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Sehen so Engel aus? : Ein amerikanischer Psychologe glaubt, dass einander zu helfen der neue Karriere-Kick ist

  • -Aktualisiert am

Bild: Michael Kamber

Der Organisationspsychologe Adam Grant ist einer der jüngsten Professoren der Vereinigten Staaten. Und einer der beliebtesten. Er glaubt, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn wir die Ellenbogen einfahren. Und selbstlos einander helfen.

          Wer auf dem Campus nach Adam Grant Ausschau hält, hat es nicht schwer. Er muss nur nach einer kleinen Menschenmenge mit einem Glatzkopf in der Mitte suchen. Die Leute, die sich um den Professor scharen, sind zum größten Teil seine Studierenden. Und sie wissen: Ihr Wirtschaftsprof tut alles für sie. Du willst Kontakte zur Wirtschaftswelt? Grant lässt dich nach Belieben in seinen LinkedIn-Connections stöbern. Kontakte zu Google, Goldman Sachs und anderen Wirtschaftsgrößen fädelt er stets bereitwillig ein. Du weißt nicht, in welche Richtung es nach dem MBA gehen soll? Kein Problem, Professor Grant hört zu und berät. Bis du einen Job findest. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

          Als sich Grant wenig später im Vorlesungssaal zu einem seiner Studenten beugt, einem leicht ergrauten Herren in der ersten Reihe, sieht es aus, als hätten Schüler und Professor die Plätze getauscht. Denn Grant ist gerade einmal 32 Jahre alt. Das macht ihn zum jüngsten Professor an der Wharton School der University of Pennsylvania. Außerdem ist er hier auch der höchstbewertete Forscher. Dabei vertritt der Organisationspsychologe eine recht ausgefallene Theorie: Je mehr man für andere macht, je mehr man ihnen hilft, desto weiter kommt man selbst. Altruismus als Erfolgsrezept.

          Realitätsfremd? Abgehoben? Das glaubt keiner von Grants Kollegen. Denn dass er recht hat, hat Grant in bislang rund 70 Studien nachgewiesen. Nun ziehen seine Erkenntnisse immer weitere Kreise durch die amerikanischen Medien: Gier und Egoismus zahlen sich nicht aus. Über Leichen zu gehen ebenso wenig. Wer gibt und für andere da ist, kann sich bis an die Spitze hocharbeiten. Grants Lebenslauf ist der beste Beleg.

          Mit 19 arbeitete er in einem Callcenter. Rückblickend nennt er seine ersten Akquise-Versuche das große Scheitern. Bis er damals einige studentische Mitarbeiter der Firma kennenlernte. „Für sie machte der Job den entscheidenden Unterschied. Ohne das Geld konnten sie ihre Studiengebühren und Lebenshaltungskosten nicht decken.“ Und Grant ging ein Licht auf: Je mehr das Unternehmen wuchs, desto mehr studentische Aushilfen würde es einstellen können. Und desto mehr Studis wäre geholfen. Der altruistische Gedanke beflügelte – Grant erreichte die höchste Zahl an Akquisen in der Geschichte des Unternehmens. Doch das reichte ihm nicht. Seine Kollegen sollten ihren Job genauso motiviert machen wie er. Deshalb lud Grant regelmäßig studentische Mitarbeiter in das Callcenter ein. Die Studis erzählten ein wenig von sich und bedankten sich dafür, dass die Akquise-Abteilung ihre Jobs ermöglichte. Die von Grant eingefädelten Begegnungen wirkten: Die Einnahmen des Unternehmens stiegen um mehr als 400 Prozent. Und der Altruist mit dem Sinn fürs Wirtschaftliche wurde mit 19 zum Leiter der Werbeabteilung ernannt. Neben seinem Studium an der Harvard University delegierte er nun ein Budget von einer Million Dollar.

          Seinen Kollegen helfen ist ja schön und gut. Aber was unterscheidet die Geber am unteren Ende der Karriereleiter von den Gebern in den Chefsesseln? Wer sich ewig ausnutzen lässt, wird es wohl kaum weit bringen. „Die in den höchsten Etagen geben auf schlaue Weise“, schreibt Grant in seinem Buch „Geben und Nehmen“. Anstatt anderen bei jeder Kleinigkeit zu helfen, legen sie sich etwa einen Hilfsschwerpunkt zu. Zum Beispiel ein Wissensgebiet, für das sie ein sicheres Händchen haben. Und das ihnen Spaß macht. So wenden sich andere nicht mit jedem x-beliebigen Anliegen an sie. Gleichzeitig sind sie froh über die Qualität der Informationen und für die Hilfe entsprechend dankbar. Und das gilt nicht nur für die Wirtschaftswelt, sondern kann auch bei den Kommilitonen beliebt machen.

          Weitere Empfehlung des Überfliegers: der Fünf-Minuten-Gefallen. „Es geht um entscheidende Hilfestellung – etwa zeitsensible Informationen teilen oder zwei Leute miteinander bekannt machen, die sich gegenseitig in ihren Zielen maßgeblich voranbringen können“, so Grant. Grant hat nicht nur Tipps für seine Studierenden sowie für seine Leser parat. Der Juniorprofessor arbeitet auch als Berater, unter anderem für Google, Goldman Sachs, Merck und die Vereinten Nationen. Sie alle wollen wissen, wie sie die Hilfsbereitschaft ihrer Mitarbeiter einsetzen können, um ihre Produktivität und Effizienz zu steigern. Doch Grant will mehr, als den Firmen größere Einnahmen zu verschaffen. Er will das Leben der Mitarbeiter verbessern. Ihre Jobs sollen sie glücklich und zufrieden machen. So wie seiner ihn: „Als Professor fühle ich mich, als hätte ich den besten Job auf der Welt. Ich kann unterrichten, mit brillanten, motivierten und inspirierenden Studierenden und Führungskräften zusammenarbeiten und von ihnen allen lernen“, schwärmt der Dozent. Und wenn seine Studierenden nach der Vorlesung noch eine Frage haben, können sie ihn immer auf dem Handy erreichen.

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