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Wie Jura-Studierende versuchen, zum Tode Verurteilte zu retten Das Seminar der Freiheitskämpfer

Mehr als 3.000 Insassen warten in den Todeszellen der Vereinigten Staaten auf ihre Hinrichtung. Für einige besteht die letzte Hoffnung in engagierten Jura-Studierenden, die in Uni-Kursen versuchen, die oft ungerechten Verfahren neu aufzurollen. Für einen zu Unrecht verurteilten Mann öffnete sich jetzt die Tür zur Freiheit. Nach 29 Jahren Todestrakt.

© Roderick Aichinger Vergrößern Wie eine Superheldin steht Kiva Schrager, 31, über den Dächern von New York. Schrager hat lange in einer der sogenannten Death Penalty Clinics gearbeitet, in denen versucht wird, Todeskandidaten zu helfen. Jetzt ist sie Anwältin.

Wie ein Schloss thront San Quentin über der Bucht von San Francisco. An schönen Tagen gleiten Windsurfer und Segelboote übers Wasser. Gleichzeitig beherbergt das 160 Jahre alte Gefängnis den größten Todestrakt der Vereinigten Staaten. Mehr als 700 Gefangene warten hier auf ihre Hinrichtung. Im vergangenen Winter trifft Kiva Schrager einen von ihnen.
Die Jura-Studentin hat seit Monaten an seinem Berufungsverfahren mitgearbeitet. Sie ist „nervös, ängstlich und aufgeregt“, erzählt sie, als sie den Mann in Jeans-Uniform in einer Besucherzelle aus Plexiglas trifft. Seinen Namen und Einzelheiten seines Falles darf sie nicht verraten, ihre Professorin will das so. Höchstwahrscheinlich ist der Mann wegen Mordes verurteilt, wie fast alle der Todeskandidaten in amerikanischen Gefängnissen. Auch über den Inhalt des Gespräches darf Kiva Schrager nicht reden; umso offener spricht sie über den Sturm der Gefühle, den die Begegnung mit ihrem Mandanten in ihr auslöst. Als sie später zu Hause ankommt, weint sie stundenlang. „Mir war bewusst geworden, was für eine ungeheure Verantwortung ich da trage“, sagt die 31-jährige Amerikanerin.
Kiva Schrager hat sich in der Death Penalty Clinic eingeschrieben. Der Kurs wird an der University of California in Berkeley angeboten. Etwa zehn Studierende können hier an Berufungsverfahren für Todeskandidaten mitarbeiten. Sie recherchieren die Fälle, decken Widersprüche in den Ermittlungen auf oder versuchen zu beweisen, dass ihr Mandant kein faires Verfahren erhalten hat. Im Grunde handelt es sich um ein unbezahltes Praktikum, nur dass die Kanzlei zur Universität gehört und der Anwalt als Professor angestellt ist.
Schrager hat sich für den Kurs entschieden, weil sie „den staatlich sanktionierten Mord“ ablehnt. „Der Kurs ist eine Gelegenheit, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das mich stark berührt“, sagt die Frau mit dem blonden Pagenkopf. Schrager interessiert sich schon lange für Menschenrechtsthemen. Vor einigen Jahren hat sie ein Praktikum bei einer Organisation absolviert, die die Haftbedingungen weiblicher Gefangener verbessern will. Vor zwei Jahren hat sie in den Semesterferien in einer New Yorker Kanzlei mitgearbeitet, die mittellose Gefangene bei Berufungsverfahren unterstützt. Ein wenig kann man die Anwältin bereits heraushören, wenn sie über ihre Erfahrungen im Todesstrafe-Kurs redet: „Ich kann hier möglicherweise Individuen helfen, deren Leben vom System bedroht sind.“
Rund ein Dutzend amerikanische Universitäten bieten derzeit Praxiskurse an, in denen Studierende Todeskandidaten rechtlich unterstützen. Solche „Law Clinics“ gibt es nicht nur zur Todesstrafe, sondern zu allen möglichen Gebieten: Insolvenzrecht, Familienrecht, Einwanderungsrecht. Während amerikanische Hochschulen 2010/11 mehr als 1.100 „Clinics“ im Programm hatten, ist diese Form der Lehre in Deutschland noch vergleichsweise selten. Derzeit veranstaltet zum Beispiel die Humboldt-Universität in Berlin eine „Law Clinic“ zu Grund- und Menschenrechten.

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Veröffentlicht: 10.12.2012, 11:44 Uhr

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