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Private Vorsorge : „Man sollte sich neutral beraten lassen“

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Katharina Lawrence ist Expertin für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Frankfurt am Main. Bild: Verbraucherzentrale Frankfurt

Je früher, desto besser? Ein Gespräch mit Katharina Lawrence, Expertin für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Frankfurt am Main, über den richtigen Zeitpunkt für Studenten, über private Vorsorge nachzudenken.

          Frau Lawrence, sollten Studenten für das Alter privat vorsorgen?

          Studierende müssen im Hier und Jetzt über die Runden kommen, sich ihr Geld für die Zeit des Studiums einteilen und sehen, dass sie möglichst ohne Schulden in den Beruf einsteigen. Falls Bafög-Schulden entstehen oder ein Studienkredit aufgenommen werden muss, gilt die Regel: Schuldentilgung geht vor Altersvorsorge. Wichtig in diesem Lebensabschnitt ist, für das Nötigste an Risikoschutz zu sorgen. Das heißt, jeder Studierende sollte privat haftpflichtversichert sein. Eventuell kann ein Studierender sich bereits Gedanken über eine Berufsunfähigkeitsversicherung machen. Aber da kommt es sehr auf den Beruf an, den der Einzelne ergreifen will. Und man sollte genauestens in den Tarif schauen und sich neutral beraten lassen. Diejenigen, die neben dem Studium arbeiten – wenn auch nur im Minijob –, sollten darauf achten, dass sie gesetzlich rentenversichert sind. Alles über den Minijob findet man auf der Website der Deutschen Rentenversicherung oder auf minijob-zentrale.de.

          Gibt es spezielle Studenten-Vorsorgeangebote, und worauf sollen Interessierte bei solchen Angeboten achten?

          Besondere Angebote zur Altersvorsorge für Studenten sollte man mit Vorsicht genießen und sich über die eigenen Ziele klar sein, ehe man sich langfristig auf irgendein Angebot festlegt. Allein Minijobber, die Rentenversicherungsbeiträge zahlen, könnten schon einen Riester-Vertrag abschließen. Aber auch bei Riester-Verträgen gibt es unterschiedliche Sparformen.

          Wann sollte man mit dem Sparen beginnen, und wie hoch sollen die Beträge sein, die man dafür abstellt?

          Als Minijobber muss man 60 Euro im Jahr in einen Riester-Vertrag zahlen, um die volle Zulagenförderung zu erhalten. Da Riester-Verträge an die deutsche Rentenversicherungspflicht gebunden sind, ist ein solcher Vertrag wenig sinnvoll, wenn nach dem Studium eine Selbständigkeit oder ein längerfristiger Auslandsaufenthalt geplant ist.

          Welche Form der Vorsorge passt am besten zu einem Studierenden?

          Es sollte zuerst einmal eine flexible Rücklage in einer schnell verfügbaren Geldanlageform gebildet werden, um auf die Eventualitäten im Leben reagieren zu können. Ein Tagesgeldkonto kann hier hilfreich sein. Zurückgelegtes Geld ist gut für Zeiten, in denen man wegen Prüfungen nicht arbeiten kann, oder es ermöglicht einen Umzug oder Ähnliches.

          Gibt es Unterschiede für Frauen und Männer?

          In der Realität sind mehr Frauen als Männer von Altersarmut bedroht. Dies liegt daran, dass Frauen häufiger gebrochene Erwerbsbiographien haben, weniger verdienen und weniger für sich selbst auf die Seite legen konnten. Wer Teilzeit arbeitet, zahlt weniger in die Deutsche Rentenversicherung ein, erhält weniger Rente und hat weniger Geld zur Verfügung, um privat für sein Alter vorzusorgen. Immer, wenn im Leben entscheidende Schritte geplant werden, daran denken: Was bedeutet das für mein Alter? Kann ich mit dem Beruf, in der Branche oder mit der Selbständigkeit genug erwirtschaften, um Geld für das Alter zurückzulegen?

          Was sollte man bei einer einschlägigen Beratung im Blick behalten?

          Es gibt die abhängige Beratung und die unabhängige Beratung. Institute müssen bestehende und potentielle Kunden seit Januar dieses Jahres darüber informieren, ob die Anlageberatung unabhängig erbracht wird oder nicht. Fragen Sie im Zweifel nach, ob für die Beratung eine umfangreiche oder eine auf bestimmte Finanzinstrumente oder Produktanbieter beschränkte Analyse zugrunde gelegt wird. Wird die Beratung über Provisionen zum Beispiel von Versicherungen oder Investmentgesellschaften bezahlt? Grundsätzlich gilt: nicht sofort unterschreiben. Alles erst in Ruhe lesen und nur das abschließen, was man tatsächlich verstanden hat und was zu den eigenen Risikovorstellungen und Lebensplänen passt. Konkrete Zahlen, wie Kosten im Vertrag, sollten Sie anschauen, den Taschenrechner in die Hand nehmen und rechnen.

          Kann ich im Nachhinein Verträge anpassen?

          Das kommt auf die Art der Verträge an. Bei vielen Verträgen ist eine nachträgliche Anpassung entweder nicht möglich, oder sie kostet viel Geld. Mehr als ärgerlich ist es, wenn man Eigenkapital für eine Immobilie braucht und das Geld in Verträgen feststeckt oder die Börse gerade auf einem Niedrigstand ist.

          Warum sollte ich heute viel sparen, wenn später gesetzliche Regelungen Sparer benachteiligen könnten?

          Die Rahmenbedingungen im Bereich der Geldanlage und Altersvorsorge können sich im Laufe der Zeit ändern. Regelungen im Steuerrecht oder zu den Sozialversicherungen sind nicht in Stein gemeißelt. Um die Chance zu haben, auf Veränderungen zu reagieren, sollte man sich regelmäßig mit diesen Themen befassen.

          Das Interview führte Benjamin Feingold.

          Das Wichtigste in Kürze:

          Schuldentilgung geht vor Altersvorsorge.

          Existentielle Risiken versichern.

          Nur mit einem auskömmlichen Einkommen wird eine auskömmliche Altersvorsorge möglich.

          Sich immer wieder mit dem Thema befassen.

          Gelassenheit walten und sich nicht drängen lassen. Keine Verträge sofort unterschreiben.

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