40 PROZENT MEHR WIND AUF SEE
Zwar ist der Bau von Offshore-Windparks teuer und technisch aufwendig. Doch die Aussichten auf starken und stetigen Wind sind verlockend. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums ist der Ertrag von Offshore-Windanlagen bis zu 40 Prozent höher als bei Anlagen an Land. Die Erwartungen an die Windparks auf See sind dementsprechend hoch. Seit Jahren heißt es, die Branche stehe vor dem Durchbruch. Die Bundesregierung will, dass der gesamte Strombedarf Deutschlands bis zum Jahr 2050 durch erneuerbare Energien gedeckt wird. Vor allem Offshore-Wind soll bis dahin massiv ausgebaut werden. Schon 2030 – also in 18 Jahren – sollen nach dem Willen der Regierung Windräder mit einer Leistung von 25 Gigawatt vor den deutschen Küsten stehen. Genug, um sämtliche Atomkraftwerke der Republik zu ersetzen. Das Problem: Die Branche ist davon noch weit entfernt.
Strom liefern bislang nur drei deutsche Offshore-Windparks. Alpha Ventus, ebenfalls vor Borkum gelegen, war der erste deutsche Windpark. Doch der war vor allem zu Forschungszwecken gebaut worden. In der Ostsee ist der von EnBW betriebene Windpark Baltic 1 bereits am Netz, und in der Nordsee drehen sich die ersten Windräder von BARD 1. Im Vergleich zur Windkraft an Land fällt Offshore-Wind allerdings kaum ins Gewicht. Von den insgesamt 22.297 Windrädern, die Ende 2011 in Deutschland installiert waren, stehen 55 auf See, und drei von ihnen waren noch nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen. Kurz: Auf 400 Windräder an Land kommt eines auf See. Während im Meer noch Pionierarbeit geleistet wird, geht die Windkraft an Land in die zweite Generation. Die Betreiber ersetzen 20 Jahre alte Windräder durch neue, leistungsfähigere Modelle. Offshore-Wind hat Nachholbedarf. Das heißt aber auch: Es gibt einiges zu tun.
Marcus Delin hat sich die Offshore-Branche gezielt ausgesucht. „Wer im Management bei so großen Projekten in der Fertigung arbeiten möchte, hat in Norddeutschland kaum Alternativen. Die Offshore-Windindustrie zieht die gesamte Kompetenz in der Region zusammen, und die wird noch eine Weile hierbleiben“, sagt Delin. Nach seinem Diplom als Wirtschaftsingenieur promovierte Delin in den Ingenieurwissenschaften und arbeitete bis 2007 an der Uni in Rostock. Er hätte als Experte in einer Fachabteilung arbeiten können, doch es zog ihn in die Fertigung. Er arbeitete in einer Werft für Luxusjachten und bei einem Hersteller von Windkraftanlagen, bevor er sich bei seinem jetzigen Arbeitgeber bewarb.
Bremerhaven ist ein Zentrum der Branche. In stillgelegte Hallen der Werftindustrie sind Offshore-Fertigung und Zulieferer eingezogen. Hafengesellschaften bauen ihre Kapazitäten aus. Die Branche ordert Spezialschiffe und bucht für die Besatzungen der Bauplattformen Helikopterflüge. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers schätzt, dass 2021 mehr als 33.000 Arbeitsplätze von der Offshore-Windkraft abhängen werden – 2010 waren es 15.000.
WIND STATT INVESTMENTBANK
Alexander Spitzy, 30, hat ein helles, kleines Büro in der HafenCity in Hamburg. Aus dem Fenster blickt man auf die Speicherstadt. An den Wänden hängen Pläne von Kabeln und von der Transformatorenstation, die einmal den Strom der Windräder auf See aufnehmen und weiterleiten wird. Spitzy, mit schwarzer Anzughose, hellblauem fein kariertem Hemd, steht von seinem Schreibtischstuhl auf. Marcus Delin kennt er gut. Sie sind Kollegen in derselben Firma, und doch könnte ihre Arbeit kaum unterschiedlicher sein. Spitzy ist kaufmännischer Projektleiter für den Windpark, er koordiniert das Budget, erstattet Banken und Gesellschaftern Bericht. Er ist das kaufmännische Pendant zu Marcus Delin.
Spitzy stammt aus Österreich. Nach seinem BWL-Studium in Wien war sein erster Impuls, in einer Investmentbank zu arbeiten. „Das schnelle Geld hat mich gelockt, doch dann kam die US-Immobilienkrise, und ich habe mir die Frage gestellt, welcher Sektor relativ konjunkturunabhängig ist“, sagt Spitzy. „Ich dachte mir, Energie wird in den nächsten hundert Jahren das bestimmende Thema sein.“ Spitzy ist ein lebhafter Typ. Er redet schnell, ein österreichischer Akzent macht die Sätze weich – als abgebrühten Investmentbanker mag man ihn sich nicht recht vorstellen.
