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Ein Dorf testet das bedingungslose Grundeinkommen : Geld für alle

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Die größte namibische Volksgruppe sind die Ovambo, die viel interessierter an Business sind als die Damara. Entsprechend neoliberal ist die Wirtschaftspolitik. Oft ist zu hören: „Die Damara haben ja nichts aus dem Geld gemacht.“ Aber erstens reichen 100 namibische Dollar nicht dafür aus, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen. Und zweitens sind die kulturellen Prioritäten der Damara schlichtweg andere. Wenn sie acht eigene Kinder haben und dazu noch zehn weitere durchfüttern, machen sie nebenbei kein Geschäft auf. Es ist ein weiteres Modellprojekt in Planung, das die Ovambo-Bevölkerung einschließen soll. Ich könnte mir gut denken, dass ein Grundeinkommen dort mehr ökonomische Impulse setzen würde. Aber das ist nur eine Vermutung, die ich erst beweisen müsste. In jedem Fall ist davon auszugehen, dass es ganz unterschiedliche, kulturell geprägte Formen des Umganges mit einem Basiseinkommen geben kann.

Was gefällt Ihnen an der Idee des Grundeinkommens?

Es gibt Menschen die Chance, eine Grundlage für ihr Leben zu schaffen. In vielen afrikanischen Dörfern versammelt man sich für wichtige Entscheidungen im Schatten eines großen Baumes. In Otjivero ist es ein Kameldornbaum mitten im Ort. Unter seiner Krone erfuhr die Bevölkerung vor fünf Jahren erstmals von dem Geld für alle. Der Baum hat es trotz der ungünstigen klimatischen Bedingungen aus eigener Kraft geschafft, groß und stark zu werden – weil man ihn hat wachsen lassen. Ich finde, auch die Menschen sollte man einfach mal machen lassen und ihnen nur die Unterstützung anbieten, die sie selbst haben wollen.

Was ist mit Befürchtungen, dass dann weniger gearbeitet oder das Geld in Alkohol umgesetzt wird?

Sie können natürlich nicht verhindern, dass einige Leute weniger Initiative aufbringen, als wenn sie das Geld nicht bekämen. Man kann auch nicht verhindern, dass manche Leute mehr trinken. In Otjivero haben gleich mehrere neue Kneipen aufgemacht, und da war natürlich Highlife. Aber das ist noch kein Grund, das Grundeinkommen abzulehnen. Es gibt in jeder Gesellschaft solche, die sich nicht aufraffen können oder die nicht so aktiv sind wie andere. Die müssen mit durchgezogen werden. Dafür ist Gesellschaft da, überall auf der Welt.

Ist es nicht verständlich, dass diejenigen, die das Geld gespendet haben, es auch in ihrem Sinne verwendet sehen wollen?

Dann ist es nicht mehr bedingungslos. Ein Grundeinkommen ohne Bedingungen setzt zwei Dinge voraus: Vertrauen in die Menschen, dass sie selbst am besten wissen, wofür sie die Mittel verwenden. Und Respekt vor kultureller Vielfalt im Umgang mit diesen Mitteln. Wenn es den Spendern in erster Linie darum geht, die Wirtschaft anzukurbeln, dann sollten andere Instrumente zum Einsatz kommen. Zum Beispiel kann man Mikrokredite für bestimmte Vorhaben vergeben.

Fänden Sie das bedingungslose Grundeinkommen für Deutschland eine gute Idee?

Als Wissenschaftlerin bin ich natürlich für einen Versuch in Deutschland. Ich würde zu gern sehen, was passieren würde. Aber mit einer Empfehlung halte ich mich lieber zurück.

Sie sagen, wir Deutschen definieren uns über das, was wir uns selbst aufbauen. Heißt das, wir würden weiterarbeiten und uns nicht, wie Skeptiker behaupten, auf die faule Haut legen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass plötzlich alle ihren Job aufgeben würden. Dazu definieren wir uns viel zu sehr über unsere Arbeit. Viele würden vielleicht die Arbeitszeit reduzieren. Dann hätten sie mehr Zeit, sich um sich selbst zu kümmern und um ihre Familien. Und das würde wieder mehr Jobs generieren.

Mehr Zeit für den Einzelnen und mehr Jobs für alle – klingt nicht übel …

Ja, aber das Grundeinkommen muss ja irgendwoher kommen. Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette dm und prominenter Befürworter der Idee, plädiert für ein Grundeinkommen von 1.000 Euro. Das würde uns jährlich über 900 Milliarden kosten. 900 Milliarden! Das halte ich nicht für realistisch. Namibia dagegen könnte sich aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte und der Einnahmen aus dem Verkauf von Diamanten und Uran ein Grundeinkommen für alle leisten. Ich fände es gut, wenn sie es dort mal fünf Jahre lang ausprobieren würden. Dann würde man sehen: Führt die Umverteilung tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit und weniger Armut? Oder ist es volkswirtschaftlich gesehen nichts weiter als eine schöne Idee?

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