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BONJOUR, BOOTCAMP : Ausweitung der Kampfzone

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Allez, allez! Können Studenten etwas von Soldaten lernen? Besuch im französischen Bootcamp. Bild: Stephanie Füssenich

Auf einem Truppenübungsplatz in der Bretagne bringen Soldaten MBA-Studenten bei, was ein guter Chef ist – in einer Mischung aus Abenteuerurlaub und Bootcamp. Kann das gut gehen?

          7 Min.

          Dimitri zittert am ganzen Körper. Er liegt auf einem straff gespannten Stahlseil, fünf Meter über dem Waldboden, und soll sich jetzt bis zu einer rettenden Plattform hangeln. Weil Dimitri zittert, schwingt das Seil. Die Stahlkordel und Dimitris Höhenangst schaukeln sich gegenseitig hoch. „Ich ertrage diese Leere nicht!“, schreit er. Schweiß rinnt ihm über das Gesicht. Unten am Boden stehen Menschen, die ihn halb schaulustig, halb mitfühlend beobachten. Die meisten sind vor ihm selbst über das Seil gekrochen. Manche haben sich dabei die Hände blutig gescheuert. Einige feuern Dimitri an: „Don’t worry! You can do it!“ Und tatsächlich – er schafft es.

          Abseits der Menschentraube steht ein Mann mit Militäruniform, sehr kurzem Haar und stechendem Blick. „Du darfst Angst haben“, hatte er vor der Übung gesagt. „Nur Nein sagen, das darfst du nicht!“ Wer ein „Leader“ werden will, muss seine Grenzen überwinden können, um auch andere zu Leistung anzutreiben. Das ist die Ansage. Dimitri ist Franzose und leitet mit 29 Jahren das Frankreich-Geschäft einer Schweizer Unternehmensberatung. Wie die anderen, die ihm vom Boden aus zusehen, will er ein Anführer sein und in Toppositionen von Unternehmen aufsteigen.

          Deswegen sind die MBA-Studenten der Mannheim Business School und der Pariser Partner-Uni ESSEC jetzt hier – auf einem 5.500 Hektar großen Truppenübungsplatz der Armeeschule Saint-Cyr Coëtquidan in der Nähe von Rennes im Westen Frankreichs. Kampf­er­prob­te Sondereinsatzkräfte des französischen Heeres treiben die Studenten zu Mutproben an. Sie sollen ihnen zeigen, dass sie vom Militär etwas für ihr Leben als Manager lernen können. Die gut 50 Teilnehmer sind Deutsche und Franzosen, Italiener, Spanier, Briten, Inder, Kanadier, Brasilianer. Sie sind alle schon im Job und meist zwischen 30 und 40 Jahre alt. Sie arbeiten bei BASF, SAP oder Alstom. In Mannheim und in Paris absolvieren sie einen berufsbegleitenden Executive MBA.

          Auch Erststudierende werden immer öfter zum Truppentraining nach Saint-Cyr geschickt. Die von Napoleon gegründete Armee-Akademie erlebt einen Ansturm von Business-Studenten: Wie die ESSEC machen immer mehr französische Elitehochschulen ein paar Tage in Kampfanzug und Kaserne zur Pflicht. Die Mannheim Business School hat sich ihrer Partner-Uni angeschlossen, zumal die Bundeswehr nichts Vergleichbares anbietet. „In Deutschland wären solche Seminare anrüchig“, sagt ein deutscher Teilnehmer. „Unsere Geschichte verbietet es uns, dem Militär Einfluss auf das zivile Leben zu gewähren.“ In Frankreich gibt es solche Berührungsängste nicht.

          Es ist 6 Uhr morgens und ziemlich kühl, als die Jungmanager aus Paris, Mannheim und Frankfurt zu ihrem Bootcamp antreten. Niemand weiß, was ihn erwartet. Die Nacht war kurz, der Schlaf schlecht. Jeweils vier Leute teilen sich eine spartanisch ausgestattete Stube. Schlaff statt militärisch-stramm stehen Dimitri und die anderen nun auf dem Kasernenhof. Alle tragen feuerfeste Kampfanzüge in Dunkelgrün. Vor der Kaserne begrüßt Oberstleutnant Xavier Latournerie ein Dutzend Studenten, die ihm zugeteilt worden sind. Die Seminarsprache ist Englisch, untermalt von französischem Akzent. Xavier ist ein ruhiger, freundlicher Mann in den Fünfzigern, der nicht so schneidig auftritt wie der Offizier am Hochseil. Trotzdem vermittelt auch er Härte und Kampferprobtheit, sein halbes Leben hat er als Kommandeur in Afrika und in Afghanistan verbracht. Einige seiner Männer hat er sterben sehen. „Wenn du unter Feuer stehst, lernst du dich selbst richtig kennen“, sagt er.

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