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Rentiere, Moonboots, Polarlichter. Studieren im norwegischen Tromsø : Der Campus am Ende der Welt

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Wer Kälte und Wintersport mag, muss Tromsø einfach lieben. Nur die Bremer Kneipenszene vermisst Benjamin Merkel (24) manchmal. Rund vier Stunden braucht man mit dem Flugzeug von Hamburg über Oslo bis nach Tromsø. Bild: Kimm Saatvedt

Acht Wochen lang versinkt die norwegische Uni-Stadt Tromsø jedes Jahr in der Dunkelheit der Polarnacht. Wie hält man es nur aus, hier zu studieren? Mit Rentierrennen in der Innenstadt, Partys in Moonboots und Cocktailkleid. Und einer eigenen Bierbrauerei in der WG-Küche

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          Dass sie hier studieren würde, irgendwann, das stand fest – seit Jahren schon. Als Katharina Streuff noch all ihre Freunde beneidete, deren Berufswunsch schon seit Kindergartenzeiten feststand oder wenigstens seit der Oberstufe. Als sie noch mit ihrer besten Freundin durch Südamerika reiste, von einem Freiwilligenprojekt zum anderen, und in einem Internetcafé in Quito Studienfächer und Bewerbungsverfahren recherchierte. Sie wusste es, sagt Katharina, 25, von dem Moment an, als sie zu Abi-Zeiten einen Zeitschriftenartikel über Tromsø las: die Stadt mit der nördlichsten Uni der Welt. Da will ich hin. Sie fing dann erst mal mit Geowissenschaften an, in Kiel. Aber nach Tromsø wollte sie immer noch. Und Polarforscherin werden, vielleicht. Manchmal, sagt Katharina, setze ich mir Sachen in den Kopf, die ich machen will.

          Seit anderthalb Jahren studiert Katharina in Tromsø, Nordnorwegen, knapp 350 Kilometer Luftlinie nördlich des Polarkreises: Master in Marine Geology and Geophysics. Sitzt im Café des Teorifagbyget mit Strickjacke, Mütze, Pulswärmern – alles selbst gestrickt –, während draußen das bisschen Tageslicht vor sich hindämmert, das in Tromsø als Wintervormittag durchgeht, und findet, wenn schon Winter, dann richtig. Mit Schnee, reichlich. Nicht dieses Regengesöff, das man in Hamburg die ganze Zeit aufgetischt bekommt.

          Das halbe Dutzend Mitbewohner in ihrem Wohnheimhaus kommt aus Pakistan, Russland, Italien. An der Uni stellen Deutsche das halbe Geologie-Institut, angefangen mit dem Institutsleiter. Es gibt ziemlich viele, die dem verfallen, was Katharina „Tromsøianitis“ getauft hat.

          Ausgerechnet Tromsø. Knapp 70.000 Einwohner auf einer Stadtfläche so groß wie das Saarland, auf demselben Breitengrad wie Nordalaska, 2.000 Kilometer bis zum Nordpol. Hier ist Norwegen fast zu Ende, Europa, die Welt. Zwei Monate im Jahr geht die Sonne nicht unter, zwei Monate geht sie nicht auf. Jahresdurchschnittstemperatur 2,5 Grad Celsius. Die Einheimischen fassen die klimatischen Bedingungen so zusammen: acht Monate Winter, vier Monate schlechte Skiverhältnisse.

          Der Campus liegt auf einem Hügel nicht weit vom Stadtzentrum auf der Insel Tromsøya. Die Universität Tromsø, gegründet 1972, ist eine Uni im Wachstum. Gerade haben die Zahnmediziner ein neues Gebäude bekommen, hinter dem Institut für Naturwissenschaft und Technik graben Bagger für den nächsten Neubau. Norwegens Hochschulen konkurrieren heftig um Studierende. Fördermittel werden auch nach der Zahl der Studierenden bemessen, die eine Uni erfolgreich zum Abschluss bringt. Tromsø als Stadt mit der nördlichsten Uni weltweit legt Wert darauf, dass man hier mehr kann als „Norden“. Dennoch versteht man die Lage am Rand der Arktis als Auftrag. Und ist führend in Linguistik, Friedensforschung, Indigenen Studien, Telemedizin. Es passiert eben viel hier, sagt Ute Vogel, 45, 2003 aus Hamburg nach Tromsø gezogen und Beraterin in der Internationalen Abteilung der Universität. Tromsø ist näher dran an den großen Themen: Klimawandel, arktische Ressourcen. Das Fram Centre, ein Netzwerk von 20 Instituten, forscht zu Umweltthemen, die heute den hohen Norden bewegen und morgen den Rest der Welt. 

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