2008 kam Spitzy zu Trianel und arbeitete am Hauptsitz in Aachen. Das Unternehmen ist ein Zusammenschluss von Stadtwerken, die ihren Strom gemeinsam vermarkten. Wenn Trianel ein eigenes neues Kraftwerk plant, wird dafür ein Tochterunternehmen gegründet – so war es auch im Fall des Windparks Borkum. Spitzy war in diesem Projekt von Anfang an dabei. „In der Projektentwicklung lernt man am meisten. Ich habe schnell coole Aufgaben bekommen und viel Vertrauen“, sagt Spitzy. Es sagt wirklich „coole Aufgaben“. Als Assistent eingestiegen, darf er sich heute Senior Referent nennen. „Ich bin zu einem wachsenden Unternehmen gegangen und mitgewachsen. Es steht zwar nicht der Name eines Branchenriesen in meinem Lebenslauf, aber ich bin jetzt in einer Position, die ich in einem Großkonzern nicht hätte.“
DAS BANKEN-PUZZLE
Auch für Spitzy ist Offshore-Wind Pionierarbeit. Eine Herausforderung: Es gibt keine Generalunternehmer, die Offshore-Windanlagen schlüsselfertig bauen. Spitzy läuft hinüber in den Konferenzraum. Dort gibt es eine Tafel, an der er aufzeichnet, was er jetzt erklärt. „Wir arbeiten mit Multicontracting – das heißt, Trianel schließt mit allen Gewerken einzelne Verträge ab“, sagt Spitzy. Es ist, als baue man ein Haus und müsse mit dem Maurer, dem Klempner, dem Elektriker und dem Dachdecker einzeln verhandeln, die Termine abstimmen und bei Verzögerungen die nächsten Schritte mit allen neu koordinieren. Es ist ein gewaltiges Puzzle, dessen Teile Spitzy jederzeit im Auge behalten muss.
Die andere Herausforderung ist die Finanzierung. Die Bankenkrise traf die Offshore-Branche, und sie wirkt bis heute nach. Bei Windrädern an Land, bei Gas- und Kohlekraftwerken gibt es verlässliche Erfahrungswerte über Baukosten, Betrieb und Energieausbeute – Banken und Anleger haben klare Renditeerwartungen. Die Offshore-Branche muss sich erst noch beweisen. „Als Trianel für 1,3 Milliarden Euro ein Kohlekraftwerk geplant hat, übernahm eine Bank allein eine Tranche von einer Milliarde, der Rest war Eigenkapital“, sagt Spitzy. „Bei Offshore-Windparks übernehmen Banken Tranchen von maximal 50 Millionen Euro.“ Deshalb muss für Offshore-Windparks mit vielen Banken gleichzeitig verhandelt werden. „Von den großen Energieversorgern wurden wir anfangs belächelt. Aber jetzt sind wir der erste projektfinanzierte Offshore-Windpark“, sagt Spitzy. Das heißt, zum ersten Mal haben Banken einen Offshore-Windpark finanziert, ohne dass die Sicherheit eines großen Konzernes dahinter steht. Spitzy sagt das nicht marktschreierisch, sondern wie jemand, der gerade eine komplizierte Maschine zum Laufen gebracht hat und dem erstaunten Zuschauer entgegenhält: „Geht doch!“
Die komplexe Finanzierung bedeutet im Alltag eine Menge Koordinationsaufwand. Wann immer es zu einer Verzögerung kommt, verteuert sich der Bau des Windparks. Spitzy muss den Kapitalgebern davon berichten und ihnen erklären, warum sie das benötigte Geld bereitstellen sollen. „Es ist ein ständiges Reporting an viele Parteien“, sagt Spitzy. Gerade bei Verzögerungen müsse das Unternehmen transparent sein. „Sonst haben Sie irgendwann den Ruf, ein Fass ohne Boden zu sein.“ Erst im Juni musste Trianel den Zeitplan ändern, weil der Übertragungsnetzbetreiber Tennet mitteilte, dass er den Netzanschluss für den Windpark erst vier bis fünf Monate später legen kann als geplant. Die 33 Stadtwerke, die an dem Windpark beteiligt sind, mussten die Finanzierung deshalb noch einmal erhöhen.
Bis Mitte 2013 muss der erste Bauabschnitt des Windparks Borkum am Netz sein. Liefert der Windpark erst einmal Strom, kann der Betreiber mit guten Einnahmen rechnen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz garantiert ihnen für zwölf Jahre eine Einspeisevergütung von 15 Cent pro Kilowattstunde (oder wahlweise 19 Cent über acht Jahre). Die Betreiber von Windrädern an Land bekommen nur 8,93 Cent für die ersten fünf Jahre, danach 4,87. Langfristig soll der Strom aus dem Seewind auf dem freien Strommarkt gehandelt werden. Unterdessen kennt sich Spitzy mit den technischen Details der Anlagen und Fundamente aus. Er weiß, wie der Korrosionsschutz unter Wasser funktioniert und an welcher Stelle der Tripods das Seil liegt, an dem das Stromkabel für die Windräder hinaufgezogen wird. Er hat gelernt, wie man beim Rammen der Fundamente unter Wasser die Lärmbelästigung für Schweinswale verringert – nämlich, indem man einen Schlauch um das Fundament legt, aus dem ein Schleier feiner Luftbläschen aufsteigt. „Das Wissen, das ich mir neben dem kaufmännischen aneigne, ist brutal. Man muss sich richtig reintigern“, sagt Spitzy mit einem Schwung, als würde er jetzt gern einen Stapel Bauzeichnungen durcharbeiten. Ob er manchmal bereut, dass er sich keinen Job als Investmentbanker gesucht hat? Spitzy winkt ab. „Die Industrie ist etwas zum Anfassen. In der Bank sehe ich nicht, wofür ich arbeite. Wenn ich die 800 Tonnen schweren Teile hier sehe, weiß ich: Da habe ich mitgemacht.“
Im Wind liegt die Kraft: Marcus Delin, 34, hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni Rostock studiert. Erst hat er Jachten gebaut, jetzt einen Windpark vor Borkum.
Zukunftsbranche gesucht, Job gefunden: Alexander Spitzy kümmert sich um die Kredite für den Windpark in der Nordsee.



