https://www.faz.net/-i7b-79evy

Schlaflos in Südkorea: Die härteste Examensvorbereitung der Welt : Die Prüfung

  • -Aktualisiert am

„Wissen ist hier Mittel zum Überleben“ Bild: Foto: Sim Chi Yin / VII Mentor Program

Wer sich in Südkorea auf ein Examen vorbereitet, zieht vermutlich irgendwann an diesen Ort: nach Gosichon, einen Stadtteil von Seoul. In schallgedämpften Räumen, in einer Welt, die nur aus Bibliotheken und winzigen Lernhotels besteht, bereiten sich Zehntausende auf die einmal im Jahr stattfindenden Examen vor. Kein Sport, keine Freundschaften, keine Ablenkungen, das sind die Regeln Gosichons. Einer der Studierenden ist Sumin Oh. Ja, er habe die Hoffnung, die Prüfung zu bestehen, sagt er. Denn sonst? „Bin ich ein toter Mann.“

          Seine Welt ist geschrumpft auf eine kahle Zimmerzelle, ein paar Häuserblocks; er wollte es so. Seine Tage sind genormt und getaktet, alles getilgt, was sein Ziel gefährden könnte, Sport, Freizeit, Frauen. Sein Leben war nie so einsam wie jetzt, allein unter Tausenden, die leben wie er, auf ein paar Quadratmetern Wohnheimzimmer oder Kleinstapartment, von billigem Kantinenessen, Instantkaffee und zu wenig Schlaf. Sumin Oh hat sich selbst in die Verbannung geschickt. Willkommen in Gosichon. Gosichon, das Prüfungsdorf, liegt im Westen der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, ein paar Straßenzüge, verteilt auf zwei Hügel rechts und links von einer mehrspurigen Hauptstraße, die sich durch den Stadtteil Sillim zur Seoul National University zieht. Eine Enklave aus Lesesälen, Studieninstituten, Buchläden, in die zieht, wer lernen will für eine Prüfung, ungestört und rund um die Uhr. Fast alle hier lernen für eine von drei großen staatlichen Prüfungen, die Aufnahmetests für den öffentlichen und für den auswärtigen Dienst oder zur Zulassung als Anwalt, jede nur einmal im Jahr zu absolvieren, mal besteht einer von zwanzig, mal einer von vierzig.

          Gosichon nahm seinen Anfang Mitte der 1970er-Jahre mit immer mehr Studieninstituten, die sich im Viertel ansiedelten, dann zogen die Studierenden selbst nach. Heute leben hier 23.000 Prüfungsanwärter, Gosi genannt, die meisten zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig. Hierherzukommen, sagen sie, ist, wie in ein anderes Land zu ziehen. Sumin Oh, 27 Jahre alt, Uni-Abschluss in Wohlfahrtspflege von der Chungnam-Nationaluniversität in Daejeon, lebt seit drei Monaten im Prüfungsdorf. Seine Tage in Gosichon beginnen in Zimmer 216, ein Bett, ein Schrank, ein Mini-Kühlschrank, die Tür öffnet sich per Nummerncode.

          Gositel oder Gosiwon heißen die typischen Unterkünfte hier, irgendwo zwischen Wohnheim und billigem Motel. Sumins Gositel liegt an der Hauptstraße über einem Maklerbüro und einem Barbecue-Restaurant, 250.000 Won Monatsmiete, umgerechnet 175 Euro, für ein kammerkleines Zimmer, Gemeinschaftsküche und Dusche auf dem Gang, WiFi kostenlos. Die Besitzerin verwaltet ihr Gositel wie eine Hausmutter ihr Internat, strikte Geschlechtertrennung, 18 Jungen auf der zweiten, elf Mädchen auf der dritten Etage.

          Jeden Morgen trifft Sumin die Mitglieder seiner Lerngruppe in der Bibliothek der Seoul National University, Anwesenheitskontrolle auf Gegenseitigkeit, danach lernt jeder für sich. Sumin lernt für die Aufnahmeprüfung im öffentlichen Dienst, präzise nach Plan, mit Tageszielen, selbst Krankheitstage sind eingerechnet bis zu den beiden Prüfungen im Spätsommer. Die eine würde ihm die Beamtenlaufbahn in Seoul eröffnen, die andere einen Behördenjob in seiner Heimatstadt, einer 60.000-Einwohner-Kommune irgendwo im Süden. Zwei Multiple-Choice-Tests, je 100 Fragen in 100 Minuten, er trainiert mit Stoppuhr.

          Manche leben für Jahre in den schäbigen Lernhotels der Stadt

          Von den beiden Mädchen in seiner Lerngruppe hält er sich fern, aus Selbstschutz, weil Verliebtsein beim Lernen stören würde, Sumin Oh, Mann der Bücher, Mönch wider Willen. Auf seinem Smartphone hütet er das Bild seines Sixpacks aus vergangenen Sportlerzeiten. Die Aufnäher seiner Militärjacke feiern Musik, Tequila, Frauen und Marihuana. Manchmal finden sich Paare in Gosichon, und wenn er sie zusammen lernen sieht, weiß er nicht, wie das funktionieren soll. Die Mädchen bestehen meistens trotzdem. Die Jungs nicht. Nicht multitaskingfähig, sagt Sumin. Es gibt keine sichtbaren Grenzen, die Gosichon vom Rest der Hauptstadt trennen. Eine Parallelwelt auf den zweiten Blick, in der Immobilienmakler und Kantinenbetreiber mit Noten und Namen ehemaliger Prüflinge werben und Lesesäle damit, dass sie offiziell nur zweimal am Tag die Eingangstür zum Verlassen des Gebäudes öffnen. Eine Welt, in der Menschen beinahe jede wache Minute im kalten Neonlicht mehrstöckiger Lesesäle verbringen, klimatisiert und kameraüberwacht, in nummerierten Verschlägen aus Pressholzplatten, die Wände mit Post-it-Zetteln beklebt, die Türschlösser mit Schaumstoff gepolstert, geräuschlos bis auf das weiße Rauschen, mit dem in der Zimmerdecke eingelassene Generatoren die stillen Räume fluten, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Bis kurz vor den Prüfungen die Nerven so blank liegen, dass einer, der seinen Platz verlässt, bei der Rückkehr vielleicht einen Zettel auf dem Tisch findet: Du atmest zu laut.

          Topmeldungen

          Bayern 3:3 in Amsterdam : „Ein sensationell gutes Spiel“

          Beim 3:3 der Münchner in Amsterdam spielt der Fußball verrückt. Trainer Niko Kovac ist zufrieden. Doch die Partie offenbart einige Baustellen beim FC Bayern. Vor allem einer spricht sie an.

          Vor EU-Gipfel in Brüssel : Maas bleibt hart bei Brexit-Vertrag

          Nach ihrem überstandenen Misstrauensvotum will Theresa May das Brexit-Abkommen in Brüssel nachverhandeln – doch dafür sieht die Bundesregierung kaum Chancen. Man sei „auf alles vorbereitet“, sagt der Außenminister.