https://www.faz.net/-i7f-87zya

Engagement : Flüchtlingskrise: Studenten helfen Flüchtlingen

  • -Aktualisiert am

Dilvar*, 12, ist mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen. Jede Woche geht sie auf den Fußballplatz. Bild: Uni Hildesheim/Isa Lange

Zwei Lehramtsstudenten der Uni Hildesheim wollen geflohenen Jugendlichen beim Ankommen in Deutschland helfen. Ihr Werkzeug: der Sport.

          Mikad* ist mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Er besucht eine Gesamtschule in Niedersachsen, lebt seit etwa zehn Monaten in Deutschland. Von der Sprachlernklasse hat der 12-Jährige gerade den Übergang in die Regelklasse geschafft. Er hat eine schwierige Vergangenheit, wie eigentlich alle Kinder in seiner Fußballgruppe, die Krieg und Flucht erlebt haben. „Er spricht die deutsche Sprache immer besser“, beobachtet der Student Omar Fahmy. „Mikad ist ein Vorbild für die anderen Kinder, er spricht fließend die arabische Sprache in Wort und Schrift und lernt sehr fleißig.“

          Mikad nimmt zusammen mit anderen Jugendlichen in den Sommerferien an einem Sportcamp der Lehramtsstudenten Dominik Feer und Omar Fahmy teil. Etwa 36 Jugendliche kicken und lernen zusammen, viele Kinder kommen aus Syrien, einige aus dem Irak, andere aus Serbien. Sie leben mit ihren Familien im Flüchtlingsheim, einige wohnen in einer Wohnung in der Stadt, andere im Landkreis, 10 Kilometer entfernt von Hildesheim.

          Omar Fahmy und Dominik Feer sind die Initiatoren des Sportprojekts.

          Flüchtlingskrise: Bildungschancen eröffnen

          Es ist August. Täglich sind Omar Fahmy und Dominik Feer auf dem Fußballplatz eines Hildesheimer Vereins. Ab 7 Uhr bereiten sie das Sportcamp vor, am Abend bauen sie ab. Dazwischen passiert viel. Nach einer Woche, es ist Samstag, fällt Omar Fahmy erschöpft ins Bett. „Ich muss das erst einmal verarbeiten. Ich bekomme immer mehr Geschichten mit. Es ist Wahnsinn, man denkt nicht, man spricht mit einem 11-Jährigen, sondern mit einem 20-Jährigen“, sagt der Student.

          Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur unterstützt diese Arbeit im Rahmen einer Soforthilfe für lehrerausbildende Universitäten, die Flüchtlinge beim Spracherwerb und beim Einstieg in ein Studium begleiten. Über die Arbeit an der Universität Hildesheim hat sich die Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic im August informiert. „Es geht darum, Flüchtlingen Bildungschancen zu eröffnen. Viele von ihnen verfügen über Bildungsqualifikationen und -potentiale, die wir nutzen wollen. Wir wollen Talente fördern“, so Heinen-Kljajic.

          Das Projekt FuNah („Fußball & Nachhilfe“) sieht die Ministerin als gelungenes Beispiel, wie man junge Flüchtlinge über den Sport erreicht. Hier spielen Kinder aus Flüchtlingsfamilien und Lehramtsstudenten nach individuellen Förderstunden gemeinsam Fußball. „Sport ist gemeinschaftliches Erleben, auch körperlich und emotional. Sport kann ein guter Anker sein, um Begegnungen anzubahnen“, sagt Sportprofessorin Vera Volkmann, die das FuNah-Projekt wissenschaftlich begleitet.

          Integration auf dem Fußballplatz

          Die Studenten arbeiten im FuNah-Projekt nicht nur in den Ferien, sondern auch in der Schulzeit mit Mädchen und Jungen zusammen und wollen die Verbindungen zwischen den Jugendlichen stärken, gemeinsam an Teamgeist und Vertrauen arbeiten. In einer Realschule in Peine lernen sie seit einem Jahr jeden Montagnachmittag gemeinsam, dann geht es auf den Sportplatz. In einer Hildesheimer Gesamtschule wollen sie seit Jahresbeginn Jugendliche aus einer Sprachlernklasse und aus den Regelklassen im Sport zusammenbringen.

          Das sei sehr wichtig, sagt Omar Fahmy und berichtet von einem Vorfall im August. Auf dem Sportplatz fielen Beleidigungen wie „Kanacke“, „Asylantenkinder“ und „Neger“. „Wir haben das Spiel sofort abgebrochen und gemeinsam über die Bedeutung der Wörter gesprochen. Ein Stück weit erzwingen wir diese Situation in einer heterogenen Gruppe. Wir müssen darüber reden, bevor es zu spät ist und solche Begriffe zum Alltag gehören“, sagt Omar Fahmy. Die Schüler würden solche Äußerungen aus dem Elternhaus, von Freunden oder im Internet aufschnappen. Oft wüssten sie gar nicht, was sie da eigentlich sagten.

          „Wir wollen nicht bessere Fußballer aus den Jugendlichen machen, wir wollen eine Gemeinschaft bilden“, sagt Omar Fahmy, dessen Familie aus dem Libanon und Ägypten kommt. Dominik Feer ergänzt: „Die Kinder sollen lernen, dass sie ihre Mitspieler brauchen, alleine geht es nicht.“ Warum er neben seinem Lehramtsstudium das Sport-Projekt entwickelt hat? Er wolle etwas zurückgeben und habe selber früh Sport getrieben. „Wir können dazu beitragen, dass Kinder schnell Fuß fassen in Hildesheim. Wir sollten jetzt die Kraft aufwenden, nicht dagegen arbeiten, sondern dafür. Die Kinder und Jugendlichen können nicht mehr zurück, sie lernen und leben in Hildesheim“, sagt Fahmy.

          * Namen von der Redaktion geändert

          Topmeldungen