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Freiwilligendienst : Oh, wie schön ist Israel

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Philipp Straub hat es in Israel so gut gefallen, dass er nach dem Freiwilligendienst auch noch ein Praktikum in Israel gemacht hat. Bild: privat

Kibbuz, Freiwilligendienst, Praktikum – für Studenten, die Israel näher kennenlernen möchten, gibt es verschiedene Programme. Ein Überblick.

          Der Tourismus in Israel boomt: 4,12 Millionen Menschen besuchten das Heilige Land im vergangenen Jahr. Das ist ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus Deutschland reisten 262.500 Touristen an, um historische Orte und Welterbe-Stätten wie Jerusalem oder Bethlehem, die Partystadt Tel Aviv oder das Tote Meer zu erleben. Noch nie haben in einem Jahr so viele Deutsche Israel besucht. Und 2019 dürften die Zahlen weiter steigen, denn 18 Kilometer nördlich von Eilat wird in Kürze der internationale Ilan-und-Assaf-Ramon-Flughafen den Betrieb aufnehmen. Eilat, das ist jene Küstenstadt am Roten Meer, die die „New York Times“ gerade auf Platz sechs der sehenswertesten Reiseziele 2019 gesetzt hat.

          Für Studenten, die Israel in den Semesterferien näher kennenlernen möchten, gibt es verschiedene Programme und Möglichkeiten. Philipp Straub reiste im Sommer 2017 nach Israel, um Freiwilligenarbeit zu leisten. „Mich hat das Land schon immer fasziniert, weil es die Schnittstelle zwischen dem Westen und der arabischen Welt, zwischen Europa und dem Mittleren Osten ist“, sagt der 27-Jährige, der vom Bodensee stammt und nach seinem Bachelor in European Studies in Italien einen Master in International Affairs gemacht hat. „Während meiner Zeit in Israel habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Israelis sind sehr interessiert, kontaktfreudig und offen – auch gegenüber Deutschen. Berlin ist für viele ein Sehnsuchtsort, und mit entsprechendem Interesse begegnen sie jungen Deutschen.“

          Israelis machen Freiwilligendienste

          Gute Adressen bei der Suche nach Freiwilligenarbeit sind Organisationen wie WWOOF oder Workaway. Bei beiden gibt es im Gegenzug für die Arbeit Kost und Logis. Während WWOOF Aufenthalte auf Bio-Bauernhöfen oder Selbstversorgerhöfen vermittelt, sind bei Workaway darüber hinaus auch andere Jobs, zum Beispiel in Hostels oder Gasthäusern, gelistet. Philipp Straub fand über Workaway einen Bio-Hof in der Nähe des Kibbuz Harduf im Norden Israels, wo er drei Wochen lang Gemüse pflückte, Felder neu bestückte und Hofarbeit absolvierte. „Neben mir haben dort Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern gearbeitet, aber auch viele Israelis“, sagt er. „In der israelischen Kultur spielt gegenseitige Hilfe eine große Rolle, darum gibt es dort viele Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit.“

          Tatsächlich engagieren sich etwa 20 Prozent der israelischen Erwachsenen ehrenamtlich in insgesamt 278 öffentlichen Freiwilligenorganisationen, die die Arbeit des Gesundheitswesens und der sozialen Dienste unterstützen. Auch dort sind Freiwillige aus dem Ausland willkommen. Die Koordina­tion erfolgt über den Nationalen Rat für Freiwilligendienst in Israel. Zudem gibt es in Deutschland einige Organisationen, die Freiwilligendienste vermitteln. Eine Übersicht bietet die Internetseite der Israelischen Botschaft in Berlin.

