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Couchsurfing für Einsteiger : Sofabekanntschaft gewünscht?

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Gemeinsam unterwegs: Mikhael und Sofia, die sich 2013 über Couchsurfing kennengelernten. Bild: privat

Günstig reisen und dabei auch noch nette Leute kennenlernen – praktische Tipps für alle, die sich fürs Couchsurfen interessieren.

          Im März 2013 reiste Mikhael Agafonov nach Manchester, um sich einen langgehegten Traum zu erfüllen: Der Journalist, DJ und Social-Media-Manager aus Moskau wollte ein Konzert der Girlband Girls Aloud erleben. „Ich war nur einen Tag in der Stadt und wollte nicht allein in einem Hotel schlafen. Außerdem war ich knapp bei Kasse, also schickte ich ein paar Anfragen auf couchsurfing.com raus“, erzählt der 28-Jährige. So landete er auf dem Sofa von Psychologiestudentin Sofia Xiromeriti – und fand in ihr eine Freundin fürs Leben. „Wir haben uns auf Anhieb verstanden“, erinnert sich Sofia, die vor sechs Jahren von Griechenland nach Manchester gezogen ist. „Mikhael hat ein wunderbares Lächeln und ein warmes Herz. Während wir durch die Straßen von Manchester liefen, redeten und lachten wir ununterbrochen. Seitdem sind wir regelmäßig per Mail in Kontakt. Vergangenen Sommer hat Mikhael mich erneut besucht, und im Herbst waren wir sogar zusammen in Schottland im Urlaub.“

          Vom Geheimtipp zum globalen Trend

          Geschichten wie die von Mikhael und Sofia werden dank Couchsurfing-Portalen ständig geschrieben. Die Idee, ein weltweites Gastfreundschaftsnetzwerk für kostenlose, private Schlafplätze zu gründen, stammt von dem Programmierer Casey Fenton. 1999, im Alter von 25 Jahren, reiste er von Boston nach Island. Weil er dort keine Unterkunft hatte, hackte er sich in die Datenbank der Universität ein, schrieb 1.500 Studenten an und bat um eine Bleibe. Nach wenigen Stunden hatte er Dutzende Antworten und übernachtete am Ende bei einem isländischen Sänger. Zurück in den Vereinigten Staaten beschloss er, ein Portal zu entwerfen, das genau solche Begegnungen möglich macht. 2003 ging couchsurfing.com an den Start.

          Das Prinzip ist einfach: Wer sich auf der Seite anmeldet, kann überall auf der Welt nach Unterkünften suchen. Gleichzeitig kann man – muss man aber nicht – seine eigene Couch anbieten. Vom Hippie-Geheimtipp wurde die Seite zum Globetrotter-Trend. Die Umstrukturierung zu einer profitorientierten Firma und die damit einhergehende Kommerzialisierung im Jahr 2011 gefiel zwar nicht allen Nutzern, aber trotzdem: Heute verzeichnet couchsurfing.com über elf Millionen Mitglieder in mehr als 150.000 Städten weltweit. Darüber hinaus gibt es Portale wie bewelcome.org, staydu.com und hospitalityclub.org, die ähnlich funktionieren.

          Eine Handvoll Regel sollte man beachten

          Was alle Portale vereint: Es geht nie bloß darum, umsonst zu übernachten, sondern Gesellschaft zu teilen und sich auszutauschen. „Couchsurfing ist wie eine Lebenseinstellung – und gerade in unseren unsicheren Zeiten halte ich es für enorm wichtig“, so Mikhael Agafonov. „Statt mit anderen Kulturen aneinanderzugeraten, lernt man sie lieben.“ Man bekommt einen Einblick, wie das Leben am Reiseziel wirklich ist, und der Gastgeber überreicht einem praktisch einen Backstage-Pass zu seiner Stadt.

          Damit es funktioniert, ist es allerdings wichtig, sich an Regeln zu halten. Um die Vertrauenswürdigkeit der anderen Mitglieder besser einschätzen zu können, gibt es ausführliche Nutzerprofile; Gastgeber und Gäste können sich gegenseitig bewerten. Hier gilt: Je detaillierter das eigene Profil, desto erfolgreicher die Aussicht auf Sofas und Gäste. Alter, Geschlecht, Sprachkenntnisse und Reisevorlieben sollte man unbedingt angeben. Auch ein freundliches Profilbild, auf dem das Gesicht gut zu erkennen ist, ist wichtig. Ebenso sorgfältig sollte man sich die Profile anderer Couchsurfer ansehen. Sieht die Wohnung auf den Fotos sauber aus? Hat man ähnliche Interessen? Decken sich Ansichten und Lebenseinstellung? Wer sich unsicher ist, kann zum Beispiel einen Skype- oder Whatsapp-Call vereinbaren, um herauszufinden, ob man sich versteht. Alleinreisende Frauen, die bei Männern übernachten, sollten ein erstes Treffen an einem öffentlichen Ort vorschlagen und die Schlafadresse immer bei Freunden hinterlegen. Manche Gastgeber nehmen übrigens auch Pärchen oder Familien auf. In vielen Städten gibt es wöchentliche Events, bei denen man Kontakte zu Couchsurfern knüpfen kann.

          Gastgeschenke kommen gut an

          Ist man schließlich bei einem anderen Surfer zu Gast, versteht es sich von selbst, sauber, bescheiden, freundlich und leise zu sein. Auch sollte man den Gastgeber nie im Unklaren lassen, ob man nun bei ihm übernachten will oder wann genau man ankommt. „Ich bringe auch immer ein kleines Gastgeschenk mit“, verrät Mikhael Agafonov. „Meistens einen russischen Wodka oder Schokolade.“ Alternativ kann man seinen Gastgeber zum Essen einladen oder für ihn kochen. Negative Erfahrungen haben Mikhael und Sofia in all den Jahren als Couchsurfer nie gemacht. „Das Schlimmste, das mir passiert ist, ist, dass jemand mal nicht auf eine Anfrage geantwortet hat“, so Mikhael weiter. „Der Trick ist, mehreren Leuten zu schreiben. Zwei bis drei Wochen vorher ist ein guter Zeitpunkt. Früher macht wenig Sinn, weil viele Leute nicht so lange im Voraus planen.“ Ein bisschen Mut gehört beim Couchsurfing vielleicht dazu. Genauso wie Gastfreundschaft, Offenheit, Neugierde und die Fähigkeit, Fremden grundsätzlich erst mal mit Vertrauen – und nicht Misstrauen – zu begegnen. Im Gegenzug winken tolle Erfahrungen und viele neue Bekanntschaften. „Couchsurfing macht die Welt zu einem besseren Ort“, findet Sofia.

          Auf www.couchsurfing.com finden sich weitere hilfreiche Tipps zum Thema Sicherheit.

          Die wichtigsten Tipps zusammengefasst:

          -Profile anderer Mitglieder aufmerksam lesen

          -auf den eigenen Instinkt hören, wenn sich eine Situation unsicher anfühlt

          -einen Back-up-Plan haben, falls beim Couchsurfing etwas dazwischenkommt

          -sich über den Zielort vorher gut informieren

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