          Im Kibbuz arbeiten gegen Kost und Logis

          Auch in Kibbuzen – so bezeichnet man ländliche Kollektivsiedlungen in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen – ist Freiwilligenarbeit möglich. Das Kibbutz Volunteers Program Center vermittelt solche Stellen, etwa auf Bauernhöfen oder in touristischen Einrichtungen. Bewerber müssen zwischen 18 und 35 Jahre alt sein und zwei bis zwölf Monate im Kibbuz arbeiten – an fünf bis sechs Tagen der Woche. Im Gegenzug gibt es kostenlose Unterkunft, drei Mahlzeiten am Tag und Taschengeld sowie Zugang zu allen Einrichtungen und kulturellen Aktivitäten im Kibbuz.

          Etwas schwerer hat es, wer ein Praktikum in Israel absolvieren möchte. Das Konzept Praktikum ist in Israel nicht so verbreitet wie hierzulande. Wer länger als drei Monate bleibt, braucht außerdem ein Visum – und dafür viele Papiere. Hilfe bei der Vermittlung von Praktikumsplätzen bietet das 2015 vom Berlin-Tel Aviv Technology & Entrepreneurship Committee und dem Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland ins Leben gerufene Projekt „New Kibbutz“. Es vermittelt Bachelor- und Masterstudenten aus Deutschland zwei- bis sechsmonatige Praktika in israelischen Unternehmen oder Start-ups aus den Bereichen Hightech und IT, Life-Sciences.

          Darüber hinaus bieten auch gemeinnützige Organisationen wie NGOs oder Vereine, das Goethe-Institut, die Deutsch-Israelische Industrie- und Handelskammer oder etwa das Auswärtige Amt Praktika an. Auch alle fünf deutschen politischen Stiftungen sind in Israel vertreten. Knapp ein Jahr nach seinem Freiwilligendienst wählte Philipp Straub ebenfalls diesen Weg. „Weil mir mein erster Aufenthalt in Israel so gut gefallen hat, ging ich im Herbst 2018 für ein dreimonatiges Praktikum nach Tel Aviv. Dort habe ich mich total wohl gefühlt. Die Stadt ist sehr westlich und hat eine mediterrane Kultur, die Menschen sind viel draußen, in Restaurants, Cafés und Bars.“

          Hohe Lebenshaltungskosten

          Obwohl das Auswärtige Amt in seinen aktuellen Sicherheitshinweisen für Israel auf die Gefahr von Ausschreitungen hinweist, hat Straub sich nie unsicher gefühlt – weder in Harduf oder Tel Aviv noch während seiner Reisen durch das Land. „Selbst im Westjor­danland waren die Menschen wahnsinnig offen und nett“, sagt er. „Das Land ist leicht zu bereisen und hat eine sehr gute Infrastruktur. Der einzige Nachteil ist, dass die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind. Gerade in Tel Aviv haben die Preise durch den IT-Boom in den vergangenen Jahren enorm zugelegt. Das ist zwar auch ein Problem für die Einheimischen, aber die Kultur ist dort eine andere. Wenn alle paar Jahre Krieg ist, spart man weniger für die Zukunft. Die Menschen leben dort viel mehr im Moment.“ Sein Tipp, für alle, die nach Israel gehen: „Man sollte sich auf jeden Fall vorher mit der Geschichte und Kultur auseinandersetzen – und dann einfach offen sein.“

          Weitere Infos zu Austauschprogrammen in Israel

          Anbieter wie WWOOF (www.wwoof.de) oder Workaway (www.workaway.info) vermitteln Freiwilligenarbeit gegen Kost und Logis, zum Beispiel auf Bauernhöfen oder in Hostels.

          Mehr Informationen zum Nationalen Rat für Freiwilligendienste in Israel gibt es unter: www.ivolunteer.org.il

          Der einzige Anbieter für Kibbuz-Aufenthalte ist das Kibbutz Volunteers Program Center: www.kibbutzvolunteers.org.il

          Informationen zum New-Kibbutz-Program: www.israel.ahk.de/new-kibbutz

          Ausführliche Informationen zu möglichen Aufenthalten in Israel bietet die Israelische Botschaft in Berlin: www.embassies.gov.il/berlin/departments/offentlichkeitsarbeit/AufenthalteinIsrael

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